German Abstract

In welcher Situation befinden sich Musikbibliotheken und Musiksammlungen in Lettland? Welche Sammlungen findet man dort? Was wird erworben und auf welche besonders wertvollen Exemplare darf man sich freuen? In diesem Artikel finden Sie Antworten auf all diese Fragen. Zunächst gibt es einen Überblick über die Musikschulen, Orchester und Bibliotheken, in denen Musikalien gesammelt und aufbewahrt werden. Die größten Musiksammlungen Lettlands befinden sich in der National bibliothek und in der Musikbibliothek der Jāzeps-Vītols-Musikakademie. Im Einzelnen gehen wir auf die Noten- und Musikliteraturbestände sowie die Raritäten der Nationalbibliothek ein. Es folgt ein kleiner Einblick in die Geschichte der professionellen Musik in Lettland. Dieser Artikel bietet Ihnen Informationen zur Vorbereitung auf die Rigaer IAML-Konferenz im Juni 2017.

English Abstract

What is the situation of music libraries and music collections in Latvia? What collections do you find there? What is acquired and what particularly valuable items await you there? We will find an answer to all these questions in this article. First, there is an overview of the music schools, orchestras, and libraries in which music are collected and kept. In more detail, we will take a look at the music library in the National Library and the Music Library of the Jāzeps Vītols Music Academy, where you will find the largest music collections in Latvia. We will detail the music scores as well as the rarities of the National Library. The following is a brief insight into the musical history of professional music in Latvia. This article provides you with information regarding the Riga IAML conference in June 2017.

French Abstract

Cet article propose de répondre aux questions relatives à la situation des bibliothèques musicales en Lettonie ainsi qu'aux spécificités de leurs collections.

Premièrement, cet article expose une vue d'ensemble des écoles de musique, des orchestres et des bibliothèques contenant des documents musicaux. L'article explore ensuite plus précisément le département de musique de la bibliothèque nationale ainsi que de l'Académie de musique Jāzeps Vītols, qui représentent les collections les plus importantes du pays. Les partitions de musique et les documents les plus précieux de la bibliothèque nationale y sont détaillés. Ce qui suit donne un aperçu de l'histoire de la musique du monde professionnel en Lettonie. L'ensemble permet de fixer un contexte au congrès qui aura lieu à Riga en juin 2017.

Übersicht über die Musikbibliotheken und Musikaliensammlungen in Lettland

In Lettland gibt es mehr als 140 Musikbibliotheken, von denen sich die Mehrzahl in Musikschulen und Musikoberschulen befindet. Die Sammlungen dieser Bibliotheken sind unterschiedlichen Umfangs und auf pädagogische Zwecke ausgerichtet–hier findet man Literatur über die Musikgeschichte, Musiktheorie, Schulen verschiedener Musikinstrumente sowie Chorliteratur. Diese Bibliotheken sind nur für die Schüler und Lehrkräfte der Musikschulen zugänglich. Auch die Musikbibliothek der einzigen Musikhochschule Lettlands–die Bibliothek der Musikakademie Lettlands–ist nur für die Studenten und Lehrkräfte der Akademie sowie von Musikoberschulen, die einen Vertrag mit der Musikakademie abgeschlossen haben, zugänglich.

Die Sammlungen folgender wissenschaftlicher Bibliotheken beinhalten Musikalien:

  • • die Musikabteilung der Nationalbibliothek Lettlands;

  • • die Rara und Handschriftenabteilung der Nationalbibliothek;

  • • die Akademische Bibliothek der Universität Lettlands.

Weitere Musiksammlungen findet man auch in den spezialisierten Musikbibliotheken:

  • • Zentralbibliothek Riga (Musik und Kunstabteilung);

  • • Musikbibliothek der Musikakademie Lettlands;

  • • Musiksammlungen der größten Universitäten Lettlands;

  • • Musikbibliotheken der acht Musikoberschulen;

  • • Bibliotheken der Musik- und Kunstschulen;

  • • Bibliotheken von Orchestern, von Chören und der Lettischen Nationaloper.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Bibliotheken von Privatpersonen sowie Kirchenbibliotheken, Sammlungen in den Museen und Archiven, zum Beispiel die historisch wertvolle Musiksammlung des Museums für Literatur und Musik und des Rigaer Museums für Stadtgeschichte und Schifffahrt.

