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Reviewed by:
  • Episteme des Theaters. Aktuelle Kontexte von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit hrsg. per Milena Cairo et al.
  • Lutz Ellrich (bio)
Milena Cairo, Moritz Hannemann, Ulrike Haß, Judith Schäfer (Hrsg.): Episteme des Theaters. Aktuelle Kontexte von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit. Bielefeld: transcript Verlag 2016, 660 Seiten.

Der vorliegende Band versammelt die Beiträge zum 12. Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft, der vom 25.-28. September 2014 in Bochum stattfand, und dokumentiert den starken Willen des Fachs, sich nicht auf seinen Lorbeeren, die es zwischen 1993 und 2010 (S. 1) angehäuft hat, auszuruhen.1> In dieser äußerst produktiven Phase, deren Ende man in den letzten (eher durch Stagnation geprägten) Jahren häufig beklagte, wurde eine Reihe forschungsleitender und bemerkenswert projekt-affiner Begriffe wie etwa Theatralität, Inszenierung, Performativität und Liveness teils erfunden, teils mit neuen Bedeutungen versehen. Diese konzeptionellen Innovationen sorgten aber nicht allein für einen innerfachlichen Aufschwung, sondern entpuppten sich als regelrechte akademische Exportschlager. Soziologen, Politologen, Rechtstheoretiker u. a. nutzten das theaterwissenschaftliche Instrumentarium, um Rituale und Darstellungsformen, die in ihren jeweiligen Gebieten eine oft unterschätzte Rolle spielen, zu untersuchen und die gewonnenen Erkenntnisse sogleich an das impulsgebende Fachweiterzugeben. Die Theaterwissenschaft erwies sich als Drehscheibe eines ertragreichen interdisziplinären Zirkulationsprozesses und die ‚Kulturwissenschaft', die zuvor nur ein provisorisches Dach für äußerst hetero-gene Theorien und empirische Studien war, erhielt durch prägnante Schlüsselbegriffe ein unerwartet scharfes Profil. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Die einst so aufschlussreichen Konzepte verloren ihre heuristische Kraft, Krisenstimmung breitete sich aus und die Suche nach neuen Fragenstellungen, Methoden und Modellen, die das Fach und sein Umfeld auf-und vermischen können, begann. Der Bochumer Kongress war ein Versuch, das Fach wachzurütteln und zugleich Lust auf substantielle interdisziplinäre Forschung zu machen. Anders als die ambitionierte GTW-Tagung über Subjektivität von 2010, die vorführte, dass die Theaterwissenschaft kaum eigene Gesichtspunkte zur Erkundung des Gegenstandes ins Zentrum der Debatten rücken konnte, sondern (abgesehenvon der Verknüpfung des‚dramatischen' Theaters mit Prozessen der Subjektkonstitution und des ‚postdramatischen' Theaters mit der Dekonstruktion des Subjekts) nur als Parasit von Philosophie und Soziologie zur Geltung kam, wagte sich die Bochumer Veranstaltung ans ‚Eingemachte' heran. Rücksichtslose Selbstreflexion des Fachs und vergleichende (also auf Differenzen bedachte) Analyse der Welterschließungsfähigkeit seines speziellen Forschungsobjekts–des Theaters–standen auf der Agenda. Es ging folglich 1. um den Status des theaterwissenschaftlich generierten Wissens und 2. um das eigensinnige Wissen, das der Vollzug szenischer Aktionen in sich birgt und nicht per se schon unmittelbar bei der Aufführung (sondern oft erst unter dem sanften Druck der nachträglichen theaterwissenschaftlichen Zugriffe) preisgibt. Beide Unternehmen sollten auf dem Kongress so durchgeführt werden, dass drei klassische Begriffe der Theaterwissenschaft, nämlich Theorie, Geschichte und (Aufführungs-)Analyse, auf den Prüfstand kommen und bei Bedarf auch energischen Revisionen unterzogen werden. Die Gliederung des fertigen Bandes hält sich weitgehend an diesen Plan und ordnet die Beiträge fünf Themenblöcken zu: zunächst vier Texte, welche die zentralen Probleme aufwerfen und erste konzeptuelle Lösungsvorschläge machen, darunter auch das thesenstarke Vorwort, dann das wohl gehaltvollste Kapitel Theatertheorie, Modelle, Konstellationen, gefolgt von den Abschnitten Historiographie, Gedächtnis, Zeit des Theaters und Kritik, Kunst, Forschung sowie dem abschließenden Teil Theaterarbeit, Kontexte, Recherchen, der in mancher Hinsicht wie ein Sammelsurium von Texten anmutet, die nicht so recht ins thematische Raster passen wollten, der aber keineswegs das Niveau des Ganzen absinken lässt, sondern mit dem Beitrag von Husel (S. 597 ff.) sogar eine der [End Page 117] klarsten und ergiebigsten Studien des Buches zu bieten hat.

Die Orientierung am Leitbegriff Wissen (in seiner doppelten Fokussierung auf die akademische"Disziplin und ihren Gegenstand) stimuliert das Fach, das mit sich selbst hadert (vgl. S. 68, S. 139), nun erneut–wie in den alten Zeiten vor dem Theatralitätsboom–auf Begriffsimporte und nicht-exporte zu setzen, also unterschiedlichste Konzepte und Methoden aus anderen Disziplinen aufzugreifen und mit Gewinn für die eigenen Fragestellungen zu nutzen. Die Forschungen von Conquergood, Wirth, Mieg, Fauconnier/Turner, Reckwitz (um nur einige wenige Beispiele aus dem letzten, so erfrischend heterogenen und materialreichen Kapitel anzuführen) werden in die Theaterwissenschaft eingemeindet...

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Additional Information

ISSN
2196-3517
Print ISSN
0930-5874
Pages
pp. 117-120
Launched on MUSE
2019-12-19
Open Access
No
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