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Reviewed by:
  • Christian Krachts Weltliteratur. Eine Topographie ed. by Stefan Bronner and Björn Weyand
  • Kai-Uwe Werbeck
Christian Krachts Weltliteratur. Eine Topographie. Edited by Stefan Bronner and Björn Weyand. Munich: de Gruyter, 2018. Pp. vii + 331. E-book $45.99. ISBN 978-3110532159.

Liest man die gelungene Einleitung zu Christian Krachts Weltliteratur: Eine Topographie, wird schnell ersichtlich, dass der vorliegende Band in der Tat eine recht überraschende wissenschaftliche Lücke schließt: Krachts "Projekt einer literarischen Welterschließung und ästhetischen Welterschaffung" (7). Die bisherige Abwesenheit einer solch umfassenden, topographischen Untersuchung scheint umso bemerkenswerter, hält man sich vor Augen welche Rolle das Reisen zu unterschiedlichsten Orten (und Zeiten) im Werk Krachts ganz offenkundig spielt. Besonders im Kontext des längst nicht mehr jungen spatial turn fällt das Fehlen einer Studie von solcher Dichte in der Germanistik auf, wenn auch natürlich einzelne frühere Arbeiten durchaus Interessantes zu dem Thema herausgestellt haben. Unterteilt in drei Abschnitte, bietet die Publikation eine weit gefächerte Auseinandersetzung sowohl mit den Romanen als auch den Reisetexten Krachts. Die Gliederung in "Aufenthalte," "Kunsträume" und "Weltentwürfe" ergibt Sinn, auch wenn gewisse Überlappungen, Wiederholungen und Zuordnungsfragen nicht ausbleiben. Dies wird von den Herausgebern Stefan Bronner und Björn Weyand allerdings auch so an- und zugegeben und zurecht in Kauf genommen. Die erste Sektion fokussiert dabei auf die von der Wissenschaft eher vernachlässigten Reisetexte, die zweite auf die poetischen Aspekte der Raumdarstellung bei Kracht. Die dritte Sektion wiederum untersucht die Zukunftsszenarien in seinen Texten. Darüber hinaus verfolgt Christian Krachts Weltliteratur eine Reevaluierung des Autors, die (1) mit einem genaue(re)n Blick auf sein "Nebenwerk" und (2) mit einer Umdeutung des "Realismusvorwurfs" einhergeht. Noch vor der ersten Sektion liefert Krachts langjähriger Weggefährte Eckhart Nickel eine faszinierende zweite Einleitung, ein programmatisches Essay, welches der Forschung neue Impulse gibt, aber gleichzeitig auch als Bedienungsanleitung für die vorliegende Studie gesehen werden kann. Mit einem Blick auf die Rolle der Aviatik bei Kracht, schlägt Nickel den Bogen zu den Schreib- und Lesestrategien einer reflexiven Moderne, ein Aspekt, der in vielen der weiteren dreizehn Aufsätze eine Rolle spielt. Nickels aus Der gelbe Bleistift entlehnte Bild des Monitors im Flugzeug, der dem Reisenden eine sinnentleerte, auf das Notwendigste reduzierte Karte der Welt bietet, funktioniert vorzüglich als Gegenbeispiel zu Krachts Topographien einer entzauberten Welt, wie sie hier verhandelt werden.

Christian Krachts Weltliteratur ist ein ehrgeiziges und notwendiges Projekt, dem viel gelingt und das Forschern der neuen deutschen Literatur, der Pop-Literatur und der German Studies einiges an Denkanstößen bietet. Darüber hinaus erhalten auch Neulinge und Gelegenheitsleser einen verständlichen Überblick über das bisherige [End Page 651] Schaffen des Schweizers. Wie bei vielen Projekten dieser Art, finden sich jedoch auch qualitative Unterschiede zwischen den Beiträgen—und als übergreifende Kritik ließe sich generell anbringen, dass eine gewisse Heldenschreibung die Sammlung durchzieht. Kracht sei "einzigartig" in der zeitgenössischen deutschen Literatur (242) und ihm "gelingt," so das durchgehende Urteil, woran andere scheitern (214). Zumindest dieser Leser hätte sich beizeiten einen kritischeren Umgang mit dem Autor und seinem Werk gewünscht. Auch die ständigen Verweise auf die Intertextualität im Schreiben Krachts—so korrekt diese Beobachtung natürlich ist—wirken auf Dauer ermüdend in ihrem Detail und sind letztendlich wenig produktiv. Hier hätte ein wenig mehr Übersicht der Herausgeber gutgetan, besonders bei den zum Teil ähnlichen Essays von Till Huber und Elias Kreuzmair. Davon abgesehen bietet der Band jedoch zahlreiche starke Beiträge, zum Beispiel wenn Weyand elegant die ästhetischen Orte in Ferien für immer (1998) am Beispiel eines Klobesuchs mit Blick aufs Pantheon diskutiert. Simone Brühls Analyse des Bildbegriffs in Kracht, in der die projizierte Realität als einzige Wahrheit geltend gemacht wird, ist sehr überzeugend, ebenso wie Johannes Birgfelds Illustration der Wechselwirkung von Oberfläche und Untergrund als literarische Strategie. Moritz Baßlers Kritik an Daniel Kehlmanns Romanen—ein Gegenentwurf zu Kracht, so Baßler—ist sowohl bissig als auch erhellend und akzentuiert dabei die paralogische Strategie in Imperium (2012). Viele andere Beiträge erweitern ebenfalls das hermeneutische Verständnis von Krachts Oeuvre und nur vereinzelt finden sich Untersuchungen, die unkonzentriert, gehetzt und...

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Additional Information

ISSN
2164-8646
Print ISSN
0149-7952
Pages
pp. 651-653
Launched on MUSE
2019-11-11
Open Access
No
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