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  • "Ich verstehe die Welt nicht mehr. Sie ist mir abhandengekommen."Zur Krankheit des Vergessens und ihrer Darstellung in der deutschen und österreichischen Literatur

The percentage of the elderly in Germany and Austria is increasing; people are having fewer children and some immigrants return home again. It has been estimated that by 2030 the population of people 65 and older in both countries will be about 17 percent. As seniors live longer, the number of age- related illnesses increases, esp. Alzheimer's disease. This places an enormous burden on the health care systems and on the family members who are acting as care givers. The literatures of Germany and Austria have taken up this topic, producing works that describe the various stages of this illness and off er hints for taking care of these seniors.

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland schrumpft, die Geburtenrate fällt, die Langlebigkeit steigt an und damit auch das Demenzrisiko der Seniorinnen und Senioren. Die Republik Österreich ist ebenfalls davon betroffen, denn "[i]m Jahr 2050 werden mehr als drei Millionen Österreicher älter als 60 Jahre alt sein, davon dürfte fast jeder Zehnte von Demenz betroffen sein" (ORF). Die Belletristik in Deutschland und in Österreich hat das Thema der Demenzkranken aufgegriffen und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Zunächst einige demografische Daten. Langfristige demografische Berechnungen befinden sich immer im Bereich des Möglichen. Ausschlaggebend sind vier Faktoren: Fertilität, Mortalität, Migration und politische Maßnahmen, die ein Bevölkerungswachstum fördern. Trotz der Unbestimmbarkeit dieser Elemente gibt es viele Untersuchungen, die der Überalterung in Europa, besonders in Deutschland und auch in Österreich, gewidmet sind. Uns interessieren hier hauptsächlich zwei Ursachen: Die Langlebigkeit der Seniorinnen und Senioren und die sinkende Fertilitätsrate (2015:1,4).

Die sinkende Kinderzahl hat verschiedene Gründe: Den Pillenknick der 1970er Jahre; Ehepaare wollen ihren freien Lebensstil beibehalten; Veränderung der Geschlechterrollen; die schwierige Verbindung von Beruf und Elternschaft; die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Job und Pflege; die fehlende gesellschaftliche Anerkennung von berufstätigen Müttern; die hohen Kosten für Kindererziehung; die geringe Anzahl von Betreuungsplätzen; und [End Page 1] die unsichere Zukunft für die eigenen Kinder. Die geringe Kinderzahl ist, mit Ausnahme von Frankreich (Fruchtbarkeitsrate pro Frau 2,02), das eine familienfreundliche Politik betreibt, auch ein europäisches Problem: "2008 betrug der Anteil unter 20- Jährigen in den 27 EU-Mitgliedstaaten 21,7 Prozent, während die Altersgruppe 60 Jahre und älter auf 22,4 Prozent kam."1 Das hat dazu geführt, "dass in Europa mittlerweise mehr ältere Menschen als Teenager leben" (ibid).

Die Bundesrepublik Deutschland weist den größten Geburtenrückgang in der Europäischen Union auf. Dies hat gesellschaftliche und wirtschaftliche Konsequenzen, und besonders die Sozialsysteme könnten kollabieren. Eine kleinere Anzahl von Erwerbstätigen muss eine größere Anzahl von Senioren betreuen, so dass der Generationenvertrag möglicherweise gefährdet sein könnte. Die Studie Arbeitsmarkt 2030 stellt fest:

Die vom Statistischen Bundesamtvorausgeschätzte Bevölkerungsentwicklung weist für einzelne Bundesländer auf geradezu dramatische Verläufe und zwar sowohl im Hinblick auf die Bevölkerungszahl als auch auf ihre Altersstruktur.2

Die Altersstruktur verschlechtere sich in allen Bundesländern: "2030 wird die Relation derÄlteren zu den Jüngeren im Bundesdurchschnitt bei 1,45 liegen, während sie 2010 bei 1,03 lag" (KV-L 8).

Der Zuwachs von Zuwanderungen ist nicht ausreichend, den Fachkräftebedarf zu sichern. Ein zusätzliches Problem ist, dass viele Zuwanderer die Bundesrepublik wieder verlassen:

Deutschland lockt immer mehr Zuwanderer an. Im ersten Halbjahr 2014 zogen fast 670.000 Menschen in die Bundesrepublik, 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt vermeldet. Allerdings bleiben die wenigsten für immer. Auch die Zahl der Fortzüge aus Deutschland steuert auf einen neuen Rekord zu: 427.000 Personen verließen in den sechs Monaten das Land. Fast ein Fünftel der Auswanderer sind Deutsche.

Eine dauerhafte Zuwanderung ist deshalb unwahrscheinlich:

In seinen Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung geht das Statistische Bundesamt in Deutschland von einem Wanderungssaldo zwischen 100.000 und 200.000 Menschen pro Jahr aus. Selbst damit [End Page 2] wäre bis 2050 mit einem deutlichen Schrumpfen der Gesamtbevölkerung zu rechnen.3

Das bedeutet ebenfalls eine Reduzierung der Arbeitskräfte, denn eine Integration der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt ist oft wegen der Sprach- und Bildungsniveaus mit Schwierigkeiten verbunden. Der Bericht Arbeitsmarkt 2030 lässt verlauten, nur durch die Kombination von steigenden Geburtenziffern [1.9 Kinder pro Frau], höherer Erwerbsbeteiligung und kontinuierlicher Zuwanderung wird sich der Rückgang des Arbeitskräfteangebots wenn auch nicht aufhalten, so doch nennenswert verlangsamen lassen. (Vogeler-Ludwig Zuwanderung 19)

Das Problem ist auch, wie der Demenz-Report (2011) verlauten lässt, eine Zunahme der Alten: "Im Jahre 2050 dürfte jeder siebte Bürger in der Bundesrepublik Deutschland 80 Jahre oder mehr zählen" (D-R 4). Dass es erheblich mehr Menschen ab 65 Jahren als unter 20 Jahren in Deutschland geben soll, wird auch in der Publikation demografischer Wandel in Deutschland bestätigt:

Auch die Altersgruppe der unter 20-Jährigen wird zahlen- und anteilmäßig abnehmen: Im Jahr 2030 wird sie nach der Vorausberechnung 12,9 Millionen Personen umfassen, was 17 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Lediglich die 65-Jährigen und Älteren werden immer zahlreicher. Bis zum Jahr 2030 dürfte ihre Zahl um ein Drittel (33 %) steigen und 22,3 Millionen Menschen oder 29 % der Gesamtbevölkerung betragen.4

Auch in Österreich nimmt die Zahl der Senioren zu. Die Gesamtbevölkerung Österreichs betrug am 1. Januar 2014 8,5 Millionen; davon waren 2013 18,2 % älter als 65. Der Altenanteil wird bis 2030 auf 23,6 % steigen. Die Gesamtbevölkerung könnte allerdings bei einer Fertilitätsrate von nur 1,4 Kindern pro Frau infolge der Nettoeinwanderung trotzdem konstant bleiben, denn Österreich hat eine Nettozuwanderung von im Schnitt 32.000 Personen pro Jahr.5

Altersstruktur und Demenz

Mit der Langlebigkeit der Seniorinnen und Senioren steigen die Alterskrankheiten, besonders die Demenz, ein Wort, das vom Lateinischen abgeleitet ist und "ohne Verstand," Unvernunft oder Torheit bedeutet. [End Page 3] Eine spezifische Form ist die Alzheimer-Krankheit, so benannt nach ihrem Entdecker, dem Würzburger Nervenarzt Alois Alzheimer (1869–1915), der sie zum ersten Mal 1906 dokumentierte. Die Zahl der Alzheimerkranken hat sich seit dieser Zeit bedeutend erhöht. Christian Behl bemerkt dazu: "Zu der Zeit, als Alois Alzheimer entdeckte, was ihn unsterblich machen sollte, wurden nur 5 Prozent der Bevölkerung überhaupt 65 Jahre alt" (Behl 9). Der Morbus Alzheimer führt zum Abbau der kognitiven, sozialen und körperlichen Funktionen, zu einer eingeschränkten Urteilsfähigkeit, zu Orientierungsstörungen und Sprachverlust. Zusätzliche Komplikationen können dadurch entstehen, dass die Erkrankten vergessen, ihre Medikamente für andere Krankheiten einzunehmen.Im Demenz-Report des Berlin-Instituts vom Februar 2011 heißt es:

Bei einer Bevölkerung von 77,4 Millionen im Jahre 2030 dürften in Deutschland zwei Millionen Menschen mit Demenz leben, im Jahre 2050 könnten sogar 2,6 Millionen von insgesamt 69,4 Millionen Einwohnern betroffen sein, also fast vier von hundert. Das sind zu viele, um sie in Heimen von Fachpersonal versorgen zu lassen. […] Nach aktuellen Schätzungen leben heute rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. In Österreich sind es rund 130.000 […].

(D- R 5–6)

Caroline Schultze warnte schon 2001 vor den Auswirkungen dieser Krankheit: "Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Alzheimerkranken um fast zwei Drittel ansteigen. Mediziner warnen: Die Gesellschaft ist nicht darauf vorbereitet, dem Gesundheitssystem droht der Kollaps." (Schultze 161)

Alzheimer-Demenz und Pflege

Die Pflege der Demenzkranken bleibt meistens den Frauen überlassen, denn Männer sterben früher als Frauen. So berichtet die Frankfurter Rundschau am 4. Dezember 2012 unter dem Titel "Pflege ist weiblich": "Betreuung von Angehörigen ist vor allem Frauensache. Für viele ist das eine enorme Belastung. Nicht wenige von ihnen kümmern sich länger als zehn Jahre um einen Pflegebedürftigen" (Gajevic). Wer einen Demenzkranken pflegt, ist höherem Stress ausgesetzt als Pflegepersonen, die für Personen ohne Demenz sorgen. Und es kommt öfter vor, dass das weibliche Pflegepersonal durch die körperliche und seelische Dauerbelastung selbst erkrankt, wenn [End Page 4] die Belastungsgrenze überschritten ist, besonders dann, wenn die demenzkranke Person Aggressivität gegen die Umwelt entwickelt. Die Mehrzahl der Demenzkranken wird zu Hause gepflegt. Dies geschieht manchmal auch aus finanziellen Gründen, denn die Kinder sind dem Gesetz (§ 1601 BGB) nach verpflichtet, teilweise für den Unterhalt der Eltern aufzukommen. Die Beiträge der Kinder richten sich nach Pflegestufe der Kranken und dem Einkommen und Vermögen der Familenangehörigen:

Neunzig Prozent der Betroffenen werden zu Hause gepflegt und gehütet. Deshalb sind Familien von Alzheimer-Patienten gleichfalls Opfer der Krankheit. Auch ihr reales Leben verschwindet, weil ihre Realität bestimmt wird von der irren Aufgabe, die Erkrankten zu hüten. Es ist wie Angebundensein an einen anderen Körper, zwar an einen geliebten, aber einen, der immer etwas will, sich dauernd beschwert, selten schläft und sich nicht mehr selbst pflegen kann. Es sind in vielen Fällen die Töchter, die ihr eigenes Leben aufgeben für die Betreuung der Eltern.