Alfrēds-Kalniņš-Musiklesesaal der Nationalbibliothek Lettlands

Bereits 1919 hat die Nationalbibliothek mit der Sammlung und Aufbewahrung von Musikalien angefangen. Wegen Platzmangels wurden diese Schätze zunächst in unterschiedlichen Abteilungen untergebracht. Obwohl dem Kulturministerium sowohl von Benutzerseite als auch von der Bibliothek immer wieder der Wunsch nach einer Musikabteilung vorgetragen wurde, kam es erst 1958 zur Gründung der Musikabteilung der [End Page 136] Nationalbibliothek. Dort wurden die Sammlungen aus der Nationalbibliothek und der zentralen Notenbibliothek zusammengefügt. Einer der bedeutendsten Leiter der Notenbibliothek war Alfrēds-Kalniņš–der lettische Musikkritiker, Dirigent und Komponist, sowie Autor der ersten lettischen Oper "Baņuta". Ihm zu Ehren trägt der Musiklesesaal der Nationalbibliothek seinen Namen.

Abb. 1. Das Gebäude der Nationalbibliothek Lettlands.
Click for larger view
View full resolution
Abb. 1.

Das Gebäude der Nationalbibliothek Lettlands.

Im Laufe der Jahre hat sich die Struktur der Musikabteilung geändert–eine Zeit lang war die Phonothek Bestandteil des Musiklesesaales, aber seit 2012 existieren beide separat.

Die Musiksammlung der Nationalbibliothek Lettlands ist derzeit die größte in Lettland–ihr Bestand umfasst mehr als 230.000 Einheiten–Noten, Bücher, CD-ROM und andere Medien.

Der Bestand ist inhaltlich weit verzweigt und umfasst Musikgeschichte, Musiktheorie, Philosophie, Psychologie, wissenschaftliche Schriften, Folklore, Musiknoten der Komponisten verschiedener Epochen, Gesamtausgaben, pädagogisches Repertoire, Instrumentenbau, aber auch musikalisches Theater, Auskunftsliteratur über Tanz, Tanztheorie, Tanzgeschichte, Choreographie. Der größte Teil des Bestandes ist in deutscher, englischer, russischer und lettischer Sprache.

Die Sammlung wird durch zahlreiche Periodika (etwa 160 Titel) aus dem 18. bis zum 21. Jahrhundert–ebenfalls in den gängigen europäischen Sprachen–bereichert. Unter anderem sind hier Die allgemeine musikalische Zeitung aus dem Jahre 1802 oder Urania aus dem Jahre 1895 zu finden, ebenso wie die erste lettische Musikzeitschrift–Musikas Druwa aus dem Jahre 1906. [End Page 137]

Ein bedeutsamer Teil der Musikalien wurde nach der politischen Wende 1991 erworben, da die Nationalbibliothek mehrere Sammlungen führender Institutionen, wie die des Rigaer Filmstudios, des lettischen Komponistenverbandes, des Kulturministeriums Lettlands und des Operettentheaters übernommen hat. Seit 1996 beschaffen wir auch die wichtigsten Bücher, Noten und E-Ressourcen aus dem Ausland. Daneben nehmen auch Schenkungen von Privatpersonen einen wichtigen Platz ein–die 2005 als Geschenk erworbene Oskar-Strock-Sammlung ist die international umfangreichste zu diesem lettischen Musiker.

Der Musiklesesaal sammelt Pflichtexemplare und Neuerscheinungen lettischer Verlage und Herausgeber–unter anderem Musica Baltica, Upe tuviem un t liem, MicRec, Zvaigzne.

Eine relativ neue Entwicklung ist die Digitalisierung. Es gibt digitale Sammlungen einzelner Komponisten und von Musikereignissen; seit 2015 wurde zur Erhaltung alter und einzigartiger Exemplare mit der Digitalisierung des Notenarchivs begonnen.

Seit dem Umzug in das neue Bibliotheksgebäude im Jahr 2014 gibt es im Musiklesesaal einen Freihandbereich mit über 5.000 Medieneinheiten. Er bietet Zugang zu Gesam tausgaben, Musikalien, Auskunftsliteratur und Büchern über Musik und Tanz. Es gibt auch zwei Räume mit Digitalpianos und einen Gruppenarbeitsraum für bis zu acht Personen.

