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Reviewed by:
  • Robert Musil Handbuch ed. by Birgit Nübel and Norbert Christian Wolf
  • Birthe Hoffmann
Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf, Hrsg., Robert Musil Handbuch. Berlin/Boston: De Gruyter 2016. 1054 S.

Das Oeuvre Robert Musils, das heute unbestritten als eines der wichtigsten in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt, brauchte lange Zeit, um in seiner Vielfalt und Komplexität von Forschung und Rezeption gebührend gewürdigt zu werden—die editorischen, literatur-, kultur- und wissensgeschichtlichen Bemühungen, dieses Werk zu erschließen und zu vermitteln nehmen heute nicht ab, sondern zu. Das nun vorliegende, von Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf vorbildlich edierte Handbuch mit [End Page 135] Beiträgen von insgesamt 44 internationalen Experten und Expertinnen aus den verschiedensten Disziplinen trägt dem neuesten Stand der Forschung und Edition Rechnung und dürfte durch seine Struktur und seinen interdisziplinären Ansatz auch für die Forschung zukunftsweisend sein. Selten wurde ein Autorenhandbuch so konsequent nach der Eigenart des Werkes konzipiert; es gehört so zum großen Verdienst der Herausgeber, dass sie die nichtliterarischen Schriften, oder wie sie hier bezeichnet werden, die unselbständig erschienen Schriften und Schriften aus dem Nachlass aufgewertet und somit auch die einzigartigen militärischen, technischen, naturwissenschaftlichen bzw. philosophischen Voraussetzungen Musils durch einen systematischen, sach- und themenorientierten Zugang fruchtbar machen—auch zugunsten der Erschließung der literarischen Werke. So ist z.B. in der Formulierung der Herausgeber, das “Hauptwerk Musils, Der Mann ohne Eigenschaften [ . . . ] gegenüber den zahlreichen heterogenen Nebentexten, dem Nachlass sowie kulturwissenschaftlichen, diskursanalytischen und wissensgeschichtlichen Kontexten aus dem Zentrum gerückt und wird von den Rändern her gelesen” (IX).

Folglich machen die Kapitel, die das Werk direkt behandeln (wertneutral aufgeteilt in selbständig und unselbständig erschienene, bzw. nachgelassene Schriften) nur etwa ein Drittel des über 1050 Seiten schweren Buches aus, umso größeren Raum nehmen in der übergeordneten Struktur, Leben, Werk, systematische Aspekte und Wirkung die Behandlung systematischer Aspekte ein, die wiederum in Kapitel über Wissen und Wissenschaft (darunter u.a. militärische Ausbildung, Arbeits- und Ordnungswissenschaft, Mathematik, Logik, Geometrie, Wahrscheinlichkeitstheorie, Philosophie, Erkenntnisund Wissenschaftstheorie, Gestalttheorie, Ethnologie, Sexualwissenschaft, Kriminologie und Rechtswissenschaft), Kultur und Gesellschaft (u.a. Stadt, Verkehr, Kakanien, Politik und Ideologie, Geschlechterrelationen und Konstruktionen, Sport und Mode), Literatur, Kunst und Neue Medien (darunter verschiedene Gattungen), mentale Konstruktionen (Mystik, anderer Zustand, Gestaltlosigkeit, Möglichkeitssinn, Essayismus und Utopie) sowie die poetologischen Aspekte Narration, Sprache, Bildlichkeit und Textbezüge (u.a. Erzählformen, Ironie und Gleichnis) aufgeteilt. Einleitend bietet nach einer 35-seitigen Biographie Musils das Kapitel “Epochale Figurationen: Voraussetzungen und Zeitkontexte” (Moderne, Orte/Schauplätze, Zäsuren, zeitgeschichtlicher Kontext, Zeitstile, Zeitgenössischer Literaturbetrieb) einen auch außerhalb des besonderen Werkkontextes [End Page 136] lesenswerten Überblick über den zeit-, kultur- und literaturgeschichtlichen Kontext, mit dem sich Musil auseinandergesetzt hat. So bildet z.B. Dorothee Kimmichs Kapitel zum Begriffder “Moderne” eine knappe, präzise Einführung in die Geschichte und Verzweigungen dieses Begriffs und die damit bezeichneten Phänomene, die als selbständiger Beitrag mit Gewinn gelesen werden könnte. Die Klarheit, mit der in diesem Kapitel ein recht komplexes Phänomen dargestellt wird, charakterisiert übrigens generell die Beiträge dieses Handbuches—ein lobenswertes Beispiel dafür, dass Verdichtung von komplexem Wissen und Leserfreundlichkeit keineswegs Gegensätze sein müssen. Zur Überschaubarkeit trägt auch die weitere Gliederung jedes Unterkapitels durch Überschriften und die zu jedem Thema herausgearbeitete Bibliographie, die die relevanten Titel aus der umfassenden Gesamtbibliographie am Ende des Handbuches auflistet.

Zu den anregenden Erneuerungen dieser Gattung gehört im abschließenden Kapitel über die Rezeption des Werkes der Einbezug von Aspekten der Rezeption wie Übersetzungen, schulischer und literarischer Rezeption. Was Letztere anbelangt, wird in dem von Marion Schmaus verfassten Unterkapitel Ingeborg Bachmann als Beispiel einer besonders intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk Musils entsprechend eingehend behandelt, aber auch weniger bekannte Bezüge, z.B. im Bereich der Essayistik zwischen Musil und Dieter Kühn, Elfriede Jelinek, Alexander Kluge und Juli Zeh werden hier vermittelt.

Unter die Kategorie der Rezeption fällt auch die Editionsgeschichte, dargestellt von Walter Fanta, seit 2004 Mitherausgeber der historisch-kritischen Musil-Ausgabeam Robert Musil-Institut für Literaturforschung an der Universität Klagenfurt. Seit 2014 wird auf der Basis dieser DVD-ROM-basierten Klagenfurter Ausgabe...

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