Das hat sich mit der Zeit geändert, denn nicht nur Frauen, sondern auch Männer betreuen die Eltern: "Längst kümmern sich mindestens vier Millionen Frauen und Männer um ihre alten Angehörigen, bis zu 37 Stunden in der Woche. Und die Anzahl der Ehrenamtlichen, die Senioren betreuen, steigt. Doch in der Öffentlichkeit wird selten davon gesprochen" (Thimm 134).

Wie die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig erklärte, gehöre heute die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu den großen Herausforderungen vieler Familien (Emmrich Thema 3). Aus diesem Grund hat die deutsche Bundesregierung ein Paket von Entlastungen erlassen. Pflegende Angehörige haben demnach das Recht "auf eine berufliche Auszeit zwischen zehn Tagen [bei vollem Lohnausgleich] und 24 Monaten [mit zinslosem Darlehen des Staates, das zurückgezahlt werden muss]" (Emmrich Thema 3). Von Januar 2015 bis Juli 2016 haben 39.000 Frauen und Männer berufliche Auszeit für die Pflege genommen.

Demenz und die Belletristik

Die medizinische Wissenschaft kann die Progression der Demenz etwas reduzieren, aber es gibt bis heute kein Mittel, sie zu heilen. Eine medizinische [End Page 5] Analyse erklärt nur einen Teilprozess. Eine umfassendere Analyse ist interdisziplinär, denn viele Faktoren sind im Altwerden enthalten. Wichtig für ein besseres Verständnis ist die Belletristik, die weitere Kreise der Bevölkerung erreicht als die Fachzeitschriften. Sie könnte uns auch helfen, die Alterskrankheiten besser zu verstehen und mit den Kranken umzugehen.

Die Beschäftigung der Literatur mit den Krankheiten der Altersgruppe wurde schon öfters bemerkt:

Vielleicht gelingt es den Kräften von Literatur, Philosophie und Wissenschaft, die Wahrnehmung der vielen Facetten des Alters heute zu schärfen.

It has become increasingly clear that literature and the arts provide a powerful way to evoke the experience of aging […] since these works often provide a kind of phenomenological understanding sorely missing from traditional gerontology.

Das Alter ist ein so vieldeutiges Phänomen, es ereignet sich auf so vielfache Weise, es läßt sich unter so verschiedenen Gesichtspunkten bewerten, daβ auch die Literatur nicht imstande ist, es in all seinen Dimensionen erschöpfend zu bestimmen. Was sie vermag, ist lediglich dies: einige Erscheinungsformen, einige Aspekte ins Bild zu bringen und den Wandel der Beziehungen zur Welt zu veranschaulichen, den das Alter mit sich bringt. Und auch das läßt Literatur uns schließlich erkennen: daβ wir es uns schuldig sind, dem Alter mit Offenheit und Zuneigung zu begegnen—und, wo es uns möglich ist, mit Erbarmen. (Lenz 94–95)

Diese Forderung besteht auch heute noch, wie sie der Demenz-Report anführt:

Wir müssen lernen, mit Demenz zu leben. Wir dürfen zwar nicht vergessen, dass Demenz eine Krankheit ist, aber wir sollten in erster Linie den Mitmenschen mit Demenz sehen und dafür Sorge tragen, dass er mit seinen Wünschen und Fähigkeiten in soziale Bezüge eingebunden bleibt. Das ist leider noch nicht oder nicht mehr selbstverständlich.

(D- R 5)

Zu den ersten literarisch überlieferten Beschreibungen der Demenz gehört Shakespeares King Lear, uraufgeführt 1606. In dem Dialog mit seiner Tochter Cordelia, die ihn mit dem Arzt und Gefolge aufsucht, klagt er: [End Page 6]

Spott et meiner nicht!Ich bin ein schwacher, kind'scher, alter Mann,Achtzig und drüber […]Ich fürchte fast, ich bin nicht recht bei Sinnen.Mich dünkt, ich kenn' Euch, kenn' auch diesen Mann,Doch zweifl' ich noch, denn ich begreif' es nicht,An welchem Ort ich bin; all meinen VerstandEntsinnt sich dieser Kleider nicht, noch weiß ich,wo ich die Nacht schlief. Lacht nichtüber mich, […]

Die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, ist heute nicht größer als in der Vergangenheit, aber die Zahl der Erkrankungen hat durch die Langlebigkeit rapide zugenommen. Die Belletristik hat sich in zunehmendem Maße mit der Darstellung der Alzheimer-Krankheit befasst. Irmela Marei Krüger-Fürhoff analysiert vier Werke, darunter ein deutschsprachiges,6 um aufzuzeigen, "how these literary texts explore the realm between narrative selves and their pending post-narrative conditions" (92). Für meinen Beitrag habe ich fünf Werke ausgewählt: Fritz Habecks "Dezemberabend," das deutlich die Immunität der Tochter gegenüber ihrem demenziell erkrankten Vater zum Ausdruck bringt; Felix Mitterers Auftragsstück Der Panther, in dem der Autor aufzeigt, dass Liebe und Zuneigung zum Partner auch in der Krankheit des Vergessens nicht gänzlich vergessen sind. Die Erinnerungschronik Nackte Väter von Margit Schreiner vergleicht den Vater, wie er war und wie er jetzt ist. Frau Dahls Flucht ins Ungewisse von Leonore Suhl vereint durch die Aktivierung des Langzeitgedächtnisses die Alzheimer-Krankheit ihrer Mutter mit den Ereignissen der Nazi- und Kriegszeit. Arno Geigers Roman Der alte König in seinem Exil zeigt, dass die Alzheimer-Krankheit auch kreativ sein kann, und dass der alte Mann, "despite recurrimg feelings of despair and disorientation on the whole still enjoys himself" (Krüger-Fürhoff 99).

Man hat sich lange gescheut, über das Thema Alzheimer zu sprechen. Der Untertitel von Wolfgang Borcherts Hörspiel "Draußen vor der Tür" heißt: "Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publlikum sehen will" (Borchert 99). Das hat sich jetzt geändert, denn nicht nur die Literatur, sondern auch die Medien, besonders der Film, haben dieses Tabuthema aufgegriffen. [End Page 7]

Belletristik7

Der Panther von Felix Mitterer8

Felix Mitterers Monologstück Sibirien, geschrieben 1989, schildert einen alten Mann in einem Pflegeheim. Verlassen von seiner gesamten Familie, erwartet er den Tod. Als Soldat war er in Sibirien, und die sibirische Kälte kennzeichnet auch sein Krankenlager. Sein letzter Wunsch ist es, in Würde zu sterben. Angeprangert werden hier die Missstände, die in Pflegeheimen herrschen.9 Das Auftragsbühnenstück Der Panther behandelt eine ähnliche Thematik. Zugeeignet ist es dem Kammerschauspieler Fritz Muliar (= Friedrich Ludwig Stand, 1909–2009) anlässlich seines 70-jährigen Bühnenjubiläums. Auch hier geht es um alte Leute, um die Krankheit des Vergessens, und um ein Pflegeheim.

Ein Mann kommt nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach Hause—ein moderner Odysseus. Und wie sein homerischer Vorgänger erkennt seine Frau den Namenlosen nicht wieder. Er fühlt in Erinnerungsmomenten, dass er bei seiner Frau ist; sie dagegen geht durch verschiedene Stadien der Erinnerung: der Unsicherheit, des Ahnens, des Vermutens, bis zu der Überzeugung, dass der Mann, der ihr in der Wohnung gegenüber sitzt, der Kognak trinkt und Zigaretten raucht, dass dies ihr Mann ist, mit dem sie 50 Jahre lang verheiratet ist.

Hinweise für den Verlauf des Stückes sind von Mitterer schon durch die Namensgebung angezeigt. Die Liebe wird angedeutet durch die Namensgebung der Frau, denn der französische Name Marion, die Koseform von Maria, symbolisiert Sanftheit und Liebe. Die Wandlung des Mannes wird ebenfalls durch den Namen vorbereitet, denn Thomas, einer der Jünger Jesu, vollzieht den Wandel vom Zweifler zum Wissenden. Auch der Name Liebherr steht für die Liebe, die zwischen den beiden trotz der langen Abwesenheit immer noch existiert.

Das Stück kann in vier Themenbereiche unterteilt werden:

den lückenhaften Weg zur Erinnerung;

die finanzielle Ausnutzung und den psychologischen Missbrauch der Demenzkranken;

die Reaktion auf den Verlustder Erinnerung;

das Wiederfinden der Erinnerung durch Zuneigung, Wertschätzung und Liebe. [End Page 8]

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1. Der lückenhaft e Wegzur Erinnerung

Marion Liebherr, eine ältere Frau, kommt von dem Begräbnis eines Mannes zurück, von dem sie annimmt, dass er ihr eigener ist. Sie hat mit ihrem Auto einen älteren Mann ungefährlich verletzt. Da sie ohne Führerschein fährt, hat sie Angst, dass er sie anzeigt. Deshalb erfüllt sie seinen Wunsch, ihn für einige Tage bei sich aufzunehmen. Sie ist nicht sicher, ob der Mann den Unfall provoziert hat oder nicht, denn er tauchte "urplötzlich" (14) vor ihrem Wagen auf. Der Mann ist Thomas Liebherr, und er ist nach langjährigem Aufenthalt einem Pflegeheim entflohen, in das ihn seine Frau hat überweisen lassen. Er hat die Papiere seines Zimmernachbarn, eines gewissen Dr. Altmann, an sich genommen, der unter dem Namen Liebherr begraben wird. Beide Personen, Thomas Liebherr wie auch die Frau, leiden an Demenz, wobei der Krankheitsverlauf bei dem Mann weiter fortgeschritten ist als bei ihr.

