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Reviewed by:
  • Entwicklungen der Dramatik und Formen des Theaters in Österreich seit den 1960er Jahren ed. by Sieglinde Klettenhammer und Wolfgang Wiesmüller
  • Peter Höyng
Sieglinde Klettenhammer und Wolfgang Wiesmüller, Hrsg., Entwicklungen der Dramatik und Formen des Theaters in Österreich seit den 1960er Jahren. Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft 93. Innsbruck: Innsbruck UP, 2020. 185 S.

Dieser Sammelband mit seinen zwölf Aufsätzen verdankt sich einer Tagung, die im Frühjahr 2018 an der Universität Innsbruck abgehalten wurde. Medial-thematischer Fokus sind "vornehmlich Theatertexte und weniger ihre Bühnenrealisierungen" (10), und zeitlich wählte man die vergangenen sechs Dekaden beziehungsweise die 1960er Jahre als Ausgangspunkt, weil [End Page 136] sich damals die österreichische Nachkriegsliteratur vom "vorherrschenden Traditionalismus" abnabelte und somit auch "eine neue Dramatik zu entwickeln begann, die wesentlich zur Modernisierung des deutschsprachigen Theaters beitrug" (10). Obwohl leider ein Sach- und/oder Personenregister fehlt, wird der Sammelband zukünft ig auch deshalb gut verwendbar sein, weil jeder Artikel zusammengefasst ist (sowohl in deutscher und, etwas verwunderlich, auch englischer Sprache). Wie für das akademische Genre einer Aufsatzsammlung typisch, zeichnet sich auch dieser Band in mehrerlei Hinsicht durch eine Vielfalt aus.

Letzteres ist zunächst daran ablesbar, dass die zwölf BeiträgerInnen ein Spektrum an unterschiedlichen akademischen Biographien aufweisen, wobei leider auch offensichtlich wird, dass die akademische Arbeit von Geisteswissenschaft lerInnen weiterhin durch prekäre Schieflagen strukturiert ist. Man trifft auf junge AkademikerInnen wie auch emeritierte KollegInnen, die an unterschiedlichen Institutionen—Universitäten wie auch Archiven—, und noch dazu in anderen europäischen Ländern, tätig sind. Weiterhin fällt auf, dass beispielsweise gleich zwei ausgewiesene Thomas Bernhard-Forscher (Manfred Mittermayer und Martin Huber) und auch eine namhafte Jelinek-Exegetin anzutreffen sind (Allyson Fiddler, die sich dieses Mal jedoch den Theaterwerken von Marlene Streeruwitz widmet). Neben diesen arrivierten KollegInnen sind namhafte Junior-KollegInnen wie etwa Uta Degner, die das postfiktionale Theater Jelineks analysiert, und angehende GermanistInnen wie Harald Geschwandtner vertreten, der Handkes anti-Brechtsche Art des epischen Theaters interpretiert.

Trotz dieser kollegialen Vielfalt gelingt es den HerausgeberInnen Sieglinde Klettenhammer und Wolfgang Wiesmüller von der Universität Innsbruck in ihrer knapp umrissenen Einleitung von nur vier Seiten, konzise ihren Ansatz zu erklären und die Beiträge kursorisch darzustellen. Vor allem zielte die Tagung einerseits auf den Paradigmenwechsel bei der Dramatik und dem österreichischen Theater seit den 1960er Jahren ab, und andererseits auf exemplarische dramenästhetische Neuerungsprozesse, "zu denen vor allem das Paradigma der Postdramatik gehört" (10).

Diese beiden Herangehensweisen eingedenk, verwundert es denn auch nicht, welche AutorInnen im Band berücksichtigt werden. Selbstredend gehörten Beiträge zu Thomas Bernhard, Peter Handke, und Elfriede Jelinek in den Band, da die drei zu den bekanntesten und auch meistgespielten AutorInnen gehören—zumal inzwischen zwei von ihnen mit dem Nobelpreis [End Page 137] ausgezeichnet worden sind—und auch dank der von ihnen gerne in Szene gesetzten Theaterskandale. Ebenso stimmig findet sich auch der Aufsatz von Allyson Fiddler zu Marlene Streeruwitz, die 1992 als Nachwuchsdramatikerin gefeiert wurde, oder auch jener aufschlussreiche von Werner Miesbacher zu dem viel zu früh verstorbenen Werner Schwab und, erstmals, zweien seiner frühen Hör-Stücke. Zur Reihe der renommierten und inzwischen kanonisierten Moderne gehören selbstverständlich auch H.C. Artmann und Wolfgang Bauer, jeder auf seine Weise die Avantgarde der späten 1950er und 1960er Jahre verkörpernd. Während Johann Holzner H. C. Artmanns intertextuelle Anverwandlung Hartmanns von Kleists Der zerbrochene Krug leider allzu kurz abhandelt, zeigt Sigurd Paul Scheichl auf überzeugende Weise, dass Bauers Skandalstück Magic Afternoon (1968) aus heutiger Sicht seine Radikalität eingebüßt hat. Mit Katrin Röggla, die sich längt als postdramatische und medienkritische Dramatikerin etabliert hat, setzt sich Werner Michler auseinander, indem er auf überzeugende Weise anhand ihres Theatertextes die unvermeidlichen (2010) die Qualitäten des "Einbruch des Realen" nachweist. Um überhaupt ein Verständnis und auch Gefühl dafür zu erlangen, wogegen einst H. C. Artmann, Wolfgang Bauer und Peter Handke angefangen hatten, neue Formen des Dramas zu probieren, ist der Beitrag von Maria Kłańska hilfreich, indem sie schlüssig aufzeigt, wie Franz Theodor Csokors vergessenes Eichmann-Drama Das Zeichen an der Wand (1962...

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