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  • Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Modernediskurs by Simon Huber
  • Gregor Streim
Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Modernediskurs. Von Simon Huber. Bielefeld: Aisthesis, 2014. 266 Seiten. €34,80.

Dass der Boom, den Reisebücher und insbesondere Reisereportagen in der Weimarer Republik erfuhren, vor dem Hintergrund einer krisenhaften Erfahrung gesellschaftlicher Modernisierung zu verstehen ist und die Gattung in dieser Zeit in erster Linie der Reflexion der Gefahren und Möglichkeiten des Modernisierungsprozesses dient, ist eine Grundannahme der Forschung spätestens seit den 1990er Jahren. Diese Annahme gilt insbesondere für die zahlreichen USA- und Sowjetunionreiseberichte, die zwei differente, in den 1920er Jahren als alternativ angesehene Zukunftsmodelle modellierten und die daher seit langem im Fokus der Forschung stehen. Simon Huber greift diesen Ansatz in seiner Dissertation auf, indem er sich einerseits auf modernisierungstheoretische überlegungen stützt und andererseits Reiseberichte aus beiden Ländern vergleichend nebeneinander stellt. Modernisierung wird von ihm im zweiten Kapitel im Anschluss an heutige Soziologen wie Michael Makropoulos, Hartmut Rosa u.a. allgemein als Erfahrung von Beschleunigung, sozialer Instabilität und Kontingenz charakterisiert. Die Leitfrage von Hubers Untersuchung lautet, wie der Modernisierungsprozess von den jeweiligen Autoren in ihren Reiseberichten bewertet wird und wie dies mit der Bewertung der konträren Gesellschaftssysteme zusammenspielt.

Anders als der Titel nahelegen könnte, verwendet der Verfasser dabei keinen diskursanalytischen oder medientheoretischen Ansatz, sondern verfolgt die Methode, in einer eng am Text verlaufenden Lektüare die Argumentation der jeweiligen Autoren zu rekonstruieren und zu kommentieren. Von bisherigen Forschungsarbeiten in diesem Feld unterscheidet sich die Studie weniger durch eine neue Interpretation als durch eine ausführlichere Präsentation der untersuchten Texte und die Konzentration auf deren modernisierungskritische Aussagen.

Grundlage der Untersuchung sind jeweils fünf Sowjetunion- und fünf USA-Reiseberichte, wobei mit Egon Erwin Kisch und Arthur Rundt zwei Autoren in beiden Sparten vertreten sind. Durch Aneinanderreihung einzelner Autorenbzw. Werkkapitel gelangen dabei nicht nur die durch die unterschiedlichen ideologischen Standpunkte der jeweiligen Autoren bedingten Differenzen in der Bewertung beider Staaten, sondern auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten in der Bewertung des Modernisierungsprozesses in den Blick. So kreisen alle Reflexionen um das Problem der Bewahrung oder Erneuerung sozialer Gemeinschaft im Modernisierungsprozess. [End Page 671] Dabei lässt sich bei allen Autoren eine zwar modernekritische, aber keineswegs konservative oder reaktionäre Sichtweise feststellen, was auch damit zusammenhangt, dass der Verfasser sich von vornherein auf das Spektrum der in einem weiteren Sinne selbst modernen Autoren beschränkt. Besonders klar tritt dieser Zusammenhang bei Kisch hervor, der den Kapitalismus in Paradies Amerika (1929) in marxistischer Sicht als Behinderung einer im Fortschrittsprozess angelegten Tendenz zu neuer sozialer Integration darstellt und ihm die Sowjetunion in Zaren, Popen, Bolschewiken (1927) und in Asien gründlich verändert (1932) als Befreiung des Modernisierungsprozesses vom individuellen Profitinteresse gegenüberstellt. Ähnlich positiv äuβert sich Armin T. Wegner in Fünf Finger über Dir. Bekenntnis eines Menschen in dieser Zeit (1930) über die Sowjetunion, wobei er aber nicht den technischen und materiellen Fortschritt ins Zentrum rückt, sondern den Sozialismus in ethisch-religiöser Perspektive als „adäquate Religion der Moderne“ (109) vorstellt. Der gerade bei der sowjetischen Jugend zu beobachtende Altruismus wird auch von dem politisch eher rechts stehenden Friedrich Sieburg in Die rote Arktis (1932) als revolutionäre Errungenschaft anerkannt, nur dass er diesen Geist – anders als Kisch – nicht in Übereinstimmung, sondern im Gegensatz zu einem Anpassung erzwingenden modernen Rationalisierungsprozess sieht. Dass der ‚neue Mensch‘ auch für bürgerliche Autoren ein Faszinosum darstellte, lässt sich ebenso bei Arthur Rundt in Der Mensch wird umgebaut. Ein Ruβandbuch (1932) beobachten, der sich allerdings kein Urteil in der Frage nach dem Erfolg und der Realisierbarkeit dieser Utopie erlaubt.

Steht in den im dritten Kapitel untersuchten Sowjetunion-Reiseberichten die Utopie und Ideologie des „neuen Menschen“ im Fokus der Reflexionen über eine „sozialistische Moderne“, so konzentriert sich die Diskussion des amerikanischen Weges in den im vierten Kapitel behandelten USA-Reiseberichten auf den Glauben, dass die egoistische Verfolgung individueller Interessen letzten Endes dem Wohl aller diene, den der Verfasser mit dem Begriff des „Amerikanismus“ fasst. Irritierend ist dabei, dass der Begriff von ihm sowohl objektsprachlich als auch metasprachlich verwendet wird und die kulturpsychologische...

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Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 671-673
Launched on MUSE
2017-01-04
Open Access
No
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