Ein Hinweis hierfür ist in der Bühnenanweisung enthalten, denn ein "kompliziertes Puzzle" liegt auf dem Esstisch (9). Da Marion später an dem Puzzle arbeitet, ist anzunehmen, dass ihre Demenz noch im Anfangsstadium ist. Ein Zusammenlegspiel ist eine geistige Aktivität, die den Verlauf der Gehirnkrankheit retardieren soll. Ein Groß- Puzzle vermittelt nicht nur ein Erfolgserlebnis, sondern stellt auch einen Bezug zur Außenwelt dar, da die Teilstücke der Welt, so wie sie die Demenzkranken sehen, sich wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Das gilt nicht nur für Marion, sondern auch für Thomas Liebherr, der die Teile seines Lebens wieder zusammenfügen möchte.

Das Puzzle hat aber noch eine übertragene Bedeutung. Das Stück ist zu Anfang verwirrend. Es sind Teilstücke, die erst vom Leser- oder Theaterpublikum zusammengefügt werden müssen, so dass ein vollständiges Bild entsteht. Man weiß zu Anfang nicht, wer der Mann ist, der als "Der Mann ohne Name" angegeben ist. Das Anfangsgespräch zwischen den beiden ist doppeldeutig, verständlicher für den Mann als für die Frau. Wenn die Frau sagt, dass sie gerade von dem Begräbnis ihres Mannes kommt, erwidert er: "Hauptsache, es war nicht ich […]. Ich habe noch was zu erledigen, bevor ich abtrete" (14–15). Was er zu erledigen hat, wird erst später offensichtlich. Auch die Anzüge des angeblich begrabenen Ehemannes passen ihm. Nur sein neuer [End Page 9] Name, unter dem er sich später vorstellt, ist ihm ungewohnt. Er muss erst auf seine Handfläche sehen, auf die er den Namen Altmann geschrieben hat. Später steigen Zweifel in Marion auf, ob es ihr Mann war, von dessen Begräbnis sie kommt: "Ich wunder mich schon die ganze Zeit, wen ich da eigentlich begraben hab. Es war Doktor Altmann. Nicht wahr?" (90). Wenn er sagt: "Mit Ihrem Mann hätte ich mich gut verstanden," und sie erwidert: "Bestimmt. Er war genauso streitlustig wie Sie" (23), werden Bezüge hergestellt, die für das Publikum verständlicher sind als für Marion.

2. Finanzielle Ausnutzung und psychologischer Missbrauch der Demenzkranken

Mit dem Erscheinen des angeblichen Neffen Heinz führt Mitterer eine sozialkritische Note in sein Stück ein. Heinz benutzt seine Position als Vormund, die demenzkranke Frau finanziell auszubeuten und sie psychisch zu erniedrigen. Diese Misshandlungen an Demenzkranke sind nicht selten; so heißt es im Spiegel: "[S]eelische Misshandlung, Vernachlässigung, finanzielle Abzockerei, und Beschneidung des freien Willens. So räumen Angehörige das Bankkonto leer …" (Brandt 107).

Heinz hat Marion entmündigen lassen, da sie ihre Rechnungen nicht bezahlt hat. Andere Anzeichen, dass sie dement geworden ist, sind die von dem "Neffen" angefertigten, auf Papier geschriebenen Erinnerungsstützen, wie z. B.: "Herd abschalten! Bügeleisen ausschalten! Wasser bei der Waschmaschine abdrehen! Schlüssel nicht draußen an der Wohnungstür stecken lassen!" (26), alles Verhaltensmaßregeln für Demenzkranke. Diese Maßnahmen des "Neffen" erwecken den Anschein, dass er ihr helfen will.

Die Fürsorge dieses "Neffen" ist jedoch vordergründig, denn es geht ihm darum, das Geld der Frau an sich zu bringen. Ihren Wagen hat er für 4000 € verkauft, die 2000 € auf dem Tisch steckt er in seine eigene Tasche, und er weigert sich, Marion bei sich zuhause aufzunehmen. Falls er ihr Geld hätt e, so lässt er sie wissen, könnte er einen Teil benutzen, sie komfortabel in einem Altenheim unterbringen zu lassen. Sie geht allerdings nicht auf diesen Vorschlag ein, und er verlässt unter Drohungen die Wohnung.

Mitterer zeigt hier die Gefährdung der Demenzkranken durch kriminelle Ausbeuter, die die Verfremdung der Realität der Erkrankten ausnutzen. Marion setzt sich allerdings noch dagegen zur Wehr. Sie erzählt dem "Neffen," der sich erst nach der Heimunterbringung ihres Mannes bei ihr eingeführt hat, nicht die ganze Wahrheit. Der "Neffe" jedoch weiß, dass er die Zeit auf seiner [End Page 10] Seite hat, denn Demenz ist progressiv; er braucht nur zu warten, bis er sein Ziel erreicht hat. Er würde ihr Konto plündern, aber sie hatte schon vorsorglich das Geld abgehoben. Er glaubt, dass sie es zu Hause versteckt hat, und schreckt nicht davor zurück, die gesamte Wohnung durchsuchen zu lassen.

Er weiß, dass er das legal tun kann.

3. Reaktion auf den Verlust der Erinnerung

Der für einen Moment allein gelassene Thomas Liebherr, ein ehemaliger Professor für Literatur, versucht krampfh aft, Rilkes Panthergedicht, das sein Lieblingsgedicht gewesen ist und das er auch auswendig gekonnt hat, wieder zu zitieren. Es gelingt ihm nur teilweise. Er weiß, dass seine Erinnerung lückenhaft ist, dass er seine Identität vollkommen verlieren wird. Er schaut in den großen Spiegel und zitiert aus dem Gedicht: "Dann geht ein Bild hinein" (39), eine Stelle, an der er wiederholt verzweifelt. Dies ist der Auslöser der folgenden Handlung. Er zerschlägt sein Spiegelbild mit dem Spazierstock und ruft aus: "Ich halte das nicht mehr aus! Ich halt das nicht mehr aus!" (40). Diese letzte Szene wird von Marion beobachtet, und das gibt ihr die Gewissheit, dass dies ihr Mann ist, der nach langjährigem Aufenthalt im Pflegeheim wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Diese Spiegelepisode erinnert an das Gedicht "Leerer Spiegel" von Victor Fritz, das Mitterer in einer Anthologie veröffentlicht hat:

Leerer SpiegelDu siehst in den Spiegel,Der Spiegel ist leer.Du hast kein Gesicht,Du siehst "Es" nicht mehr.Deine Person ist verschwunden im Nichts,Du kannst dich nicht findenIm leeren Spiegel.Du bekommst Angst vor der Leere—Dem Nichts.Das Nichts"Es" ist alles und nichts.

Das Verhalten Thomas Liebherrs zeigt aber auch, dass trotz fortgeschrittener Demenz noch Lichtblicke in die Realität möglich sind. Er weiß, dass [End Page 11] seine Zeit begrenzt ist. Dieses Wissen erzeugt eine existenzielle Angstwelle in ihm, ein "Draußen- vor- der- Tür- Stehen," auch vor der eigenen Tür.

4. Das Wiederfinden der Erinnerung durch Zuneigung, Wertschätzung und Liebe

Mehr als die Hälfte des Schauspiels ist dem Versuch der Frau gewidmet, diesen Mann, den sie als ihren eigenen Mann erkannt hat, wieder in die Realität zurückzuführen. Der Mann hat zum großen Teil mit ihr gespielt, vielleicht aus Rache dafür, dass sie ihn in das Pflegeheim hat überweisen lassen. Aber jetzt kommt stoßweise die Wahrheit an das Licht. Wenn die Frau ihm sagt, dass er dorthin gehen soll, woher er gekommen ist, erwidert er nur: "Ich geh nicht hin, wo ich herkam. Das ist kein guter Ort" (47). Er erklärt sein Nichtimmer-treu-Gewesensein mit: "Ich befürchte, ich war kein guter Ehemann" (47). Er erklärt ihr, dass sein Gedächtnis ihn immer öfter im Stich lasse, sagt aber dann: "Manchmal bin ich vollkommen klar" (47), dass aber dann seine Erinnerungen, die Bilder der Vergangenheit, gestört sind.

Marion versucht, diese vergangenen Bilder zu stärken. Zuerst erwähnt sie die Bezeichnung Panther, die ein Kosename aus seiner Jugend gewesen ist. Der Mann erinnert sich; als der angebliche Neffe erscheint, entlarvt er ihn als "Betrüger Hochstapler Schwindler" (65), und wirft ihn kurzerhand aus der Wohnung. Die Frau glaubt, dass das Spiel ihres Mannes jetzt zu Ende sei. Sie wechselt vom formalen Sie zum vertraulichen Du über, aber das geschieht nur ihrerseits. Der Mann bleibt beim formalen Sie. Dann schockiert ihn die Frau und fragt ihn nach dem Namen ihres neunzehnjährigen Sohnes, der Selbstmord mit seinem Auto begangen hat. Der Mann fängt zu zittern an, und er kann kein Ton herausbringen. Die Frau greift dann wieder auf das unpersönliche Sie zurück, und sie erwähnt auch die Stadt Paris.