Die Notensammlung der Nationalbibliothek Lettlands

Die Notensammlung umfasst etwa 102.000 Bände Musiknoten von lettischen und ausländischen Komponisten. Bei der Mehrzahl der Musikalien handelt es sich um klassische Musik, breit vertreten sind aber auch die Gattungen der populären Musik, wie Jazz, Pop und Rock.

Die Musikalien werden von Hobbymusikern, Musikschülern und Studenten, aber auch von Profimusikern benutzt. Weitere Kunden sind Mitarbeiter von Orchestern, Chören, Theatern und Konzertorganisationen.

Hier finden wir pädagogisches Repertoire verschiedener Musikinstrumente, Instrumentalschulen lettischer, russischer, deutscher und englischer Verlage aus verschiedenen Epochen.

Die Musikabteilung dient als Archiv für die Musikalien Lettlands, die gesammelt und aufbewahrt werden (mehr als 11.000 Titel). Hier befinden sich die Kompositionen lettischer Komponisten, sowohl gedruckt (unabhängig vom Erscheinungsort) als auch Manuskripte und Noten, die in Lettland herausgegeben sind.

Im Notenarchiv kann man die Musikgeschichte Lettlands gut verfolgen. Auch wenn heutzutage lettische Musiker und ihre Musik in Europa eine bedeutsame Rolle spielen, ist die Geschichte der lettischen professionellen Musik noch gar nicht so alt. Die ungünstigen historischen Verhältnisse haben die Entwicklung der professionellen lettischen Musik lange verzögert. Obwohl es schon ab dem 13. Jahrhundert in Riga die Stadtmusikantenkapelle und im Rigaer Dom die Sängerkapelle gab, waren diese dem lettischen Volk weder als Teilnehmer noch als Zuhörer zugänglich Andererseits hat diese Situation die Entwicklung und Erhaltung des lettischen National gutes befördert, denn das Volkslied wurde als national identitätsbildend empfunden.

Gerade mehrstimmige Volksliedbearbeitungen waren der erste Schritt in die Professionalisierung der lettischen Musiklandschaft. [End Page 138]

Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich die Situation in der Volksausbildung gebessert. Im Musikunterricht wurde mehrstimmiges Singen gelehrt–zunächst mit ins Lettische übersetzten deutschen geistlichen Liedern, später mit lettischen Volksliedern. Mitte des 19. Jahr hunderts verbreitete sich die Chortradition. Die Chorleiter kamen aus dem Ritterschaft lichen Parochiallehrer-Seminar zu Livland, dessen Leiter Jānis Cimze (1814–1881) war. Hier lernte man Musiktheorie, Orgelspiel und Geigenspiel. Cimze war der erste lettische Musiker, der Volkslieder für Chöre arrangierte. Diese und die übersetzten Lieder deutscher Komponisten verlegte er in acht Bänden (herausgegeben 1872–1884). Die Sammlung Dzeesmu rohta [Liederschmuck] umfasste Originallieder unter dem Titel Dārza puķes [Gartenblumen] und die Volksliedbearbeitungen unter dem Titel Lauku puķes [Feldblumen].

Parallel haben sich die Traditionen des Musizierens entwickelt. Jānis Bētiņš (1831–1912), der Leiter des Lehrerseminars der kurländischen Ritterschaft in Irmlau, gründete 1872 die erste lettische symphonische Kapelle. Im Jahre 1873 fand das erste lettische Gesangsfest statt, und es wurden Notenhefte mit dem Repertoire gedruckt. Der Redakteur dieser Ausgabe ist der Volkskundler und Komponist Andrejs Jurjāns (1856–1922).

Dies sind die ersten Ausgaben von Kompositionen lettischer Komponisten. In diesem kleinen Einblick in die Musikgeschichte Lettlands sieht man, dass die Musiktradition der professionellen Musik in Lettland noch relativ jung ist. Bis zum heutigen Tag sind viele Originalkompositionen noch nicht gedruckt. Die Musikabteilung sammelt die Manuskripte und deren Kopien, um die Sammlung des nationalen Repertoires möglichst vollständig zu gewährleisten.

