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  • Einleitung: Aras Ören – Zeitzeuge, Chronist und Archivar (West)Berlins
  • Ela Gezen

Ich bin Türke, geboren 1939 in Istanbul. / Mein Paß trägt die Nummer TR-B 295136. / Bin 1,85 m groß, wiege 78 Kilo. / Mitten auf dem Kopf habe ich eine Glatze, meine Augenbrauen / aber sind buschig; / als besonderes Merkmal habe ich eine große Nase / und einen Schnauzbart (manchmal lasse ich mir auch einen / Vollbart stehen) / ich kam in diese Stadt aus freien Stücken, / ließ mich hier am 09. September 1969 nieder. / Die Gründe für mein Privatexil / möchte ich lieber für mich behalten. Ich glaube, was ich / erzähle genügt euch.

(Ören, Dazwischen 38)

In diesen Versen gibt der Schriftsteller, Poet, Essayist, Theatermacher und Aktivist Aras Ören lyrisch seinen Lebenslauf wieder, mit sichtbarem Schwerpunkt auf sein Äußeres. Doch er erwähnt auch seine Einwanderung nach Westberlin, die direkt an sein Schreiben, das ,,Erzählen“, gebunden ist. Sein ,,Privatexil“, welches seine Auswanderung aus der Türkei wie auch seinen Aufenthalt in Deutschland umfasst, dient als Titel für zwei seiner Publikationen, der 1977 veröffentlichten Gedichtsammlung Privatexil und seiner 1999 erschienenen Tübinger Poetikvorlesungen Privatexil: Ein Programm? Drei Vorlesungen. In seiner zweiten Tübinger Vorlesung, ,,Selbstbild mit Stadt“, geht er näher auf den von ihm geschaffenen Neologismus ,,Privatexil“ ein:

Mein privates Exil würde erst an dem Tag zu Ende gehen, an dem ich meine neue Heimat für mich erobern, sie als meine tatsächliche neue Heimat empfinden würde. Das würde hier, in Berlin stattfinden. Ich würde sie, meine neue Heimat schreibend entdecken. Dies war das Ziel und der Sinn meiner schriftstellerischen Tätigkeit. [ . . . ] Das konkrete Ergebnis [ . . . ]: Die Auseinandersetzung mit dem fremden Blick eines Exilanten auf die Stadt, als eine Reihe von geschriebenen Werken, deren Entdeckungsreichtum nicht zu unterschätzen ist.

(39)

Die Zentralität (West)Berlins für sein literarisches Werk, Örens Wahrnehmung und auch seine Verbundenheit mit dieser Stadt, die er sich schreibend [End Page 563] aneignet, sowie auch Zusammenhänge seiner Texte, werden hier erkennbar. Letzteres wird durch diese Passage insbesondere veranschaulicht, in dem sie das Verhältnis seiner Texte zueinander durch die prosaische Ergänzung der lyrischen Einführung des ,,Privatexils“ exemplifiziert. Darüber hinaus konstituiert er seine literarische Perspektive auf die Stadt als ,,fremden Blick eines Exilanten“, jedoch ist fremd hier nicht als nicht-dazugehörig und außenstehend, sondern als bereichernd und somit positiv konnotiert, was gleichzeitig in der Aneignung der Stadt und einer literarischen Stadtgeschichte resultiert.

Aras Ören hat in verschiedenen Aufsätzen, Interviews und teilweise auch in seinem literarischen Oeuvre seine Poetik explizit formuliert – wie den vorangegangenen Zeilen entnommen werden kann. Im Rahmen dieser Einleitung möchte ich auf Teilaspekte seiner Poetikvorlesungen eingehen (mit einem Schwerpunkt auf der frühen Phase seiner literarischen Tätigkeit): In diesen hat er sich nicht nur zum Stellenwert und der Verortung türkischdeutscher Literatur innerhalb der deutschen Literaturlandschaft geäußert, sondern auch zur Signifikanz der türkischen Einwanderung für die Literatur allgemein und für Westberlin im Besonderen. Dies geschieht unter Berücksichtigung seiner eigenen Migrationserfahrungen und der Frage, inwiefern diese sein literarisches Oeuvre nicht nur nachhaltig beeinflusst, sondern auch bedingt haben. Es werden weitere Texte herangezogen, die in den Vorlesungen ausgeführte Ansätze und Zusammenhänge erkennen lassen und somit wiederholt auf das Verhältnis seiner Texte untereinander hindeuten.1

In seiner dritten Tübinger Poetikvorlesung, ,,Die Stadt ist kein Völker-kundemuseum“, heißt es: ,,Alles, was ich je geschrieben habe, ist ein Zeugnis der Zeiten, die ich mitgestaltete und der Zeitlichkeiten, deren Zeuge ich war“ (53). Ören versteht sich als eine Art literarischer Chronist und weist auf die Evokation multipler und sich verändernder Zeitlichkeiten in seinem Werk hin, wobei er seine aktive Rolle bei deren Gestaltung unterstreicht. Örens ,,poetisches Denken“ ist durch eine dynamische Wechselwirkung verschiedener Zeitlichkeiten gekennzeichnet, die in seiner literarischen Praxis durch die Ansiedlung von Bildern seiner türkischen Vergangenheit in ,,verschiedenen Zeiten“ seiner deutschen Gegenwart sichtbar wird (,,Vorstellungskraft“ 8; 12). ,,In ganz andere Zusammenhänge gebracht“, schreibt Ören, ,,erzeugen sie neue Spannungen und gewinnen den Texten einen neuen Wahrheitsgehalt ab“ (,,Vorstellungskraft“ 12). Durch diese literarische Methode stellt Ören Verbindungen zwischen türkischen...

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Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 563-570
Launched on MUSE
2021-01-20
Open Access
No
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