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Inside Concentration Camps: Social Life at the Extremes. By Maja Suderland. Malden, MA: Polity, 2013. Pp. xiii + 336. Paper $25.27. ISBN 978-0745663364.

Die an der TU Darmstadt eingereichte Dissertation (2007) von Maja Suderland wurde im Original auf Deutsch (Ein Extremfall des Sozialen, 2009) veröffentlicht und liegt nun in originalgetreuer englischer Übersetzung vor. Hauptanliegen der Studie ist es, die Vorstellung des Historikers Kurt Pätzold zu widerlegen, dass es im nationalsozialistischen Konzentrationslager keine “Häftlingsgesellschaft” (Wolfgang Benz/Barbara Distel, Der Ort des Terrors, 2005) gegeben habe, da “Willkür, Gewalt und Terror” den KZ-Häftlingen jede soziale Gestaltungsmöglichkeit verwehrt hätten (4). Dieser Vorstellung stellt Suderland die These des deutschen KZ-Überlebenden und Soziologen Paul Martin Neurath entgegen, der in seiner 1943 an der Columbia University in New York eingereichten Dissertation zur sozialen Welt des NS-Konzentrationslagers schrieb, dass die Gesellschaften innerhalb und außerhalb des Konzentrationslagers sich nicht durch ihre grundlegenden Ideen (“basic concepts”) sondern nur durch ihre Verhaltensregeln (“rules of behavior”) unterschieden hätten (7). Dieses Neurath-Zitat ist das konzeptionelle Bindeglied zwischen dem theoretischen und empirischen Teil der Studie Suderlands, die den Anspruch erhebt, die “grundlegenden Ideen” von Gesellschaft innerhalb und außerhalb des Konzentrationslagers zu erkunden.

Methodisch geht sie dabei wie folgt vor: Zunächst lotet sie auf der Grundlage [End Page 227] der historischen Forschungsliteratur “die gesellschaftlichen Dimensionen und Proportionen” des “nationalsozialistischen Experiments” (12) aus. Sie situiert ihren soziologischen Ansatz in Abgrenzung zur Geschichts- und Literaturwissenschaft “unter dem Dach der soziologischen Konzepte Pierre Bourdieus,” um ein “theoretisches Instrument zur Handhabung” (41) ihrer Fragestellung zu entwickeln. Im empirischen Teil ihrer Arbeit analysiert sie die verschiedenen “Ebenen der Sozialität” im Häftlingsalltag. Anschließend beschreibt sie individuelle KZ-Gefangene als Teil ihrer Herkunftsgesellschaft und als Mitglieder der neu entstandenen Häftlingsgesellschaft. Ihr zentrales Argument, dass selbst in einem “Extremfall des Sozialen” wie dem NS-Konzentrationslager individuelles und soziales Handeln möglich war, kann Suderland überzeugend belegen. Dabei ist es das große Verdienst Suderlands, dass sie einen umfangreichen soziologischen Theorierahmen auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager überträgt.

Suderland hat bereits in mehreren Publikationen die soziologischen Theorien von Bourdieu und Zygmunt Bauman auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager bezogen (323). Besonders hervorzuheben ist dabei ein Aufsatz (Robert Schmidt/ Volker Woltershoff, Symbolische Gewalt, 2008: 245–268), in dem sie das Bourdieusche Konzept der “symbolischen Gewalt” in überzeugender und innovativer Weise auf die NS-Konzentrationslager überträgt. Im theoretischen Vordergrund stehen in der vorliegenden Studie neben theoretischen Konzepten von Bourdieu solche von Baumann, Norbert Elias, Erving Goffman und Michel Foucault. Besonders gelungen sind dabei jene Passagen, in denen Suderland diesen Theorierahmen konkret mit dem empirischen Material verknüpft, zum Beispiel wenn sie Foucaults Theorien zur körperlichen Marter eindrucksvoll mit öffentlichen Folterritualen auf dem Appellplatz im nationalsozialistischen Konzentrationslager parallelisiert (98–102). Kenntnisreich und überzeugend ist auch, wie sie grundlegende, wissenschaftliche Begriffe—zum Beispiel “Geschlecht”—in eine breite soziologische Theoriediskussion einordnet (73–78). Andere Ausführungen zum Beispiel zu “Klasse” verlieren sich etwas auf der theoretisch-abstrakten Ebene und erhellen nur wenig den konkreten historischen Gegenstand (68–73). Einige historische Bemerkungen wiederum bleiben etwas oberflächlich, zum Beispiel wenn sie beim Thema “Zigeuner” zwar kenntnisreich aktuelle erinnerungspolitische Debatten aufgreift, jedoch die Differenziertheit nationalsozialistischer Verfolgungspolitik nicht wirklich erfasst (269n4). Hier wäre eine Diskussion der einschlägigen Forschungsliteratur (Karola Fings, Ulrich F. Opfermann, Donald Kenrick, Gratton Puxon und Barbara Dankwortt) sicherlich hilfreich gewesen. Unverständlich bleibt auch, warum Suderland bei einem solch zentralen Thema der neueren Gewaltforschung wie “Folter” allein Meyers Großes Taschenlexikon zitiert (284n32) und nicht die einschlägige historisch-anthropologische Forschungsliteratur (zum Beispiel Wolfgang Sofsky, Peter Burschel, Götz Distelrath und Sven Lembke).