Oft findet man in den Noten wichtige Bemerkungen der Musiker, wie das Datum der Uraufführung, die Rollenverteilung, handschriftliche Notizen und Widmungen. Damit ist das Notenarchiv ein wichtiger Spiegel der Zeit und eine interessante Quelle für Musikwissenschaftler. Außerdem sind hier unentdeckte oder längst vergessene Kompositionen lettischer Komponisten zu finden, die oft als weltweit einzige Exemplare in der Nationalbibliothek vorhanden sind.

Wertvoller Bestandteil der Musikalien sind die Gesamtausgaben, beispielsweise von Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn, Gioacchino Rossini, Richard Strauss, Felix Mendelssohn Bartholdy, Arnold Schönberg, ebenso die von berühmten russischen Komponisten, wie Nikolai Rimsky-Korsakow, Peter Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch.

Im Notendepot finden wir auch die wichtigsten Vertreter der Musik des Barocks und der Renaissance wie Antonio de Cabezón, Giovanni Gabrieli, Felice Anerio, William Byrd, Claudio Monteverdi, sowie umfangreiche Bände von Barockmusik-Anthologien.

Werke der Komponisten der Klassik und Romantik werden vollständig erworben. Zusätzlich findet man aber auch viele interessante Ausgaben aus dieser Zeit wie beispielsweise Musikalische Unterhaltungen (Leipzig: Bey Adam Friedrich Böhme, [1775]), oder Noten mit Original-Lithographien aus dem 18. Jahrhundert wie Adolphe Adam, Diable à quatre (Paris: Bureau Central de Musique, [1845]).

Im Notenbestand findet man auch einen erheblichen Teil der Werke von Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, unter anderem von Tōru Takemitsu, John Cage, Pierre Boulez, György Ligeti, Olivier Messiaen, Arnold Schönberg, Edgard Varèse, Steve Reich, Alban Berg, Karlheinz Stockhausen.

Bei Hobbymusikern sind die Noten berühmter Vertreter der Unterhaltungs- und populären Musik, also aus Musical, Musiktheater, Jazz, Blues, Rock- und Popmusik stark nachgefragt. [End Page 139]

Die Musikliteratursammlung der Nationalbibliothek Lettlands

Die Büchersammlung umfasst etwa 21.000 Medieneinheiten. Hier finden wir sowohl breitgefächerte Auskunftsliteratur, Forschungsliteratur zu Musiktheorie und -geschichte, als auch eine breite Auswahl an Literatur über Musikpädagogik, Philosophie, Psychologie und Soziologie. In der Sammlung findet man auch einen beachtenswerten Anteil an Monographien über namhafte Künstler: Komponisten und Musiker, ebenso wie Orchester und Ensembles. Der Themenbereich ist insgesamt breitgefächert und beinhaltet weiterhin Literatur über den Aufbau und die Entwicklung der Musikinstrumente, die Gesangskunst und über das Musiktheater mit Oper, Operette und Musical.

Ein anderes Thema im Bestand sind Bücher über klassischen bis modernen Tanz, Ballett und Choreographie. Dort findet man Auskunftsliteratur wie etwa das International Dictionary of Ballet, International Dictionary of Modern Dance, Oxford International Dictionary of Dance sowie Monographien über Tanzkünstler, Tanzpädagogik und die Geschichte des Tanzes.

Die Auswahl der Auskunftsliteratur ist weit umfassend: vertreten sind die bedeutendsten Enzyklopädien und Lexika (The New Grove Dictionary of Music and Musicians; The New Grove Dictionary of Opera; The New Grove Dictionary of Musical Instruments; Riemann Musiklexikon; Die Musik in Geschichte und Gegenwart; Musikalisches Konversations-Lexikon, u.v.m.), über einhundert Werkverzeichnisse berühmtester Musiker, neue Ausgaben der Musikgeschichte sowie Auskunftsliteratur über die neuen Tendenzen der Popularmusik–Jazz, Rock und Pop, wie The New Grove Dictionary of Jazz und The Encyclopedia of Popular Music. Gesammelt werden unter anderem die Bücher aus den Reihen „The Cambridge Companion to...", „The Oxford History of...", „The Cambridge History of...". In der Musikabteilung befindet sich auch die größte Sammlung von in Lettland herausgegebenen Büchern über Musik und Musiker. Sie zeigen die historische Entwicklung des Musiklebens in Lettland, unter anderem die Traditionen der Gesangskultur.