Paris war die Stadt, in der sie und ihr Mann eine wunderbare Zeit verbracht hatten. Der Mann erinnert sich an diesen glücklichen Teil seines Lebens. Mitt erer zeigt hier, dass der Bund zwischen ihm und Marion in der Lage ist, die Gefühle aus seiner Vergangenheit wiederzubeleben. Er beginnt auch einige Teile des Lieds von Maurice Chevalier zu singen: "Paris je t'aime d'amour," ein Lied, dessen Text zu Beginn des Stückes zur Gänze wiedergegeben wird. Dieses Experiment hilft, und die Erinnerung kehrt wieder. Thomas Liebherr hat das Pflegeheim verlassen, um seine Frau wieder zu sehen. Er beklagt, dass die Gedichte ihm fehlen, besonders das Panther-Gedicht. Marion zitiert es ihm jetzt vollständig, aber der Mann weiß, dass die Erinnerung [End Page 12] ihn bald wieder verlassen wird. Für eine Weile alleingelassen, steckt er eine rote Rose in die Vase und geht auf die Straße hinaus. Thomas Liebherr will sein Leben in Würde beenden. Er geht freiwillig in den Tod, oder wie Arthur Schnitzler den Dichter Filippo Loschi in seinem Schauspiel Der Schleier der Beatrice in einer anderen hoffnungslosen Situation hat sagen lassen: "Mit Willen/Dahinzu gehn, ist Freiheit, und mich dünkt,/Die einz'ge, die uns Sterblichen gegönnt ist!" (Schnitzler (2) 637).

Das Dinggedicht "Der Panther" von Rainer Maria Rilke besteht aus drei Strophen zu je vier Versen. Die erste Strophe beschreibt die Gefangenschaft des Panthers, den Entzug seiner gewohnten Freiheit. Er bringt sein Leben hinter Gitterstäben zu: "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tau-send Stäben keine Welt." Die zweite Strophe zeigt seine eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Sein Wille ist jedoch nur betäubt. Der Durchbruch geschieht in der dritten Strophe, allerdings nur zeitlich beschränkt. Dieses "manchmal," zusätzlich eingeschränkt durch das Adverb "nur," ist möglich durch ein großes Wollen, sodass ein Bild der Außenwelt in sein Innerstes eingeht. Im Gegensatz zum Panther allerdings gelingt es dem Mann, seinem Käfig zu entfliehen, getrieben von seinem Willen, seine Frau wieder zu sehen, oder wie er sagt: "Ich habe jemanden gesucht […] Meine Frau. Meine Frau" (91).

Mitt erer zeigt in seinem Stück etwas, was medizinische Berichte nicht enthalten. Er erweckt eine Betroffenheit, die uns angeht und die uns dazu führt, Mitleid und Erbarmen mit diesem demenzkranken Mann zu empfinden. Er prangert zudem die Kriminalität solcher Menschen an, die die Kranken ausbeuten. Gezeigt wird aber auch die Liebe zum Partner, die dieser demenzkranke Mensch dem Schicksal entgegensetzt.

Obwohl Rilke sein Gedicht nicht als Beschreibung Demenzkranker verfasst hat, hilft uns dieses Gedicht wie kaum ein anderes, den verzweifelten, auch aussichtslosen Kampf mit dieser Krankheit näherzubringen. Das letzte Bild, das Thomas Liebherr in sich aufnimmt, ist wie das Erblühen und das Verblühen der Rose, das nochmalige Zusammensein mit seiner Frau. Es ist das letzte Mal, bevor er seinem Leben ein Ende setzt. Bei Rilke heißt es:

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupillesich lautlos auf—. Dann geht ein Bild hinein,geht durch der Glieder angespannte Stille—und hört im Herzen auf zu sein.

(94) [End Page 13]

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"Dezemberabend" von Fritz Habeck10

Ein alter Mann kehrt heim. Er wohnt im niederösterreichischen Lauterbach: "Ja, in Lauterbach […]. Da wohne ich. Im Schulhaus. Meine Frau wird schon warten auf mich" (137). Der weit über 80 Jahre alte Mann war der Oberlehrer dieser Gemeinde. Seit Jahren wohnt er schon im Greisenheim in Haid und seine Frau ist schon lange tot. Der Mann, der ihn, den Dementen, in die Gaststube geführt hat, ist Taxifahrer, der jetzt nach vielem Herumfahren sein Geld haben will.

Der Alte ist aus einem Greisenheim ausgebrochen und lässt sich mit dem Taxi auf der Suche nach seiner Frau in verschiedene Ortschaften fahren. Er will zurück in das Schulhaus, in dem sein Zuhause war, in dem aber jetzt ein Anderer wohnt. Der Erzähler dieser Geschichte erbarmt sich seiner, bezahlt die Fahrt, und fährt den Alten zu dessen in der Nähe wohnenden Tochter. Der Empfang findet in der Küche statt, denn im Wohnzimmer sieht der Lebensgefährte der geschiedenen Tochter in die "Blaue Scheibe," zusammen mit dem Untermieter.

Christine, die Tochter, lehnt eine Rückkehr ihres Vaters strikt ab: "'Ja ja', sagte Christine und lächelte fröhlich wie ihre Putte. ‛Das ist so eine Geschichte mit dem Vater, wir kennen das, wir erleben es immer wieder, er ist nämlich im Greisenheim in Haid, und von Zeit zu Zeit reiβt er ihnen aus'" (140). Sie versteht nicht, weshalb er ausgebrochen ist, denn er habe ja alles da, was ein Mensch braucht: "Zentralheizung, fließendes Wasser, jede[n] Komfort und richtige Pflege" (ibid.). Außerdem wäre der alte Mann eine ungeheure Belastung für sie und ihren Lebensgefährten, da sie beide arbeiten und tagsüber außer Hause sind. Und ohne Arbeit hätten sie es nicht geschafft, eine so schöne Wohnung zu haben und ein Auto, denn nach dem Krieg hatten sie mit nichts angefangen.

Der Hauptgrund jedoch für ihre Weigerung, den Vater bei sich aufzunehmen, ist seine Versponnenheit und seine Senilität. Er habe einen allzu kleinen Horizont, interessiere sich nur für das Kleine, so z. B. für den Ort Lauter-bach, für die Käfer, die Feldblumen, und für die vergangene Heimatgeschichte. Heutzutage habe man einen größeren Horizont: "Unsereiner hört was von der Welt, die Schwierigkeiten mit den Negern in Amerika, man ist modern, und Vietnam, und die Russen, und die Chinesen; er hört da gar nicht hin, sagt womöglich gleich, man müsse erst von Lauterbach was wissen, bevor man über den Kongo redet" (140). Die wichtigen Dinge passieren doch nicht [End Page 14] in Lauterbach, sondern in der großen Welt. Sie verabschiedet sich vom Vater und dem Erzähler, bezahlt nicht die Taxifahrt, denn das ist Aufgabe des Greisenheims, küsst den Vater noch auf die Wange und wünscht ihm "Fröhliche Weihnachten und ein Glückliches Neues Jahr" (142). Dann kehrt sie zu ihrem Lebensgefährten und dem Untermieter zurück und schaut sich mit ihnen den Krimi an. Die letzten Worte des Alten sind: "Meine Frau wird sich Sorgen machen […]. Fahren wir jetzt nach Lauterbach?" Die Erwiderung des Erzählers ist: "Erst auf Höheren Befehl […]. Und dann jeder für sich!" (142).

In dieser sozialkritischen Erzählung wird der alte demente Oberlehrer von seiner Familie nicht um-, sondern entsorgt. Er wäre eine zu große Belastung für sie, und so steckt die Tochter ihn ins Greisenheim, das mit allem äußeren Komfort versehen ist. Nicht aber mit dem, was der Mensch in dieser Lage braucht und sucht: Zuneigung und Liebe. Das Greisenheim ist unpersönlich, und es ist verständlich, dass der ehemalige Oberlehrer gerade zur Weihnachtszeit in sein ehemaliges Zuhause zurück will, in dem er sich heimisch gefühlt hat. Weihnachten ist die Zeit der Nächstenliebe. Was er jedoch findet, ist nicht Nächstenliebe, sondern Selbstliebe. Die Tochter, ironischerweise Christine genannt, schickt ihren Vater wieder in das Heim zurück, aus dem er ausgebrochen ist. Für sie und ihren Lebensgefährten stehen die Sachwerte und der persönliche Komfort höher als die menschlichen Werte.

Habeck stellt in dieser kurzen Erzählung die Werte zweier Epochen gegenüber. Der Oberlehrer betont nicht nur die großen geschichtlichen Perioden und Ereignisse, sondern er erwähnt auch "wie die Blumen heißen und die Käfer" (140). Er schätzt das Kleine, das Lebenserhaltende, und das ist für ihn wichtiger als das so genannte Große. Er gerät damit in die unmittelbare Nähe zu Adalbert Stifter, für den das Kleine das Große ist und das Große das Kleine, wie Stifter es im Vorwort zu der Novellensammlung Bunte Steine (1853) beschrieben hat. Die großen Ereignisse sind nur kurz andauernd, während das so genannte Kleine das Bleibende, Lebenserhaltende ist. Stifter bezeichnet dies als das "Sanfte Gesetz;" es ist in der Liebe zu den Kindern zu finden wie auch in der Liebe der Kinder zu ihren Eltern.

Fritz Habeck, der 1973 den Adalbert-Stifter-Preis, den Groβen Kulturpreis des Landes Oberösterreich, erhalten hat, zeigt in dieser Erzählung den Kontrast in den Familienbeziehungen auf, der zwischen der Biedermeierzeit und der Wohlstandsgesellschaft der Moderne liegt. Diese Letztere ist geprägt durch ein kapitalistisches Denken, in dem Sachwerte höher stehen als die menschlichen Beziehungen. Um diese Beziehungen zu bewahren oder wieder [End Page 15] herzustellen, ist es nicht nötig, global zu denken, wie es bei Christine der Fall ist.

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Nackte Väter von Margit Schreiner11

In Margit Schreiners Gedenkschrift Nackte Väter erleben wir den Vater so, wie er vor seiner Demenzkrankheit gewesen ist, und in seiner jetzigen Situation. Während die Tochter der Erinnerung nachgeht, verliert sich die Erinnerung bei dem Vater Schritt für Schritt. Gezeigt wird auch die Aufopferung der Familie, die den dementen Ehemann und Vater betreut. Dies ist für die Familie psychologisch belastender als für die eingestellten Pflegekräfte, die nicht eine so starke emotionale Beziehung zu dem Erkrankten haben. Über das individuelle Schicksal hinaus wird unsere eigene Sterblichkeit angedeutet.

