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  • Literarische Vernunftkritik im Roman der Gegenwart by Leonhard Herrmann
  • Brigitte E. Jirku
Literarische Vernunftkritik im Roman der Gegenwart. Von Leonhard Herrmann. Stuttgart: Metzler, 2017. ix + 366 Seiten. € 79,99 gebunden, € 62,99 eBook.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist die Studie von Leonhard Herrmann eine wichtige und interessante Stellungnahme zur deutschsprachigen Literatur nach der Wende. Die Literatur der Gegenwart steht in diesem Fall unter keinem Zeichen von Post-, sei es Postmoderne oder postmemory, sondern beruft sich auf die Entwicklung des Vernunftbegriffs und seine unterschiedlichen Ausfaltungen seit Kant. Somit reiht Leonhard Herrmann die literarische Produktion seit dem Mauerfall in das Paradigma des mit der Querelle des Anciens et des Modernes verbundenen Moderneansatzes und seiner verschiedenen Entwicklungen ein und knüpft an Diskussionen über Vernunftkritik in der Literatur der 1970er und 1980er Jahre an. Dies kann als Veto gedeutet werden, die jüngere deutsche Geschichte innerhalb der Suche nach einem neuen Selbstverständnis als Ankerpunkt der neuen Literatur zu lesen; der Autor verankert sie in einer längeren Vernunft-Tradition, deren Grenzen ein neues Weltbild einfordern. [End Page 171]

In der Einleitung situiert Leonhard Herrmann die verschiedenen Entwicklungen innerhalb eines historisch-sozialen Kontexts und greift dabei u.a. auf Debatten und Einschätzungen in den Feuilletons zurück. Auch neu gegründete Preise zeigen als Zentrum der Debatte die Polarität von Wirklichkeit und Aktualität vs. Autonomie der Literatur, d.h. ihren Eigenwert (6). Mit dem Verweis auf die Vernunftskepsis des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird um die Jahrtausendwende das Andere der Vernunft, ,,das Unsagbare doch noch sagen zu wollen", mehr als je zur Aufgabe der Literatur. In den Besprechungen geht Herrmann daher den Grenzen der Vernunft nicht im philosophischen Sinn, sondern in ihrer ästhetischen Wirkung nach. Die ersten zwei Abschnitte der Studie – ,,Voraussetzungen literarischer Vernunftkritik: Philosophische Vernunftkritik und ihre Aporien" und ,,Systematik literarischer Vernunftkritik" – bieten einen kurzen Überblick über zentrale Diskurse der Vernunftkritik im 20. Jahrhundert wie jene von Horkheimer/Adorno, Gadamer, Derrida u.a. sowie von vernunftbejahenden Denkern wie Habermas oder Seel. Wie u.a. die bemerkenswerte Bibliographie nachweist, rezipiert die Arbeit alle wichtigen Studien über die Beziehung zwischen Literatur und Vernunft.

Spannend wird es im Hauptteil ,,Formen literarischer Vernunftkritik". Die fünf Unterkapitel – Gelehrtenromane, Postapokalyptische Romane, Gesellschaftsromane, Erinnerungsromane und Reiseromane – sind der repräsentativen Besprechung einzelner Werke gewidmet. Bei der Analyse der Gegenwartsliteratur greift Herrmann auf ein Korpus von knapp 70 Romanen von Autor*innen wie Daniel Kehlmann und Sibylle Lewitscharoff, Thomas Glavinic und Thomas Lehr, Terézia Mora und Ernst-Wilhelm Händler, Christoph Ransmayr und Raoul Schrott, Michael Köhlmeier und Marcel Beyer zurück. Den Autor*innen und ihren Werken wird nicht allen gleiche Aufmerksamkeit geschenkt, und auch nur ein Teil der zeitgenössischen literarischen Produktion eignet sich für die Studie. Auffallend ist jedoch, dass Autor*innen wie W.G. Sebald, Juli Zeh, Robert Menasse (zitiert wird Eva Menasses Roman Vienna), Julia Franck oder Herta Müller keine Erwähnung finden. Wie der Autor selbst feststellt, ist die Vernunftkritik, die anhand unterschiedlicher Mittel fiktionalen Erzählens auf vielfältige Traditionen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zurückgreift, nur bedingt nachvollziehbar und es ist auch keine spezifisch literarische Vernunftkritik nachweisbar. Indem Herrmann allerdings die Grenzen seiner eigenen Hypothesen aufzeigt, geht er über diese einsichtsvoll hinaus; die Stärke und Neuheit liegt in den Einzelanalysen mit ihren differenzierten Schlussfolgerungen.

Bei diesen Einzelanalysen erweisen sich die verschiedenen Formen der Vernunftkritik als ungenügendes Instrument zur Darstellung von Realität(en). Die Romane befassen sich jeder auf seine Art mit der Unmöglichkeit oder Illusion eines Verstehens der Welt durch die menschliche Vernunft. Es wird deutlich, dass es sich vielmehr um das Erforschen von Grenzen und den Bruch mit Paradigmen und Epistemen der Vergangenheit dreht. Daher wird in den Analysen vor allem der erhöhten Komplexität der Erzählstrukturen und der Einordnung narrativer Strategien Rechnung getragen, um Erzählformen und -strukturen sowie die Positionierung der unterschiedlichen Erzählerstimmen zu bestimmen. Der Autor zeigt u.a. überzeugend auf, wie unzuverlässige, unnatürliche, fantastische und metaleptische Erzählweisen formale Logik und instrumentelle Rationalität als selbstbezüglich und reduktiv kritisieren oder wie komplexe Erzählstrukturen ein verändertes Zeit- und Raumgefüge sowie die Positionierung eines...

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Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 171-173
Launched on MUSE
2020-03-12
Open Access
No
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