In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

Reviewed by:
  • ,Humanismus‘ in der Krise. Debatten und Diskurse zwischen Weimarer Republik und geteiltem Deutschland ed. by Matthias Löwe and Gregor Streim
  • Thorsten Carstensen
,Humanismus‘ in der Krise. Debatten und Diskurse zwischen Weimarer Republik und geteiltem Deutschland.
Herausgegeben von Matthias Löwe und Gregor Streim. Berlin/Boston: De Gruyter, 2017. 335 Seiten. €99,95 / $114.99 gebunden oder eBook.

In einer Rundfunkansprache für Radio Bremen im Januar 1947, wenige Wochen nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil, appellierte der Publizist und Schriftsteller [End Page 741] Alfred Kantorowicz an Deutschland, sich innerlich zu rehabilitieren und zu einer Freiheit durchzuringen, die ,,als geistige Kraft und humane Ordnung“ aufgefasst werden könne. Schon Anfang der 1930er Jahre hatte Kantorowicz in seinem nie aufgeführten Theaterstück Deutschland: Das ist eine Minderheit den Humanismus als Heilmittel in Aussicht gestellt, mit dessen Hilfe die Kulturnation vor dem Fall in die Barbarei zu bewahren sei. Und noch in den Jahrzehnten nach dem Krieg, als er weder in der DDR noch in Westdeutschland heimisch wurde, warb Kantorowicz beharrlich für die Rückbesinnung auf die humanistische Tradition, indem er, unter anderem als Herausgeber der Zeitschrift Ost und West, die Deutschen mit Exilautor*innen wie Anna Seghers und insbesondere Heinrich Mann vertraut zu machen versuchte. Den Verfasser von Werken wie Der Untertan hielt Kantorowicz, der in Ost-Berlin das Heinrich-Mann-Archiv leitete, für den wichtigsten zeitgenössischen Repräsentanten des Humanismus.

Der Name Alfred Kantorowicz spielt in der Auseinandersetzung mit der Intellektuellengeschichte der 1930er und 1940er Jahre heute kaum noch eine Rolle. Seine Publikationen können jedoch als anschaulicher Beleg dafür gelten, dass ,,in der deutschen Kulturgeschichte nie wieder so intensiv Über ,Humanismus‘ nachgedacht [wurde] wie in diesen zwei Jahrzehnten“ (1), wie die Herausgeber des vorliegenden Bandes in ihrer Einleitung schreiben. Dessen Beiträge rekonstruieren die vielfältigen Vorstellungen eines neuen Humanismus aus literarischer, philosophischer, soziologischer und rechtsgeschichtlicher Perspektive. Bewusst verzichtet die Anthologie dabei auf eine Aktualisierung der Debatten bzw. auf die Thematisierung der Frage, welche Relevanz der Begriff für die Gegenwart hätte. Was die Beiträge unter ,,Humanismus“ verstehen, das bringt am besten Ludwig Stockinger im Zusammenhang mit Thomas Manns Deutschlandroman Doktor Faustus auf den Punkt: Demnach entsteht und entwickelt er sich als ,,Kampfbegriff für die Forderung nach einer Gemeinschaft bildenden Norm menschlichen Handelns in einer kulturellen Situation, in der die Pluralisierung der Wahrheit angesichts des Geltungsverlustes religiöser Autoritäten als Krise empfunden wird“ (217).

Die Herausgeber Matthias Löwe und Gregor Streim skizzieren, dass es sich bei den Revisionen der Humanismusidee, wie sie in den 1930er und 1940er Jahren als ,,Setzungen über das Wesen des Menschen“ (12) virulent wurden, in der Regel um ,,therapeutische Angebote für eine als krisenhaft empfundene Gegenwart“ (10) handelt – für eine Epoche, in der Normen und Werte einer Tendenz zur Relativierung ausgesetzt scheinen, wie es Hermann Broch in seiner Schlafwandler-Trilogie vorgeführt hatte. Die Humanismuskonzepte sehen sie als ,,Normensysteme [ . . . ], die zwar die natürliche Verfasstheit des Menschen und die schwindende Autorität des Christentums anerkennen, aber zugleich eine Auflösung aller Moral in Biologismus vermeiden wollen und daher versuchen, ein Wertkonzept zu bewahren, das an der Differenz zwischen Geist und Materie festhält“ (11). Dabei gelingt es dem Band in der Tat, sowohl den Blick für die in der Einleitung angesprochenen ,,inneren Begründungsschwierigkeiten des Humanismus im 20. Jahrhundert“ zu schärfen als auch die unterschiedlichen Ansätze ,,historisierend in zeitgenössische Konstellationen und Krisendiskurse“ einzuordnen (13).

Die Sammlung enthält 16 Aufsätze und ist in drei thematische Schwerpunkte unterteilt. Die thematische Bandbreite der Beiträge ist schon für sich genommen imposant; sie trägt außerdem dem Umstand Rechnung, dass die Forderungen nach einer [End Page 742] Neubegründung des Humanismus aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erhoben wurden (wobei die weibliche Perspektive in diesem Buch allerdings ausgespart bleibt). Der erste Teil des Bandes widmet sich der Kritik am Neuhumanismus der Klassik, die nicht selten prägnante ideologische Umwertungen zur Folge hatte. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Ernst A. Schmidt mit Werner Jaegers Interpretation des in der Zwischenkriegszeit viel diskutierten Projekts eines ,Dritten Humanismus‘, der oft auch nationalpädagogische Züge trug. Michael Großheim er...

pdf

Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 741-745
Launched on MUSE
2021-01-20
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.