Geschildert werden zu Anfang hauptsächlich die Erinnerungen an die kleine Welt innerhalb der Familie: Das Parasolsuchen im Wald, das Huckepacktragen, das Auf-den-Knien-Wippen, das Gesichtan-seine-Schulter-Schmiegen, das Geschichten-Erzählen. Diese Geschichten handeln von Leben und Tod, aber auch von Menschen, die zwar noch leben, aber von der Gesellschaft als gestorben betrachtet werden—von Scheintoten. Die Angehörigen geben den Scheintoten in einen Sarg, schließen den Sargdeckel und denken nicht daran, "daβ sie einen Scheintoten vor sich haben könnten" (21). Diese Szene deutet auf das Kommende hin, als der "scheintote" Vater, im Pflegeheim in einem Gitterbett liegt, und die Tochter denkt: "Er wird Angst gehabt haben, sie könnte ihn wegschieben, bevor er tot ist. Zuerst tot, wird er gedacht haben, und dann erst abtransportieren" (111). Aber der demente Vater war schon "tot," schon seit drei Jahren (114), wird aber noch durch Medikamente an einem Leben ohne Inhalt erhalten. Der Morbus Alzheimer hat in ihm in den letzten Stadien seiner Erkrankung die Erinnerung getilgt, und ihn damit seiner Identität beraubt.

Zu dem positiven Vaterbild der Vergangenheit gehört der Vater als Retter aus schwierigen, lebensgefährenden Situationen. Er hat die Tochter vor dem Ertrinken bewahrt, als sie bei ihren Tauchversuchen im Pichlinger See unter die Luftmatratze geriet (44). Sie ist überzeugt, dass sie bei einem Fall-schirmsprung in die Arme des Vaters fallen würde (43). Diese geträumten und tatsächlichen Episoden vermitteln ein positives Vaterbild, im Gegensatz [End Page 16] zu einer kurz darauf folgenden Beschreibung, die sich stilistisch und inhaltlich von den vorigen Erinnerungen abhebt.

Der Vater, der in der Nacht nackt durch die Wohnung läuft, will in das Bett der ihn besuchenden Tochter. Sie schaut ihn an:

Sein Körper war dünn und übersät mit roten und braunen Flecken, Warzen und Erhebungen. Überall am Hals, unter den Armen, am Bauch war zu viel Haut an seinem Körper. Die Arme waren dürr. Auch die Beine. Außerdem waren sie stark nach innen gebogen. Zwischen den krummen Beinen baumelte sein Geschlecht.

(52)

Sie bedeckt sich und flüstert: "Geh weg!" (53). Am nächsten Tag fährt sie mit ihrer dreijährigen Tochter auf dem Arm zu einem fingierten Abendessen mit Freunden und geht einkaufen: "Ich ließ den Wagen stehen und lief mit meiner Tochter auf dem Arm aus dem Delikatessengeschäft in den Schiller-park gegenüber, wo ich unter hohen, lindgrünen Bäumen ins Gebüsch kotzte" (57). Dieses Kotzen ist ein Sich-Erbrechen aus Ekel und auch aus der Erkenntnis heraus, dass sie ihren Vater jetzt endgültig verloren hat. Er ist jetzt nicht nur äuβerlich nackt, sondern auch innerlich.

Die Überweisung des Vaters zuerst in das Krankenhaus, dann in das Pflegeheim, geschieht auf den Wunsch der Mutter:

"Herr Doktor", habe sie dort zu dem Oberarzt gesagt, "ich kann nicht mehr. Diese Unruhe", habe sie gesagt, "das An- und Ausziehen, die ganze Nacht. Er will immer raus und rein in die Dunkelheit, in die Kälte, nackt, Herr Oberarzt, er ist ja nicht mehr zu lenken. Er macht, was er will, er schubst mich mitten in der Nacht, daβ ich hinfalle und nicht mehr hochkomme. Er zieht sich nicht aus und nicht an. Je nachdem".

(69–70)

Der fast 90- Jährige sitzt nur mit einem Hemd bekleidet in der Kälte draußen vor der Tür und zieht sich eine Lungenentzündung zu, die jedoch mit Antibiotika geheilt werden kann. Bei der vierten Lungenentzündung verweigert die Frau die Überweisung vom Pflegeheim ins Krankenhaus und setzt auch die Antibiotika ab. Fünf Tage später stirbt ihr Mann.

Das faktisch Bleibende des Vaters ist sein Gebiss, das im Werk immer wieder vorkommt. Eingeführt schon im ersten Abschnitt, als die Mutter der Tochter "plötzlich etwas Hartes, Spitzes, Glattes" zusteckt (11). Die Tochter [End Page 17] nimmt das Gebiss ihres Vaters mit nach Berlin, und die Zähne "schwimmen jetzt bei mir daheim in Berlin in einem Wasserglas in meinem Spiegelschrank im Bad […] unter meinen eigenen Zähnen (einer so genannten Teilprothese, drei Zähne), die sich ebenfalls immer ein bisschen drehen, wenn ich sie anstoße" (15). Am Ende heißt es: "Meine Tochter sitzt auf der Schulter meines Mannes, trommelt mit den Fersen auf seiner nackten Brust und lacht. Auch mein Mann lacht und zeigt sein vollständiges, makelloses Gebiss" (135). Das Spiel des Kindes wiederholt ihr eigenes: "Komm, laβ dich umarmen, Vati. Ich spring dich jetzt an, von vorne, meine Beine links und rechts an deinem Körper, die Hände um den Hals, und du hältst mich gut fest. Auch wenn ich von hinten auf deinen Rücken springe" (18). Das Spiel des Kindes mit ihrem Mann verbindet die Ich-Erzählerin mit ihrem Vater, und das Gebiss des Ehemannes erinnert sie an das Gebiss des toten Vaters. Der Kreislauf des Lebens hat sich geschlossen, ein Zyklus von Stirb und Werde. Das Werk beginnt mit einem Begräbnis, und es endet mit einer Affirmation des Lebens: Die kleine lachende Tochter steht am Anfang ihres Lebens, die Erzählenden und ihr Mann stehen in der Mitte, und der demente Vater am Ende.

Angedeutet wird hier auch, dass das Nicht-mehr-Sein für uns alle gilt, auch wenn dieser Gedanke in der Jugend verdrängt wird—wir sind, wie das Kind der Erzählerin "lachenden Munds," oder wie es bei Rilke heiβt:

Schluβstück

Der Tod ist groß.Wir sind die Seinenlachenden Munds.Wenn wir uns mitten im Leben meinen,wagt er zu weinenmitt en in uns.

(Conrady 640)

Die Langzeile dieses Gedichts, die durch das Druckbild betont wird, teilt als Mittelachse das Gedicht in zwei Hälften. Die letzte Zeile scheint deshalb zu fehlen. Sie wird durch den Leser ergänzt und könnte die erste Zeile wiederholen. Diese Zeile wäre damit in unser Inneres gelegt, genauso wie der Tod "mitten in uns" wartet. [End Page 18]

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Frau Dahls Flucht ins Ungewisse von Leonore Suhl12

Die 1922 in Ostpreußen geborene Autorin zeigt in diesem Roman den Verlust der Ich-Identität ihrer Mutter, der dieses Werk gewidmet ist. Wie Miriam Seidler bemerkt, handelt es sich dabei um den "ersten deutschsprachigen Roman, in dem die Krankheit Alzheimer thematisiert wird" (Seidler 56)—eine Beschreibung des Morbus Alzheimer aus der Gefühlswelt der dementen Protagonistin. Ein zweites Anliegen dieses Werkes ist die psychologische Belastung der Familie, die die Kranke pflegt. Dazu kommen ein mahnendes Erinnern an die Kriegsgräuel und die Verbrechen der Nazizeit, inkl. der Judenverfolgung. Die Alzheimer-Krankheit ist bekannt dafür, dass sie das Kurzzeitgedächtnis löscht, während sie das Langzeitgedächtnis mit seinen Erinnerungen und Erlebnissen teilweise wieder aktiviert. Dies sind die "Erinnerungsbrocken," die sich durch den gesamten Roman ziehen.

Demenzielle Syndrome der Alzheimer-Krankheit

Bereits zu Anfang wird ein Frühstadium der geistigen Verwirrung gezeigt. Die gebildete 87-jährige Frau Dahl, die ihren Sohn Benno fragen muss, wie alt sie eigentlich sei, die von ihren Angehörigen betreut wird, schaut sich die Bilder ihres erstorbenen Mannes Ludwig im Fotoalbum an, aber sie tut es in einem Raum, der ihr trotz des langen darin Wohnens fremd vorkommt: "Überhaupt war ihr alles fremd in diesem Zimmer, die ganze Wohnung war ihr fremd, wenn auch alle behaupteten, sie wohne hier schon seit Jahren. […] Die Gegenwart trat auf der Stelle, eine Zukunft gab es nicht" (9). Zeit und Raum gehen in ihr durcheinander. Sie sinniert, wo ihre Tochter Vera jetzt wohnt—in New York oder in Spanien? Ihr Sohn Benno wurde als Spätling im Weltkrieg geboren, aber sie weiß nicht in welchem (11). Gegenwärtig ist ihr jedoch ihr Besuch mit ihrem Mann während der Besatzung von Paris—1941 ist jetzt näher als die Jetzt-Zeit und der Jetzt-Raum, denn sie verstand nicht, "warum sie jetzt allein in dieser eher unbekannten Wohnung saß, wo die Stunden versteinerten" (12).

Die Krankheitssymptome häufen sich: Sie kann keinen vollständigen Satz mehr äußern. Manchmal sagt sie etwas, was sie gar nicht sagen wollte. Sie verlegt ihre Brille und findet sie im Brotkasten. Sie muss Windeln tragen, was sie manchmal vergisst, und dieses Vergessen hat für sie beschämende Folgen. Sie muss zu Bett gehen, obwohl sie gar nicht müde ist; sie hat Schlafstörungen [End Page 19] und kann nicht einschlafen. Zu ihrem Ritual gehört, das Gebiss aus dem Mund zu entnehmen:

"Die Zähne, Tante Dahl, das Jebiss", mahnte die Placka, und half, es aus Frau Dahls Mund zu polken. Daraufh in stürzte deren Gesicht ein wie ein stolzes Gebäude. […] Haut und Knochen alles, dürre Arme, Stangenbeine, nur der Bauch quoll käsig gebläht hervor. […] "Ohne Jebiss sehn sie aus wie 'ne Hundertjährige, Tante Dahl" sagte Frau Placka.