Im Besonderen sind hier die Faksimileausgabe Andrejs Jurjāns, Pirmie vispārīgie Latviešu dziedāšanas svētki Rīgā, no 26tā līdz 29tam jūnijam 1873 [Andrejs Jurjans, Das Erste Gesangsfest in Riga vom 26.–29. Juni 1873] und das Notenheft Dziesmas no 2. Latviešu dziedāšanas svētkiem priekš garīgā un laicīgā koncerta [Lieder aus dem 2. Gesangfest] (1880) zu nennen.

Historisch wichtig und interessant sind die Libretti der Opern Carmen, Demon und Eugene Onegin, die Anfang des 20. Jahrhunderts für die Uraufführungen an der lettischen Oper übersetzt und herausgegeben wurden.

Die Ereignisse des Musiklebens an der Wende ins 20. Jahrhundert spiegeln Werke wie Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon (1890) oder Latviešu skaņu mākslinieku portrejas [Die Portraits der lettischen Tonkünstler] (1930) von Jēkabs Vītoliņš wider.

Musikwerke aus der Sammlung des Lesesaals für seltene Bücher und Handschriften der Lettischen Nationalbibliothek (LNB)

Die Sammlung des Lesesaals für seltene Bücher und Handschriften der Lettischen Nationalbibliothek (Rarasammlung) umfasst alte Drucksachen in lettischer Sprache (Ausgaben bis zum Jahre 1850) und in Fremdsprachen (Ausgaben bis zum Jahre 1830), sowie auch neuere Drucksachen mit besonderen Merkmalen, wie Eintragungen von Autoren und bedeutenden Persönlichkeiten, seltene bibliophile Ausgaben, verbotene [End Page 140] Bücher, Bilderausgaben, Karten, sowie auch Sammlungen von Handschriften ohne chronologische Einteilung. Zu diesen gehören Dokumente, Skizzen, Korrespondenz, Fotografien und in einigen Fällen für Bibliotheken ungewöhnliche Erinnerungsstücke. Die Vielfalt der Materialien deckt das alle Bereiche umfassende thematische Profil ab und beinhaltet sowohl Notenmanuskripte als auch handschriftliche Texte über Musik.

Abb. 2. Theater und Tonkünstler Lexikon, Herausgeber Moritz Rudolph (Riga : Kommissions Verlag von R. Kimmel, 1890).
Click for larger view
View full resolution
Abb. 2.

Theater und Tonkünstler Lexikon, Herausgeber Moritz Rudolph (Riga : Kommissions Verlag von R. Kimmel, 1890).

Drucksachen

Die Anzahl von Büchern und anderen Drucksachen im Bereich Musik in der Rarasammlung der LNB ist gering, trotzdem zeigen diese wichtige Merkmale des Musiklebens der Region auf. Das älteste Druckwerk ist die umfangreiche und repräsentative Sammlung von Liturgien der katholischen Kirche „Missale Salisburgense". Dieses Messbuch wurde 1493 in Nürnberg veröffentlicht, und es ist ein mit glänzenden Initialen und Ornamenten reichlich verziertes zweifarbiges Druckwerk (rot und schwarz) mit [End Page 141] Musiknoten für diejenigen Teile, die für den Gesang vorgesehen waren. In diesem Exemplar, das die LNB von der Bibliothek der deutschbaltischen Adelsfamilie Pahlen erhalten hat, finden sich Einträge in der Handschrift einer unbekannten Person zu den Gesangtexten aus dem Missale aus einer Zeit bevor es in den Besitz der Familie Pahlen gelangte.

Parallel zur weiteren Entwicklung des Buchwesens enthalten auch die ältesten Druckwerke im Bereich Musik geistliche Inhalte. Ende des 16. Jahrhunderts und Anfang des 17. Jahrhunderts beginnt man Sammlungen von Kirchenliedern auf Lettisch zu veröffentlichen, indem die Liedertexte mit Melodienoten ergänzt wurden. Die Musiknoten zeigen die erste bis zum heutigen Tag erhalten gebliebene Sammlung von geistlichen Liedern in lettischer Sprache „Undeudsche Psalmen und geistliche Lieder oder Gesenge" (Königsberg, Jahr 1587); (die lutherischen geistlichen Lieder waren möglicherweise auch in dem ersten bekannten im Jahre 1525 herausgegebenen Buch in lettischer Sprache enthalten). Das in der ersten in Riga eröffneten Druckerei gedruckte Liederbuch "Psalmen und geistliche Lieder oder Gesenge" (1615) von Nikolaus Mollyn (?–1625) enthält bereits eine große Anzahl an Melodien. Beide Ausgaben der Liederbücher sind selten und in Lettland die einzigen, darüber hinaus gibt es in Bibliotheken anderer Länder nur wenige davon.

