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  • Die Verwandlungen des Bühnensubjekts: Fallbeispiel René Pollesch
  • Danijela Weber-Kapusta (bio)

In der zeitgenössischen deutschen Theaterlandschaft gilt René Pollesch als Vertreter eines theoretischen, reflexiven oder essayistischen Theaters,1 in dem die konstitutiven Elemente des dramatischen (und illusionistischen) Theaters – fiktive Figuren, fiktive Handlung und dramatischer Dialog – 2 über Bord geworfen werden. Statt fiktive Rollen und Geschichten auf der Bühne darzustellen und sich mit ihnen zu identifizieren, geht es in Polleschs Vorstellungen viel mehr darum, über wissenschaftliche Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen zu diskutieren. „Theoretische, philosophische oder theater-ästhetische Texte werden aus ihrer Behausung des Lesezimmers, der Universität oder der Theaterschule geholt“3 und innerhalb des ästhetischen Rahmens der Aufführung erörtert, diskutiert und problematisiert. Trotz zahlreicher inhaltlicher und inszenatorischer Übereinstimmungen mit dem von Hans-Thies Lehmann eingeführten Genre des essayistischen oder theoretischen Theaters, zeichnen Polleschs Inszenierungen zahlreiche Besonderheiten aus, die es unmöglich machen, sein Theaterschaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.4 Dieselbe Bedeutung, die Pollesch der Wiederbelebung eines dialektischen – häufig auch politisch genannten – Theaters zumisst,5 hat in seinem Schaffen auch die Anknüpfung an verschiedene Traditionen des komischen Theaters und ihre modifizierte Fortführung. Besonders gern bewegt er sich dabei im Bereich des Boulevard-theaters, dessen Konventionen einerseits bedient, andererseits aber auch thematisiert und infrage gestellt werden. Neben der spezifischen Vermischung von theoretischen und komischen Elementen stellen die Arbeit mit immer denselben Fragen und Inhalten bzw. das Prinzip des seriellen und zyklischen Schaffens sowie das Einbeziehen neuer Medien die dritte Besonderheit seiner Theaterarbeit dar.6 Themen wie Wohnen, Arbeit, Geld und Liebe, Neokapitalismus oder Ausbeutung werden in Serien fortgesetzt und mit minimalen Unterschieden an verschiedenen Theaterhäusern perpetuiert.7 Unabhängig vom aktuellen thematischen Schwerpunkt bleibt ein Motiv wie ein roter Faden in allen Inszenierungen präsent: die Frage nach der Konstitution des Subjekts in der neokapitalistischen Welt. Von seinen frühen Serien wie Heidi Hoh 1 – 3, www-Slums 1 – 10 und Prater Trilogie bis zu den späteren Stücksammlungen Liebe ist kälter als das Kapital und Kill Your Darlings, geht Pollesch hartnäckig und nachhaltig wie kaum ein anderer zeitgenössischer Dramatiker und Theatermacher der Frage nach dem Stellenwert und der Identitätskonstitution des zeitgenössischen Subjekts nach. Die spezifischen Erfahrungen, wie man in unserer Zeit zum Subjekt wird und ein Subjekt ist, bilden den Dreh- und Angelpunkt aller seiner Inszenierungen und Theatertexte. Mit besonderem Interesse behandelt er dabei individuelle wie auch überindividuelle Taktiken und Praktiken, die einen entscheidenden Einfluss auf die Identitätskonstitution seiner Zeitgenossen ausüben.

Eine besondere Anforderung an die Schauspieler, die Polleschs Theatertexte aufführen, besteht darin, sich vom traditionellen Identifikationstheater loszulösen und neue Möglichkeiten theatraler Praxis zu erkunden. Obwohl sich Polleschs Schauspieler mit den dargestellten Rollen nicht [End Page 88] identifizieren und die Konstruktion fiktiver Figuren ständig unterwandern, gelingt ihnen eine völlige Auflösung der dramatischen Person trotzdem nicht. Was in Polleschs selbstreferenziellem Theater eigentlich passiert, ist eine permanente Überlappung von Tradition (des dramatisches Theaters) und ihrer gezielten Auflösung. Die Schauspieler wechseln in atemloser Geschwindigkeit zwischen der Konstruktion einer dramatischen Person, ihrer gleichzeitigen Dekonstruktion und dem nahtlosen Übergang in den Modus entindividualisierter Sprachmaschinen,8 die nicht im Dienst der Handlung und der Figur stehen, sondern zum Mittel für die Reflexion über bestimmte gesellschaftliche Themen werden. Sowohl die Schauspieler als auch die ganze Inszenierungen entwickeln sich zu einer Art Bricolage, die aus Fiktion und Dekonstruktion, Funktionalisierung, Authentizität und Selbstinszenierung besteht.

Dieses eigentümliche Verfahren des szenischen Spiels setzt die traditionellen theater- und literaturwissenschaftlichen Analysebegriffe außer Kraft. Mit Kategorien wie dramatische Person, Figur, Typ oder Charakter lassen sich Polleschs Theatertexte und Inszenierungen nicht analysieren. Die Bestimmung eines individuellen Subjekts misslingt dabei nicht, weil es an besonderen Merkmalen einer Person fehlt, sondern weil Pollesch mit oppositionellen Strategien arbeitet, die die Bestimmung eines Subjekts als individuelle und kohärente Persönlichkeit unterwandern. Im Einklang mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen,9 die die Identität als eine kontingente Größe und einen nie abschließbaren Prozess verstehen, will Pollesch seine Rezipienten für ein verändertes Verständnis der Subjektkonstitution sensibilisieren.

Die Darsteller im Theater René Polleschs wechseln Namen, Rollen, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Funktion und Ansichten. Für den Rezipienten ist...

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Additional Information

ISSN
2196-3517
Print ISSN
0930-5874
Pages
pp. 88-96
Launched on MUSE
2016-12-15
Open Access
No
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