In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

Reviewed by:
  • Handbuch Sound. Geschichte – Begriffe – Ansätze herausgegeben von Daniel Morat und Hansjakob Ziemer
  • Rolf J. Goebel
Handbuch Sound. Geschichte – Begriffe – Ansätze. herausgegeben von Daniel Morat und Hansjakob Ziemer. Stuttgart Metzler, 2018. xi + 437 Seiten + 1 farbige Abbildung. €89,95 gebunden, €69,99 eBook.

Den Sound Studies als relativ eigenständigem Bereich interdisziplinärer Forschung und künstlerischer Praxis eignet ein eigentümliches Moment wissenschaftshistorischer Verzögerung, ein verspätetes Ankommen, ein methodenkritischer Nachholbedarf. Das lässt sich u. a. dadurch erklären, dass sich das Phänomen des Klangs und seiner Deutung lange Zeit Von der zumindest in der westlichen Moderne etablierten Vorherrschaft des Textes, der Schrift und der visuellen Wahrnehmung abgrenzen bzw. ihr gegenüber legitimieren musste. Dass dieser Selbstbehauptungsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist, verleiht den Sound Studies trotz ihrer spätestens seit den 2000er Jahren fortschreitenden Etablierung, Konsolidierung und Auffächerung immer noch ein produktives Ambiente des Alternativ-Subversiven, das entscheidend zu ihrem Erkenntnispotential beiträgt. In diesem Sinne ist es zu begrüßen, dass die Herausgeber des vorliegenden Handbuches die ,,Kartierung eines offenen, dynamischen und interdisziplinären wissenschaftlichen Feldes" (vii) betonen, dessen ,,ganz unterschiedliche Ansätze, Methoden und Disziplinen" (vii) sich weniger an einem klar definierten Wissensbereich als an dem vielfältig-widersprüchlichen Gegenstand ,,Sound" selbst orientieren (viii). Dass der englischsprachige Begriff dem deutschen ,,Klang" gegenüber bevorzugt wird, ergibt Sinn, weil das Gebiet auch im deutschsprachigen Raum nachhaltig Von der nordamerikanischen Forschung beeinflusst worden ist. Außerdem deutet der merkwürdig unbestimmt-inklusive Ausdruck ,,Sound" gerade das Diffuse, Beziehungsreiche und Vieldeutige Von akustischen Phänomenen und auditiven Erfahrungen an, etwas also, was im Deutschen durch Unterkategorien wie Geräusch, Schall, Lärm, Laut usw. recht willkürlich parzelliert erscheint.

Überzeugend ist die strategische Anordnung der vielfältigen Beiträge. Sie beginnen mit methodisch-theoretischen Zugängen (Von Akustemologie über Gedächtnis bis Performanz), grundsätzlichen Begriffen (Von Akusmatik über Rhythmus bis Soundscape) und disziplinären Perspektiven (vor allem Geschichts-, Kultur-, Literatur-, Medien- und Neurowissenschaften sowie—besonders wichtig, weil oft vernachlässigt—die Philosophie). Weil den herkömmlichen Musikwissenschaften manchmal [End Page 612] nachgesagt wird, dass sie über Formanalyse, Hermeneutik und historischer Aufarbeitung den Anschluss an andere Disziplinen versäumen, ist es zu begrüßen, dass sich mehrere Beiträge mit diesem Gebiet und den dort selbstverständlichen Kategorien—Rhythmus, Konzertsaal, Opernhaus, Musikinstrumenten und Noten—beschäftigen. Erst nach den methodisch-begrifflichen Einträgen wendet man sich den akustischen Phänomenen selbst zu (Von Applaus über Echo und Sirene bis zu Stille, Stimme und Tinnitus). Besonders wichtig erscheint mir der ausführliche Teil zu akustischauditiven Räumen (Von Archiv und Aufzug über Fabrik, Konzentrationslager, Krankenhaus und Museum bis Stadion, Straße und Wald). Diese Beiträge unterstreichen überzeugend, dass Sound, seiner zerstreuten, vergänglichen Zeitlichkeit zum Trotz, sich eben nicht ortlos-ubiquitär, wie zuweilen angenommen wird, sondern immer in bestimmten, materiell erfahrbaren Architekturen, Umgebungen und Lebenswelten verbreitet.

Der Räumlichkeit des Sounds entspricht die im Band betonte kulturabhängige Leiblichkeit des klangproduzierenden bzw. -hörenden Subjekts. Diese Gegebenheiten spielen eine entscheidende Rolle bei auditiven Erfahrungen, auch wenn man sich dessen nicht immer bewusst ist, weil man sich auf die vermeintliche Immaterialitä des Gehörten konzentriert. Natürlich sind Leiblichkeit und Klangräume, besonders in der Moderne, untrennbar Von technischen Medien, die hier ausführlich als Netzwerke Von Apparaturen, sozialen Kontexten und kulturellen Diskursen (vom Phonographen über Radio und Telefon bis zur Compact Disc) dargestellt werden. Dass Klänge nicht in einem ideologie- und herrschaftsfreien Umfeld existieren, machen Einträge zur Politik (Von Folter über Krieg bis Sklaverei) deutlich. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die ausführlichen Verweise auf (Post-)Kolonialität, Ethnologie und Kulturdifferenzen, auch wenn es bedauerlich ist, dass—wie die Herausgeber selber betonen—die Mehrzahl der Beiträge ,,einen geographischen Fokus auf europäische oder nordamerikanische Gegenstände" haben (ix) und keine Beiträger*innen aus Afrika, Asien und anderen nicht-westlichen Kulturräumen zu Wort kommen.

Eine zentrale Herausforderung an die Sound Studies ist die Frage nach der Repräsentierbarkeit Von Klang durch die Schrift bzw. die Reproduzierbarkeit akustischer Daten durch Medientechnologien. In ihrem bedenkenswerten Beitrag zur Emotionalität argumentiert Marie Louise Herzfeld-Schild, dass Emotionen wie Soundph...

pdf

Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 612-615
Launched on MUSE
2020-01-12
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.