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  • Archäologie der Tastatur. Musikalische Medien nach Friedrich Kittler und Wolfgang Scherer by Maren Haffke
  • Rolf J. Goebel
Archäologie der Tastatur. Musikalische Medien nach Friedrich Kittler und Wolfgang Scherer. Von Maren Haffke. Paderborn: Fink, 2019. 348 Seiten + 19 s/w Abbildungen. € 59,81 / $73.00 broschiert, € 53,78 / $73.00 eBook.

Seit den achtziger Jahren üben Friedrich Kittlers zahlreiche Arbeiten zur Archäologie audiovisueller Medien als Ansatzpunkt einer umfassenden Kritik literarischer Hermeneutik einen nachhaltigen Einfluss auf kulturwissenschaftliche Disziplinen aus, gerade wegen ihrer oft überspitzten, einseitigen und gezielt polemisch formulierten Thesen, auch wenn man in jüngster Zeit Stimmen hört, die Kittlers Position eher als historisch überholt einstufen. Selbst im kürzlich erschienenen Handbuch Sound. Geschichte – Begriffe – Ansätze, herausgegeben von Daniel Morat und Hansjakob Ziemer (2018) [Anm. d. Hg.: siehe Rezension in Monatshefte 111.4, 2019, 612–15] nimmt Kittler keine herausragende Stellung ein. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass sich die vorliegende Arbeit der Aufgabe widmet, Kittlers Werk und das des zu Unrecht vernachlässigten, medientechnisch orientierten Musikwissenschaftlers Wolfgang Scherer einer umfassenden Analyse zu unterziehen. Das Ziel ist, ihre noch weitgehend unausgeschöpfte Bedeutung für eine interdisziplinäre Kulturwissenschaft zu unter [End Page 146] suchen, die auf eine neue Verschaltung von Musikhermeneutik bzw. -theorie, historischen Medientechnologien und Instrumentenkunde zielt.

Durch eine gründliche Aufarbeitung der Entwicklung von Tasteninstrumenten, besonders der Orgel, des Clavichords, des Cembalos und des modernen Klaviers, zielt Haffke auf eine Rehabilitierung der medientechnischen Produktivität dieser Instrumente bei der Komposition, Aufführung und Rezeption von Musik. Diese Leistung der Tastatur, so zeigt sie überzeugend, erleidet eine durchgehend systematische Abwertung bei Kittler und Scherer, weil Musikinstrumente dort nicht primär auf der Seite der musikalisch-technischen Klangerzeugung verortet werden, sondern als willige Komplizen der (musikalischen) Hermeneutik agieren. Letztere treibt laut Kittler und Scherer ihr Unwesen als Disziplin im doppelten Sinne, als geistesgeschichtlich etabliertes Fach und als Herrschaftssystem, das die lebendige, mutmaßlich undifferenziert-reine Klangursprünglichkeit, die Scherer an die direkte Körpererfahrung bindet und die bei Kittler mit einem geradezu mythisch-naturhaften Rauschen identifiziert erscheint, dem reduktiven Raster der Verbalsprache bzw. der Gewalt interpretatorischer Sinnzuweisungen unterwirft. Im Gegensatz zu der mutmaßlichen Authentizität des Klangs figuriert die Hermeneutik bei Kittler und Scherer deshalb als notwendig defizitäres Organ der Täuschung und Illusion.

Ihre ebenso berechtigte wie differenziert vorgetragene Kritik an dieser Konstruktion macht Haffke besonders an Kittlers einflussreicher Bevorzugung analogischer Klangspeicherungsmedien wie Phonograph und Grammophon fest. Für Kittler lösen diese Maschinen um 1900 die indirekt-unvollkommene Repräsentation von Klang durch die menschliche Einbildungskraft und die literarische Schriftsprache um 1800 ab, indem sie Klang direkt als mechanische Spur auf dem Zylinder oder der Schallplatte registrieren. Deshalb benennt Kittler, etwas eigenwillig-spekulativ, das so Gespeicherte auch mit Jacques Lacans psychischem Register des Realen als das, was sich dem Imaginären als Ort menschlichen Selbstbewusstseins und dem Symbolischen, also der sprachlich-patriarchalischen Ordnung, verweigert. Wie Haffke zeigt, ,,dient das Analoge" bei Kittler ,,nicht als Folie einer digitalen Neuzeit, sondern als medialer Zwischenschritt, der von der als Literatur identifizierten musikalischen Schriftlichkeit zur Digitalisierung des Computerzeitalters führt" (43).

Wie nun verortet Haffke die Tasteninstrumente in Kittlers System? Nicht ganz nachvollziehbar ist mir, dass sie anfangs ,,Kittlers Einsatz der musikalischen Tastatur als Teilsumme des Phonographen" bzw. als ,,Ausschnitt des Phonographen", der von der digital operierenden Schreibmaschine unterschieden wird, problematisiert (8), später aber meint, Kittler wie Scherer fokussierten die Klaviertastatur ,,vor allem als Mittel einer hermeneutischen Reduktion, die durch die analogen Medien aufgehoben wird" (66). Wie kann die Klaviertastatur nun Teilsumme der analogen Technik, gleichzeitig aber auch Komplizin der von dieser Technik überholten, sprachlichen Hermeneutik sein? Was immer auch der genaue Status der Tasteninstrumente hier sein mag, Haffke betont, dass ,,Tasteninstrumente […] de facto die technischen Modelle der Schreibmaschine" sind (64). Sie zeigt überzeugend, dass dieser historisch belegbare und ,,vollkommen offen liegende Transfer des musikalischen Tasteninterfaces vom Klavier an die Schreibmaschine als Dispositiv des Symbolischen" bei beiden Wissenschaftlern allerdings ,,historiographisch unerschlossen" bleibt (66). Statt also die materielle Parallele der beiden Tastaturmaschinen herauszustellen, bezieht Kittler sie ,,jeweils auf einen hermeneutischen Diskurs", also auf ,,ein symbolisches [End Page 147] Regime, das gegenüber den reellen [besser, im Sinne Lacans, realen] Daten des...

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Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 146-148
Launched on MUSE
2020-03-12
Open Access
No
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