Zu den herausragenden und bedeutendsten musikalischen Werken aus dem 16. Jahrhundert zählen die evangelischen Kirchengesänge des Theologen und Reformators Johann Briesmann (1488–1549) mit dem Titel „Korte Ordeninge des Kerckendenstes...", die 1530/67 erstmals in Lübeck erschienen waren. So wie in Königsberg und in anderen deutschen Druckereien wurden auch gleichermaßen in den Druckereien in Riga im 17. und 18. Jahrhundert kleinformatige musikalische Drucksachen veröffentlicht, die verschiedenen Anlässen und Veranstaltungen (Beerdigungen, Geburtstagen von Persönlichkeiten, Einweihungen von Gebäuden u. a.) oder auch Feiertagen und kirchlichen Festtagen gewidmet waren. Unter den Autoren waren ausländische sowie Kurlands und Livlands deutsch-baltische Schriftsteller und Musiker. Im 18. Jahrhundert blühte unter deutsch-baltischen Aufgeklärten in Riga und Kurlands Gerichtshof in Mitau ein aktives Musikleben, das den Bedarf an entsprechender Literatur weckte. Von 1773 bis 1828 war der deutsche Komponist Georg Michael Telemann (1748–1831, der Enkel von Georg Philipp Telemann), Kantor und Organist im Rigaer Dom. Er hinterließ ein großes Erbe geistlicher Musik. In der Rarasammlung der LNB werden viele seiner Werke, die in Rigaer Verlagen gedruckt wurden, aufbewahrt.

Anfang des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Chorgesang in lettischer Sprache in Grundschulen und Kirchen. Dies begründete die Notwendigkeit von Messbüchern mit Musiknoten. Aus dieser Notwendigkeit heraus wurden im 19. Jahrhundert nationale Sammlungen mit erweiterten geistlichen Musiksammlungen für die Ausbildung des Gesangs in Schulen und für Aufführungen in Kirchen oder bei verschiedenen Veranstaltungen ergänzt. Zu jenen Musiksammlungen gehören die Werke von Johann Leberecht Ehregott Punschel (1778–1849), darunter unter anderem das von ihm herausgegebene Evangelische Choral-Melodienbuch (Leipzig, 1839) oder das von Karl Christian Ulmann (1793–1871) erstellte "Dziesmiņas, latviešu bērniem un jaunekļiem skolā, mājā un laukā dziedamas…" (Die Liedchen für lettische Kinder und Jugendliche [Riga, 1845]), "Meldeiju grāmata…" (Melodien-Buch [Riga, 1850]).

Eine lettische nationale Musikschule, die typisch für die Kultur kleiner nordeuropäischer Länder war, hat sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildet. Eine [End Page 142] neue Entwicklung war die Sammlung und Bearbeitung von Volksliedern. Einer der Wegbereiter in diesem Bereich ist Jānis Cimze (1814–1881), der in Deutschland musikalisch ausgebildete Lehrer und Direktor des Livländischen Lehrerseminars. Die von ihm zusammengestellte Liedersammlung "Dziesmu rota" (Leipzig, 1872) ist die Grundlage für die Geschichte der lettischen Musik. Die von Baumaņu Kārlis, dem Komponisten und Protagonisten der lettischen Nationalbewegung, stammende Textsammlung "Līgo" (Riga, 1874), die in Russland verboten und nach dem Drucken vernichtet wurde, reflektiert die patriotischen Bemühungen des lettischen Volkes. In der Rarasammlung gibt es auch eine bedeutende Anzahl signierter Bücher von Autoren, die zu den bedeutendsten lettischen Komponisten und Musikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts gehören.