(45–46)

In Frau Dahl breitet sich immer mehr das Gefühl der Einsamkeit aus. Sie denkt an den Tod als eine Erlösung aus ihrer jetzigen Situation: "Abseits am Fenster, ohne Kaffee, ohne Alkohol, angewiesen auf das Spionieren fremder Unterhaltung, hätte Frau Dahl eigentlich nichts dagegen, auch tot zu sein. Natürlich litt sie an Depressionen!" (31). Dann jedoch hat sie Angst vor dem Sterben: "Es war ein Irrtum zu glauben, in ihrem Alter fürchtet man sich nicht mehr vor diesem Wechsel vom Sein ins Nichtsein" (31).

Später zeichnet sich der Verlust des kritischen Denkens ab. Sie lässt sich Gegenstände aufschwatzen, die sie nicht braucht: Eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, ein Klavier. Ihr Sohn und ihre Tochter haben Schwierigkeiten, diese Aufträge und Verträge zu stornieren. Um zu verhindern, dass sie das Haus verlässt, bringen sie Schlösser an der Wohnungs- und an der Gartentür an.

"Es geht über meine Kräfte"

Die Familie, die Frau Dahl pflegt, tut es aus Liebe, ist aber am Ende ihrer Kräfte angelangt. Die Diagnose von Frau Dahl ist zuerst unbestimmt, denn die Mediziner wissen nicht, woran sie erkrankt ist. Ihre Schwiegertochter Ulrike beschwert sich bei ihrem Mann:

Wir müssen endlich darüber reden, Benno. Dr. Haupt spricht von Entgleisung des autonomen Nervensystems, Rudi tippt auf die Alzheimer Krankheit. Dr. Papendick hält kleine Gehirnschläge für wahrscheinlich, so oder so, ich schaff' das nicht mehr. […] Ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr. Es geht über meine Kräfte. Deine Mutter oder ich!

(55)

Ihre Schwiegermutter redet sie mit Sie an. Sie glaubt, dass sie Reinemachefrau [End Page 20] sei und bittet sie, ein Bad einzulassen, wenn das geschehen ist, will sie nicht hinein. Das Pflegepersonal ist überfordert. Später fällt der Ausdruck "compassion fatigue" (134). Benno ist besorgt über die Verfassung seiner Frau, und er sagt zum Arzt: "Lieber Herr Doktor, […] meine Frau ist am Ende" (141). Die Lösung, Frau Dahl in einem Heim unterzubringen, wird von ihrem Sohn jedoch abgelehnt: "In einem Heim kommt sie um" (127).

Politik und Pazifismus im Mantel der Demenz

Wenn Arthur Schnitzler in seinem Schauspiel "Das Märchen" den Dichter Fedor Denner sagen lässt: "Was war, ist!—Das ist der tiefe Sinn des Geschehenen" (Schnitzler (1) 198), so trifft diese Bemerkung ebenfalls auf Frau Dahl zu, wenn auch durch den Krankheitsverlauf zeitlich begrenzt. In der Alzheimer-Krankheit kann sich die Person an Geschehen erinnern, die Jahrzehnte zurückliegen, aber nicht mehr an aktuelle Ereignisse. Dies gibt der Autorin die Gelegenheit, ihre politische und pazifistische Einstellung in das Langzeitgedächtnis der Protagonistin einzubetten.

Wenn es heißt: "Manchmal stieg ein Erinnerungsbrocken wie eine vereinzelte Luftblase aus dem Morast der Vergangenheit auf" (137), so ist schon der Ton gesetzt. Zu diesem Morast der Vergangenheit gehören Erinnerungsbrocken aus der Nazizeit und auch der Zeit, die danach kam. Es ist eine "Vergangenheit in Bildern" und diese Bilder sind in ihr, denn die Sprache versagt ihr (133). Diese Erinnerungsbrocken sind Teil ihrer core memory, Kern-Erlebnisse, gespeichert in ihrem Langzeitgedächtnis.

Da war die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Kriege, so hörte Frau Dahl einige Offiziere sagen, "seien notwendig, denn anders als jedes Tier habe der Mensch keine natürlichen Widersacher. Eine ständig wachsende Zahl könne nur durch Kriege aufgehalten werden. Der Mensch müsse sich selbst reduzieren. So helfe sich die Natur. Diese Ansicht erschüttert Frau Dahl" (12), genau so, wie das "Organisieren" der deutschen BesatzungsOffiziere und ihre Sex-Parties in Paris.

Die Kriegsmoral, erinnert sich Frau Dahl, wurde damals hochgehalten durch die Lektüre von Ernst Jünger, der von dem Glanz und der Erhabenheit des Krieges schrieb, dem männlichen Stolz, der Kameradschaft und von leidenschaftlicher Opferbereitschaft in einem Krieg, den er schicksalshaft als eine Naturerscheinung, als Stahlgewitter versteht. Und Frau Dahl erinnert sich an das Resultat dieser Ideologie im Zweiten Weltkrieg: "Hunger, [End Page 21] Angst, Dreck, Läuse, die Guillotine, die Bomben, die Russen, die Nazis, die Amerikaner. Aber zu wem davon sprechen? Die Jugend konnte das gar nicht begreifen und wollte es auch gar nicht mehr hören" (15). Auch die Jugend der vergangenen Generation, oder der vergangenen Generationen, wollte nicht hinhören, wenn sie am Leben bleiben wollte. Wer hinhörte und anderer Meinung war, wurde hingerichtet, denn, wie Frau Dahl vernahm, käme es in Deutschland im Durchschnitt täglich "auf rund fünfzig Hinrichtungen" (15).13

Die Autorin kritisiert nicht nur die Ansichten im Zweiten Weltkrieg, sondern auch die Kriege, die danach kommen. Als Frau Dahl den Fernseher anmacht, sieht sie zunächst nur weiße Kugeln. Eine Frau hat ihr gesagt, das sei der Krieg im Irak, wo es auch Soldatinnen gäbe. Eine von ihnen habe in einem Interview beschrieben, "was dieser Krieg für einen Riesenspaß machte, lots of fun! Also. Das war für Frau Dahl denn doch zuviel des Guten. Krieg war Krieg, aber lots of fun war er nicht" (38).

Die Erinnerungen an die Judenverfolgung und ihre Misshandlung kommen zurück (148), wie auch an die an ihre Flucht aus Ostpreußen, als sie mit Benno im Kinderwagen im Treck auf der vereisten Landstraße mitmarschierte, die zweimalige Vergewaltigung ihrer Tochter Vera, das Heulen der Sirenen, die für sie den Weltuntergang anzeigten, und das Warten im Luftschutzkeller:

Wenn sich Frau Dahl an etwas erinnern konnte, war es an diese Machtlosigkeit, dieses Gefühl, in der Falle zu sitzen. Ein Tisch kreischendes Pfeifen, die Wände zitt erten, ein ächzendes Getöse und in der folgenden Stille ein sanftes Rieseln, wenn der Kalk von der Decke fiel. Die Glühbirne an ihrem Draht erlosch mit einem tückischen Blinzeln, ging aber wieder an. Der nächste Einschlag klang, wie wenn im Steinbruch gesprengt würde. Es folgte ein prasselndes Geräusch, als ob Wasser auf heißes Fett fiele. Mitten in diesem Höllenlärm gebar Elli einen Sohn.

(147–148)

Die Menschheit hat, wie Frau Dahl auf einer Party hören musste, nicht aus dieser Vergangenheit gelernt. Frau Dahl vernahm Ansichten wie: "Unsere Stukas! Rommel, der Wüstenfuchs! Hätte sich nach der Schlacht bei El Alamein nicht das Wetter geändert, wer weiß. Keine pazifistischen Jammerlappen damals. Damals hatte man noch. Damals konnte man noch. Damals herrschte noch. Damals wurde die Post noch pünktlich zweimal am Tag ausgetragen" (95). Frau Dahl war anderer Meinung, konnte jedoch nichts sagen.

Frau Dahl erhält in den letzten Tagen kaum noch Besuch. Den Leuten [End Page 22] ist sie zu langweilig, denn sie spricht kaum. Ihr Sohn zeigt ihr eine Fotografie von ihrem 85. Geburtstag, aber sie erkennt sich nicht mehr. Ihren 88. Geburtstag soll sie alleine feiern, denn ihre Familie fährt auf Urlaub. Sie hört dem Gespräch über den Mauerfall "aufmerksam verständnislos" zu (114). Alleingelassen findet sie den Schlüssel zum Gartentor und begibt sich nach draußen. Diese Flucht ins Ungewisse endet auf einer Brücke. Sie schaut hinunter und sieht eine alte Frau im Wasser, die ihr Winken erwidert. Sie erkennt nicht ihr eigenes Spiegelbild; der Verlust ihres Selbst, ihrer Identität, ist jetzt vollzogen.14 Es ist anzunehmen, dass sie dem Winken des Wasserbildes folgt.

Die zwei Hauptt hemen dieses Romans sind die Beschreibung der Alzheimer-Krankheit, verbunden mit der aufopfernden Pflege der Familienangehörigen, und der Ansicht, dass Kriege lots of fun seien (38), dass die Nazizeit eine gute alte Zeit gewesen sei. Beide Themen sind durch das lückenhafte Erhalten des Langzeitgedächtnises glaubhaft verbunden. Dieser Roman schildert dadurch nicht nur das Krankheitsbild einer ehemals intelligenten Frau, sondern auch über das individuelle Schicksal hinausgehend, das Krankheitsbild einer ganzen Zivilisation.

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Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger15

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger schildert in diesem literarischen Porträt das Leben mit seinem 84-jährigen an Alzheimer-Demenz erkrankten Vater August Geiger. Arno Geigers Vater, ein im Ruhestand stehender ehemaliger Gemeindeschreiber, leidet über ein Jahrzehnt an der Alzheimer-Demenz. In der Rückschau werden die Progression der Krankheit und das Leben August Geigers beschrieben. Seine Frau hat sich nach 30 Jahren Ehe scheiden lassen. Er ist der Vater von vier Kindern, von denen der zweitjüngste der Autor dieses Romans ist.

