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  • Varieté, Telefon, Kino:Die Entstehung des Prinzen von Theben
  • Nicola Behrmann (bio)

"In der Nacht meiner tiefsten Not erhob ich mich zum Prinzen vom Theben." So beschreibt Else Lasker-Schüler in ihrem Essay "Ich räume auf!" (1925) den Beginn ihrer berühmten Selbststilisierung. Und fügt die Frage hinzu: "Welchen Ahnen nachfolgte ich? Welche Mumie salbte meine entschlossene Tat?" (Werke und Briefe 4.1: 69). Der arabische Prinz Jussuf aus der Totenstadt Theben, zu dem sie sich in dieser Nacht ernennt, hat die Josefsgeschichte aus der hebräischen Bibel zur Vorlage, die auch im Koran eine wichtige Rolle spielt: Er ist eine Exilfigur, ein Überlebender, ein Ausgesetzter. In Briefen, Zeichnungen und illustrierten Büchern wird der Prinz von Theben zwischen 1911 und 1923 immer wieder neu beschworen. Der Tod markiert seinen Lebensweg. Jussufs Pracht und Herrlichkeit, seine Größe und seinen Edelmut konfrontiert Lasker-Schüler mit seiner Armut, mit mörderischen Hindernissen und Szenen extremer Destruktivität. Seine genealogische Linie ist grob zusammengeschweißt und nur mit Mühe nachzuvollziehen. Im Geschichtenbuch Der Prinz von Theben (1914) erhält er den Beinamen einer Frau: Abigail, die weise Prophetin und Frau Davids aus dem Buch Samuel—und findet einen gewaltsamen Tod. Am Ende von Der Malik (1919) begeht er Selbstmord. In welcher Nacht, aus welcher Not heraus und unter welchen Bedingungen ist er entstanden?

Prinz Jussuf von Theben tritt in Lasker-Schülers Korrespondenz zunächst als ein Gerücht oder eine Sage in Erscheinung, wird dann [End Page 639] kolportiert und weiter vertrieben—so lange, bis seine Existenz endlich geglaubt und verbürgt werden wird. Zum ersten Mal wird er in der im Dezember 1908 veröffentlichten Erzählung "Der Derwisch" erwähnt: "Ich aber trage den lammblutenden Hirtenrock Jussufs, wie ihn seine Brüder dem Vater brachten" (Werke und Briefe 3.1: 116). In einem noch mit "Tino" unterzeichneten Brief an Karl Kraus erzählt Lasker-Schüler am 22. August 1909: "In Bagdad sagte mir mal eine Zauberin, ich hätte viele Tausendjahre als Mumie im Gewölbe gelegen und sei nicht mehr und nicht weniger als Joseph, der auf arabisch Jussuf heißt" (Werke und Briefe 6: 99). Am 1. Oktober 1909 schreibt sie an Jethro Bithell:

Ich sagte Ihnen ja immer, ich bin Jussuf aus Egypten, schon der mageren Kühe wegen; auch trage ich den lammblutenden Rock, auch warfen mich meine Brüder in die Grube und ich kenne Potiphars Weib, das mich mißbrauchte und Träumedeuten ist meine besondere Begabung.

(107)

Am 2. Februar 1910 unterschreibt sie einen Brief an Kraus mit "Tino = Jussuf von Egypten. / (Kornverweser)" (138). Zur gleichen Zeit entwickelt sie ein Varietéstück mit dem Titel "Der Fakir von Theben," um dessen Aufführung sie sich in den folgenden zwei Jahren bemüht. Es muss sich um eine fantastische Sensationsnummer gehandelt haben—bar jeden Inhalts—, für deren Realisierung Lasker-Schüler beträchtliche Energien aufbot, die sie am Ende jedoch nirgendwo unterbringen konnte.1 Im April 1911 beginnt sie ihre privaten Briefe mit "Jussuf" zu unterzeichnen. Ab September 1911 wird sie regelmäßige Beiträgerin in Herwarth Waldens Der Sturm und veröffentlicht dort wöchentliche "Briefe nach Norwegen." In ihnen kündigt sie am 24. Februar 1912 in einem eingeschobenen Telegramm ihre Ernennung zum Prinzen von Theben an. Im Juni 1912 wird im Sturm ein mit "Euer Prinz von Theben" unterzeichneter Brief gedruckt, über dem sich eine Zeichnung von Lasker-Schüler mit dem Titel "Mein Selbstbildnis (Prinz von Theben)" befindet. Im gleichen Sommer publiziert Heinrich F. S. Bachmair die Briefe in Buchform unter dem Titel Mein Herz. Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen. Auf der letzten Seite der Buchausgabe findet sich ein zusätzlicher, nachgetragener Brief, gezeichnet mit "Jussuf-Prinz" und gerichtet an dessen Volk. Zwei Jahre später veröffentlicht Lasker-Schüler ihre "orientalischen" Prosatexte aus den vergangenen fünf Jahren unter dem Titel Der Prinz [End Page 640] von Theben. Ein Geschichtenbuch (1914) mit fünfundzwanzig Zeichnungen von eigener Hand. Zusammen bilden diese Geschichten eine scheinbar zusammenhanglose Genealogie des Prinzen Jussuf, der erst in den letzten Kapiteln als Jussuf Basileus Abigail III. auftritt. In Geschichten und in Briefen...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 639-657
Launched on MUSE
2017-09-09
Open Access
No
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