Handschriften

Die Einzigartigkeit der Rarasammlung liegt in der beeindruckenden Anzahl der bislang unveröffentlichten lettischen Musikbestände, die einen großen Teil der Sammlung allgemeiner Handschriften bildet. Musikinteressenten können hier u.a. Musiknoten, Aufsätze über Musik, biografische Dokumente der Musiker, Briefe, Fotografien von Komponisten und anderen Musikern, Akten von Institutionen und Organisationen, Veranstaltungs programme und Plakate auffinden. Dieser Teil des Bestandes basiert auf ungefähr 50 im Archiv organisierten persönlichen Nachlässen. Viele individuell bedeutende Handschriften werden in ausländischen und lettischen Handschriftensammlungen mit gemischtem Inhalt gelagert.

Die älteste in der Rarasammlung vorhandene Handschrift ist ein Fragment von einem Lied in lateinischer Sprache mit Musiknoten. Seine Entstehungszeit wird schätzungsweise auf das 15. Jahrhundert datiert und der Inhalt steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit der katholischen Kirchenmusik. Zwei großformatige Pergamentseiten enthalten nicht nur Text und Musiknoten mit fettem Aufdruck in schwarzer Farbe, sondern es werden auch die Notenstriche sowie die Initialen und der Beginn von den Texten rot hervorgehoben. Die Geschichte der regionalspezifischen Konzerte reflektieren Tonaufnahmen von Singspielen, Romanzen und anderen Musikwerken ausländischer und baltischer Komponisten. Das bedeutendste ausländische Manuskript ist Präludium und Fuge aus der Sammlung „Das wohl temperierte Clavier. Anno 1722", eine undatierte Abschrift in zwei Teilen von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Hypothetisch kann angenommen werden, dass die Abschrift zu Lebzeiten des Komponisten erstellt wurde. Weil das Autograph nur teilweise erhalten ist und Bachs Studenten ihre verschiedenen Versionen von diesem Autograph abgeschrieben haben, kann jede Abschrift für die Bachforschung eine wichtige Rolle spielen. Wie die Eintragungen zeigen, ist anzunehmen, dass der erste Teil einem L. F. Berger gehörte, hingegen der zweite Teil aus dem Besitz des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788) stammt, der selbst auch ein Komponist, Cembalist und Schüler seines Vaters war.

Lettland befand sich mehr als zwei Jahrhunderte lang unter russischer Herrschaft (1711–1918), was dazu beigetragen hatte, dass sich in der Region altslawisches Kulturgut etablierte. Zwischen den altslawischen Handschriften und Büchern befinden sich in der Rarasammlung mehrere von der Ostkirche zur Verfügung gestellte religiöse Liedsammlungen–Irmologion (heimrologion). Das Irmologion enthält byzantinische Hymnen und genoss große Verbreitung im Verlagswesen orthodox besiedelter Regionen [End Page 143] in der Zeit von 1772 (erste gedruckte Veröffentlichung) bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Manche besonders alte Irmologion-Sammlungen im Bestand der LNB datieren sogar aus dem 17. Jahrhundert. Andere neuere Ausgaben hingegen sind aufgrund ihrer Tradition noch lange parallel zu den typografisch gedruckten Büchern aufbewahrt worden. Leider ist der LNB die Herkunft der Manuskripte nicht bekannt.

Der bedeutendste Teil des Bestandes besteht aus lettischen Musikhandschriften, die musikgeschichtliche Forschung ermöglichen und zur Aufführung von Konzerten zur Verfügung stehen. Sammlungen von lettischen Musikhandschriften tragen zum Kampf für die nationale Unabhängigkeit bei und enthalten einzigartige Informationen über musikalische Ereignisse im Leben einflussreicher kreativer Persönlichkeiten und über mit dem Musikleben verbundene volkshistorische Symbole. Eines dieser Symbole ist die lettische Hymne "Dievs, svētī Latviju" (Gott, segne Lettland), die zu Beginn der Un abhängigkeits bewegung anlässlich des ersten lettischen Liederfestivals (1873) komponiert, aber von der Zensur verboten wurde. Im Personalarchiv von Baumaņu Kārlis (1835–1905), dem Text- und Musikautor der Hymne und einem der ersten lettischen Komponisten, befindet sich die Handschrift der Hymne in zwei Versionen. Eine Version ist Bestandteil der zusammen mit dem Dichter Auseklis (1850–1879) geschaffenen Liedersammlung "Dziesmu vītols", deren Druckerlaubnis die russischen Behörden verweigerten.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde das Sammeln von Volksmelodien sehr populär. Die ersten in St. Petersburg (Russland) ausgebildeten professionellen lettischen Komponisten haben sich am Sammeln von Volksliedern beteiligt, haben Volkslieder arrangiert und harmonisiert, haben Lieder für Chöre komponiert, weil die Nation wie auch die nationalen Komponisten diese Musik hören und aufführen wollten. Seit den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts fand regelmäßig das lettische Liederfest statt, das noch bis heute als eine spezifisch existierende Leistungsschau von Amateurchören beliebt ist. Der Volkschorgesang in Lettland hat eine lange Tradition. Mehrere Dutzend seltener Handschriften geben einen Einblick in die Geschichte von Liederfest und Chorgesang: allgemeine und regionale Liederfestprogramme, Poster, Einladungen, Einzelheiten des Repertoires, Sitzungsprotokolle, Einzelheiten zu Chöre und Dirigenten, Studien über die Geschichte von Chören, Beschreibungen von Veranstaltungen in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen und auch Fotos von den Teilnehmern und Gebäuden, sogar Medaillen und Abzeichen.