Zuerst hatte man Schwierigkeiten, die richtige Diagnose zu stellen. Dann begann das seltsame, kafkaeske Benehmen des Alten zuzunehmen. Das familienstörende Benehmen des Erkrankten wird als Racheakt ausgelegt, sodass der Sohn tagelang kein Wort mehr mit seinem Vater spricht. Dass er die Tiefk ühl- Pizza mit Verpackung in die Röhre schiebt und seine Socken in den Kühlschrank platziert, kann jedoch nicht mehr mit Schrulligkeit des alten Vaters erklärt werden. Geschildert wird das allmähliche Vergessen von Dingen und von Geschehnissen, die einen wertvollen Platz im Leben des Vaters hatten. [End Page 23] Die vom Neurologen angefertigten Schnittbilder des Gehirns zeigen den Verlauf der Krankheit. Der Vater hat vergessen, wie man isst. Er hat das Stück Brot auf dem Teller, und der Sohn muss ihm sagen, dass er nur hineinbeißen soll. Die Erwiderung des Vaters ist: "Tja, wenn ich wüsste, wie das geht. Weißt du, ich bin ein armer Schlucker. […] Ich bin einer, der nichts zu melden hat. Da ist nichts mehr zu machen. […] Ich begreife das alles nicht! […] Ich bin nichts mehr" (113–114). In dem letzten Stadium dieser Erkrankung ist auch das autobiografische Wissen verloren gegangen; nahestehende Personen werden nicht mehr erkannt.

Nachdem der Grund seines veränderten Benehmens erkannt worden war, änderten sich die Beziehungen zu dem alten Mann: "Wir ließen den Dingen ihren Lauf" (21). Es ist aber kein passives Gewährenlassen, sondern eine aktive Hilfestellung, um dem Vater zu helfen: "Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm" (11). Diese Welt hat jedoch andere Gesetze als unsere, die auf Raum und Zeit, auf Zweckmäßigkeit und vernünftiges Handeln und auf Logik aufgebaut ist. Die Wirklichkeit des Kranken ist nicht die Wirklichkeit der Gesunden. Um ihm zu helfen, stellen sich seine Betreuer auf das individuelle Weltbild des Kranken ein: "So schlugen wir einen Weg ein, der von der nüchternen Wirklichkeit weg führte und über Umwege zur Wirklichkeit zurückkehrte. […] Und wenn er sich nach seiner Mutter erkundigte, tat ich, als glaubte ich ebenfalls, dass sie noch lebte, und versicherte ihm, sie wisse über alles Bescheid und passe auf ihn auf. Das freute ihn" (118).

Die gesamte Familie kümmert sich jetzt um ihn, sogar seine geschiedene Frau. Sie tut es bis zu der Zeit, als er ins Heim überwiesen wird. Einmal ist er zum Ausgehen angezogen, setzt sich den Hut auf und fragt dann, wo sein Gehirn sei. Die Antwort ist: "Dein Gehirn ist unter dem Hut … Ja, es ist dort, wo es hingehört" (130). Der Vater nickt zustimmend und geht mit ihnen. Eine besonders glückliche Hand in der Pflege hatte Daniela, die aus der Slowakei kam und fast drei Jahre bei dem Vater blieb. Sie war entspannt und vermittelte ihm das Gefühl der Wichtigkeit: "Sie gab ihm den Einkaufskorb zu tragen, ließ ihn ihr Fahrrad schieben, und er hatte ihr Deutsch beigebracht, sie stun-denlang in Aussprache und Grammatik unterwiesen, während er gleichzeitig nicht die Namen seiner vier Kinder hätte nennen können" (133). Als er sagte, er wolle nach Hause gehen, erwiderte sie: "August, ich bleibe nicht alleine hier! Was mache ich ohne dich? Wenn du gehst, dann gehe ich auch. Aber ich muss noch bügeln" (119). Er blieb. Hätte sie gesagt, du musst hierbleiben, das geht nicht, hätte er sich geweigert. [End Page 24]

August Geiger hat Schwierigkeiten, die Umwelt zu verstehen; auf ihn treffen die Schlussworte Meister Antons aus dem bürgerlichen Trauerspiel Maria Magdalene von Friedrich Hebbel zu: "Ich verstehe die Welt nicht mehr!" August Geiger fühlt sich in der Welt der Gegenwart verunsichert. Er will wie Thomas Liebherr, wie der alte Oberlehrer aus Lauterbach, Margit Schreiners Vater, und Frau Dahl nach Hause. Der Wunsch, nach Hause zu gehen, zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Roman. Alle an Alzheimer Erkrankten fühlen sich verunsichert in ihrer Umgebung, in einer Welt, die sich für sie radikal verändert hat: "Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich" (56). Die Suche nach dem verloren gegangenen Paradies erinnert an die Bemerkung von Marcel Proust, die ebenfalls von Arno Geiger zitiert wird, dass "die wahren Paradiese die sind, die man verloren hat" (13–14). Nicht nur August Geiger, sondern alle an Alzheimer-Demenz Erkrankten, haben das Gefühl, in einem Exil zu leben. Sie stehen immer draußen vor der Tür.

Der Sohn findet jetzt die Liebe zu seinem Vater wieder, dessen Witz, Charme, Lebensweisheit und Humor er bewundert. So z. B.: "Du und ich, wir werden uns das Leben gegenseitig so angenehm wie möglich machen, und wenn uns das nicht gelingt, wird eben einer von uns das Nachsehen haben" (102), oder: "Ein guter Stolperer fällt nicht" (101). Das rechte Wort fehlt dem Vater manchmal, und dann sagt er: "Ich weiβ nicht, wie ich es taufen soll" (101). Der Sohn ist eng mit dem Vater verbunden: "Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest" (178). Die Alzheimer-Demenz kappt nicht nur Verbindungen, sondern knüpft sie auch. Der Vater zeigt seine Verbundenheit mit dem Sohn, wenn er augenzwinkernd sagt: "Du bist mein bester Freund!" (117). Das Fazit des Sohnes ist: "Es ist offenkundig, dass er tiefe Spuren hinterlässt" (186). Hier bewahrheitet sich die Ansicht von Katja Thimm, die in ihrem Erfahrungsbericht im Spiegel schreibt:

Wenn Eltern alt und hilflos werden, vertauschen sich die Rollen: Die erwachsenen Kinder übernehmen Verantwortung und treffen Entscheidungen für das Leben von Mutter und Vater. Die Generationen lernen einander neu kennen.

(Thimm 132) [End Page 25]

Schlussbemerkungen

Es gibt einige Punkte, die sich aus der Analyse dieser Werke ergeben:

  1. 1. Die Autoren zeigen uns, wie schwierig es ist, in der Frühphase die richtige Diagnose der Alzheimer-Demenz zu stellen. Gedächtnis- und Sprachstörungen sowie Orientierungsschwierigkeiten können als normale Alterserscheinungen angesehen werden.

    Die behandelten Romane zeigen uns die Merkmale der Krankheit. Die meisten der an Alzheimer-Erkrankten wollen im eigenen, vertrauten Lebensraum oder bei der Familie wohnen, an einem Ort, der für sie Sicherheit und Geborgenheit bedeutet. Sie fühlen sich als "unbehauste Menschen," die entwurzelt sind in einer Zeit, die für sie Chaos ist. Die in ihrem Langzeitgedächtnis enthaltenen Bilder von Dingen und Erlebnissen sind ihnen vertrauter als die jetzige Realität. Dazu gehören auch Familienmitglieder, die den Erkrankten jetzt fremd vorkommen.

  2. 2. Das Gemeinsame in allen diesen von Alzheimer-Demenz Betroffenen ist, dass sie einen Kampf ausfechten, nicht, um Neues zu erringen, sondern die Erinnerung an die Vergangenheit, um ihre Erlebnisse, ihr Selbstbild, ihre Identität wieder zu haben, oder wie es bei Arno Geiger heißt: "Lautlos focht der Vater den Kampf mit sich selber aus" (24). Dieser Kampf ist bis heute aussichtslos, und die Erinnerung an alles geht verloren. "Erinnerung ist das Seil," sagt Marcel Proust in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, "heruntergelassen vom Himmel, das mich herauszieht aus dem Abgrund des Nicht-Seins."16 Vorbei ist die Zeit, in der Jean Paul noch sagen konnte: "Die Erinnerung ist ein Para-dies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."17

  3. 3. Aber die Krankheit des Vergessens hat auch positive Eigenschaften. Wenn sich das rechte Wort nicht einstellt, so greift man kreativ auf andere Wörter zurück, die einem noch geläufig sind. Trotz der Alzheimer-Erkrankung kann auch, wie uns die hier angeführten Werke zeigen, der eigentliche Kern der Existenz, die core memory, bis zu einem gewissen Zeitpunkt erhalten bleiben. Thomas Liebherr kehrt zu seiner Frau zurück, die er trotz jahrelangen Aufenthalts im Pflegeheim immer noch liebt, und von der er Abschied nehmen will, bevor alle seiner Erinnerungen vollkommen ausgelöscht sind. [End Page 26]

  4. 4. Die Pflege der an Alzheimer-Demenz Erkrankten fällt zumeist den Familienangehörigen zu. Wichtig ist, dass die Familie zusammenhält und die Arbeit aufteilt. Für Adalbert Stifter ist es die Generationenkette, die die Generationen miteinander verbindet. Dieses "Sanfte Gesetz" finden wir besonders bei Margit Schreiner, Leonore Suhl und Arno Geiger. Bei Fritz Habeck fehlt diese Liebe bei der Tochter, aber dieses Vakuum wird durch die Leserschaft erkannt und in ihrem Inneren ergänzt.