Der empirische Teil der Arbeit basiert ausschließlich auf Memoiren prominenter [End Page 228] KZ-Überlebender. Dabei gelingt es Suderland überzeugend, ihre zentrale These nachzuweisen, dass die KZ-Gefangenen selbst in dem sozialen Raum des Konzentrationslagers ihre vorkonzentrationären Erfahrungen und Fähigkeiten in kreativer Weise künstlerisch und kulturell im individuellen und sozialen Handeln umsetzen konnten. Allerdings verengt sie ihre Argumentation an jenen Stellen etwas, in denen sie der Auftragskunst im Konzentrationslager eine “ungebrochene” Widerstandskraft zuordnet (147). Damit reproduziert sie zum Teil die Selbstheroisierungsnarrative der KZ-Überlebenden und lässt Forschungsarbeiten außer Acht, die ebenfalls überzeugend nachgewiesen haben, dass Kunst und Musik im KZ auch ein “Ausdruck von Kraft, Stärke und Macht” der SS, sprich ein “Statussymbol” für die SS sein konnten (Gabriele Knapp, Das Frauenorchester in Auschwitz [1996], 137).

Überzeugend ist die Argumentation Suderlands hingegen dort, wo sie sich von den Selbstheroisierungsnarrativen der KZ-Überlebenden weitgehend löst und zum Beispiel ehemaligen “politischen” KZ-Häftlingen mit eindeutigen Belegen antisemitische und antiziganistische Denkmuster und Stereotype nachweist (164–174). Hier zeigt Suderland besonders eindrucksvoll, dass soziale Ausschließungs- und Diskriminierungsdiskurse keineswegs auf die Gesellschaft außerhalb des Konzentrationslagers beschränkt blieben, sondern selbst innerhalb der Verfolgtengruppen ihre historische Wirkungsmacht entfalteten. Zugleich ist das Buch ein überzeugendes Beispiel dafür, dass die Beschränkung auf die veröffentlichte Literatur von KZ-Überlebenden für eine soziologische Studie keineswegs ein Manko sein muss. So arbeitet Suderland auch den Quellenwert dieser Material-Gattung für die soziologische Forschung überzeugend heraus (41–49). Warum sie sich dennoch etwas holzschnittartig von den Geschichtswissenschaften (49–51) und von der Theorie und Methode der Oral History (39–40) abgrenzen muss, erschließt sich dem Leser nicht. Überhaupt erscheint es angesichts des hohen theoretischen Anspruchs der Studie verwunderlich, dass sie historische Forschungsliteratur weitgehend nur als faktographisches Datenmaterial zitiert und kaum konzeptionell diskutiert (13–34).

Insgesamt bleibt jedoch zusammenzufassen, dass in dieser Studie in einer einzigartigen Breite soziologische Theoriemodelle auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager übertragen werden. Damit hat Suderland die KZ-Forschung in Deutschland in einem erheblichen Maße bereichert und regt vor allem zu einer handlungstheoretischen und praxeologischen Herangehensweise an. Wenn die englische Übersetzung nun auch die englischsprachige Forschung zum nationalsozialistischen Konzentrationslager in einer ähnlichen Weise beflügeln könnte, dürfte das Verdienst Suderlands noch einmal ungleich größer einzuschätzen sein. Man kann es der KZ-Forschung insgesamt nur wünschen. [End Page 229]

Johannes Schwartz
University of Erfurt

Additional Information

ISSN
2164-8646
Print ISSN
0149-7952
Pages
227-229
Launched on MUSE
2017-02-24
Open Access
No
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