Den Beginn der professionellen Musik in Lettland schildern die Autographen vom ersten Arrangeur der Volkslieder und Begründer der Instrumentalmusik Andrejs Jurjāns (1856–1922). Im Personalarchiv von Alfrēds Kalniņs (1879–1951) befinden sich ein Autograph der ersten nationalen Oper "Baņuta", Manuskripte der Opern "Ugunī" und "Hamlets" sowie Instrumental- und Vokalkompositionen. Seine Aufsätze, Korrespondenz und Fotos ergänzen die vorhandene Sammlung. Im Personalarchiv des Komponisten Jāzeps inline graphicitols (1863–1948) gibt es etwa 40 seiner Kompositionen, einschließlich im Volk beliebter und auf dem Liederfest sehr oft gespielter Chorlieder, seine Briefe, Porträts und Erinnerungen an ihn. Die Bibliothek bewahrt die vor sowjetischen Zensoren in der Bibliothek verborgene und während des Zweiten Weltkrieges geschriebene und gespielte Partitur der patriotischen Kantate "Dievs, tava zeme deg" (Gott, dein Land im Feuer steht) (1943) von Lūcija Garūta (1902–1977) auf. Aufzeichnungen dieser Kantate wurden nach der sowjetischen Besetzung im Jahr 1944 vernichtet und die Komposition war nur in Ländern jenseits des „Eisernen Vorhangs" spielbar. Die Personalarchive der Handschriften zahlreicher Musikkünstler ergänzen die Handschriftensammlung um eine [End Page 144] Reihe weiterer bekannter Komponisten (Emīls Dārziņš, Emils Melngailis, Jānis Mednis, Nikolajs Alunāns u.a.). Umfangreiches Material (Aufsätze, Erinnerungen, Briefe) gibt es daneben über Orgelbau, Orgel und Organisten.

Der Bestand der Musiknoten und Abschriften von Komponisten des 20. Jahrhunderts wird erweitert durch Sammlungen anderer Institutionen wie der Zentralen Musikbibliothek, des Kinostudios Riga, des Lettischen Kulturministeriums und der Musikaliensammlung des Lettischen Rundfunks. In diesen Sammlungen sind die Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Imants Kalniņš, Raimonds Pauls, Pēteris Vasks sowie hunderte Musiknotenautographe von vielen anderen Komponisten vertreten. [End Page 145]

Eridana Žiba

Eridana Žiba ist seit 2014 die Hauptbibliographin in der Alfreds-Kalnins-Musikabteilung der National-bibliothek Lettlands. Zuvor war sie als Dozentin und als Korrepetitorin bei der Lettischen Akademie für Musik "Jāzeps Vītols" tätig. Sie besitzt Masterabschlüsse von der Musikhochschule Karlsruhe und der Lettischen Akademie für Musik.

Lilija Limane

Seid 1974 Lilija Limane ist die Haupt Bibliographer und die Leiterin der Sektion des Buchwesens in der Abteilung der seltenen Bücher und Handschriften der Nationalbibliothek Lettlands. Im Jahre 1996 Sie erhielt mag.sc.soc.in der Univerität Lettlands.

Additional Information

ISSN
2471-156X
Print ISSN
0015-6191
Pages
136-145
Launched on MUSE
2017-06-19
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.