  5. 5. Alle hier behandelten Werke zeigen die Reaktion der Pflegepersonen auf die Schwierigkeit der Pflege. Die Familie, die einen Erkrankten rund um die Uhr betreut, gerät dadurch an den Rand der Belastungsfähigkeit. Angedeutet wird dies bei Felix Mitterer, als die Frau ihren Mann in das Pflegeheim hat überweisen lassen, da die physische und psychische Belastung für sie zu viel war. Bei Fritz Habeck war es die Tochter, die sich der Aufgabe der Heimbetreuung entzogen hat, weil ihr Vater für sie eine zu große Belastung war. In Margit Schreiners Roman überschreitet die Pflege die Belastbarkeit der Frau, die den Arzt um die Überweisung ihres Mannes in eine Pflegestation mit den Worten bittet: "Ich kann nicht mehr." In Leonore Suhls Roman bekundet der Sohn der Erkrankten: "[M]eine Frau ist am Ende," weigert sich aber, seine Mutter in ein Pflegeheim zu geben, denn: "In einem Heim kommt sie um." In Arno Geigers Roman pflegen die Familie und die angestellten Betreuungspersonen den Vater, solange es geht, indem sie versuchen, sich auf seine Welt einzustellen. Der Vater wird schließlich in ein Pflegeheim überwiesen, nicht, weil er die Welt nicht mehr versteht, sondern weil die Welt ihn trotz allen Bemühens nicht mehr verstehen kann.

  6. 6. Für Arno Geiger ist die Alzheimer-Demenz die Krankheit unseres Jahrhunderts. In einem Spiegel- Interview fügte er hinzu, "[d]ass diese Flut an Informationen und an Wissen nicht mehr überschaubar ist. Unübersichtlichkeit ist, wenn man so will, der Preis der Moderne. Der Überblick ist verloren gegangen […]" (Hammelehle).

  7. 7. Wie im ersten Teil dieses Essays erwähnt worden ist, schrumpft die Bevölkerung Deutschlands und Österreichs. Die Geburtenzahl ist eher rückläufig, aber die Seniorinnen und Senioren leben länger, und damit steigt die Zahl der an Alzheimer-Erkrankten. Ulrike Heidenreich schreibt in ihrem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 22. März 2015: [End Page 27]

  8. 8. Die Zukunftsprognose der Alzheimergesellschaft ist einprägsam: Gegenwärtig leben in Deutschland etwa 1,5 Millionen Demenzkranke. Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Sofern kein Durchbruch in der medizinischen Therapie gelingt, werden im Jahr 2050 etwa drei Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland leben. (Heidenreich)

    In den 90er+ Jahren wird das Thema Alzheimer häufig in den Massenmedien angeführt, u. a. in den Tageszeitungen und auch in Filmen. Dies macht somit das Tabu-Thema bekannter und hat somit einen größeren Einfluss auf den öffentlichen Diskurs als die Veröffentlichungen in den medizinischen Zeitschriften. In der Belletristik wird die Alzheimer-Demenz in Schauspielen, Erfahrungsberichten, Tagebüchern, Gedichten und Erzählungen behandelt. Dies hilft uns, die "Krankheit des Vergessens" und die Erkrankten in ihrer "abhandengekommenen Welt"18 besser zu verstehen.

Gerd K. Schneider

Gerd K. Schneider is professor emeritus of German at Syracuse University in New York (1966–2005). He has also taught at the NDEA Institutes of Southern Illinois University and at Princeton University and was visiting professor and language coordinator at the Deutsche Schule of Middlebury College (1973–1989). He served on the Executive Committ ees of the MLA, AATG, and NYSAFLT, and was field reader for the US Department of Education. His awards include Best Teaching Award at the undergraduate level from Syracuse, the Ruth E. Wasley Distinguished Teacher Award on the Post-Secondary Level from NYSAFLT, and the Certificate of Merit from the Goethe House. His research interests include German and Austrian literature and culture from the fin- desiècle to the present. He has published seven books and over sixty articles in journals and encyclopedias. The English translation of his autobiography, Things Could've Been a Lot Worse: The Experiences of a German-American Bellybutt on Jew of Berlin Origins, was published by the Hadassa World Press in 2016.

Notes

1. Berlin- Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.). Demenz-Report. Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten [End Page 28] 2011, S. 4. Weitere Angaben zu dieser Veröffentlichung sind im Text unter der Chiffre D-R angeführt.

2. Kurt Vogler-Ludwig; Nicola Düll; Ben Kriechel (Hrsg. unter Mitarbeit von Catrin Mohr; Tim Vetter). Arbeitsmarkt 2030. Eine strategische Vorausschau auf die Entwicklung von Angebot und Nachfr age in Deutschland auf Basis eines Rechenmodells. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (München, Oktober 2 013), S. 7. Weitere Angaben zu dieser Studie sind in Klammern mit der Chiffre KV-L hinter die Angabe gesetzt.

5. Bad Ischler Dialog 2011. Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf Arbeitsmarkt und soziale Systeme. Positionen der österreichischen Sozialpartner. S. 1. Weitere Angaben zu dieser Ausgabe werden im Text unter der Chiffre Bad Ischl gekennzeichnet.

6. Die vier Werke sind: Thomas DeBaggio's Losing My Mind: An Intimate Look at Life with Alzheimer's (New York: Free Press, 2002); Jonathan Franzen's "My Father's Brain." In: How To Be Alone (London: FourThestate, 2002), S. 7–38; Arno Geiger's Der alte König in seinem Exil (München: Hanser, 2011); J. Bernlef [Pseud. van Hendrik Jan Marsman] Out of Mind. Übersetzt von Adrienne Dixon (Boston: David R. Godine, 1988 [1984]). Out of Mind erschien 1989 im Piper Verlag auf Deutsch unter dem Titel Hirngespinste Csollány.

8. Felix Mitterer, Der Panther. Theaterstück. Auftragswerk für das Theater in der Josefstadt, Wien (Innsbruck: Haymon Verlag, 2008). Weitere Angaben zu dieser Ausgabe sind im Text vermerkt. Zur Interpretation dieses Stückes siehe auch Gerd K. Schneider, "Afterword." In: Felix Mitterer, In the Lion's Den and The Panther, übersetzt von Patrick Drysdale; Mike Lyons; Victoria Martin; Dennis McCort Riverside: Ariadne Press, 2011), S. 195–209.

9. Siehe dazu Gerd K. Schneider, "Timely Meditations or Not Yet! Social Criticism in Felix Mitterer's Sibiria." In: Nicholas J. Meyerhofer; Karl E. Webb (eds.). Felix Mitterer: A Critical Introduction (Riverside: Ariadne Press, 1995), S. 195–205.

11. Margit Schreiner, Nackte Väter (Zürich: Haffmans Verlag, 1997). Weitere Angaben zu dieser Ausgabe sind in Klammern hinter das Zitat gesetzt.

12. Leonore Suhl, Frau Dahls Flucht ins Ungewisse (Düsseldorf: Marion von Schröder Verlag, 1996). Weitere Angaben zu dieser Ausgabe sind in Klammern hinter das Zitat gesetzt.

13. Felix Kellerhoff, "Zweiter Weltkrieg. Fahnenflucht und Selbstmord—Exit aus dem Krieg." Die Welt vom 21.03.13. Kellerhoff schreibt: "Bis Ende 1944 führte die Wehrmachtsjustiz insgesamt rund 626.000 Verfahren, von denen geschätzt ein Viertel Vorwürfe wie Fahnenflucht, 'Wehrkraftzersetzung' etwa durch Selbstverstümmelung und ähnliches betraf. [End Page 29] Gegen mindestens 30.000 deutsche Soldaten verhängten Militärrichter die Todesstrafe, und etwa 23.000 derartige Urteile wurden auch vollstreckt."

14. Siehe dazu auch Seidler S. 57.

15. Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil (München: Carl Hanser Verlag, 2011). Weitere Angaben zu diesem Text sind in Klammern hinter das Zitat gesetzt.

16. Zitiert bei M. Jürgs in "Begleiten ins Vergessen" als Motto für die Alzheimer-Krankheit.

18. Der Titel des Films von Margarethe von Trotta ist "Die abhandene Welt" (2015); er zeigt u. a. das Leben einer dementen Frau in einem Heim. Der Titel geht auf ein Gedicht von Friedrich Rückert zurück: "Ich bin der Welt abhanden gekommen," als Klagelied von Gustav Mahler vertont. Ein anderer tragikomischer Film, Honig im Kopf (2014), zeigte die Liebe der elfjährigen Enkelin zu ihrem an Alzheimer erkrankten Großvater, einem ehemaligen Tierarzt, mit dem sie eine Reise nach Venedig unternimmt.

Zitierte Werke

Bad Ischler Dialog 2011. Auswirkungen der Demographischen Entwicklung auf den Arbeitsmarkt und soziale Systeme. Positionen der österreichischen Sozialpartner. Sozialpartner.at/wp-content/uploads/2015/08/2011-07Studie-konsolodiertEndg.pdf. Web.
Behl, Christian. "Hauptrisiko ist das Alter. Was die Wissenschaft über Ursachen der Alzheimer-Krankheit weiß und auf welche Therapien für die Zukunft hofft" (Hrsg. Michael Jürgs). Alzheimer Spurensuche im Niemandsland. München: C. Bertelsmann Verlag, 2006. S. 9–16. Druck.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.). Neue Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Autoren: Franziska Woeltert; Reiner Klingholz. Berlin: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2014. Druck.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.). Demenz-Report. Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten. Autoren: Sabine Sütterlin; Iris
Hoβmann; Reiner Klingholz. Berlin: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2011. Druck.
Borchert, Wolfgang. "Draußen vor der Tür". In: W. B. Das Gesamtwerk. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1950. S. 99–165. Druck.
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Emmrich, Julia. "39.000 lassen ihren Job ruhen, um zu pflegen". Berliner Morgenpost vom 7. Juli 2016, Thema 3. Siehe dazu auch "Das Jahrzehnt der Pflege." Leitartikel der Berliner Morgenpost vom 7. Juli 2016, S. 2. Druck. [End Page 30]
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Geiger, Arno. Der alte König in seinem Exil. München: Carl Hanser Verlag, 2011. Druck.
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Vogler-Ludwig, Kurt; Nicola Düll; Ben Kriechel. Arbeitsmarkt 2030—Die Bedeutung der Zuwanderung für Beschäftigung und Wachstum. Prognose 2014. Bielefeld: Bertelsmann Verlag, 2015. Druck. [End Page 32]

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