restricted access Kafkas Zeichnungen von Friederike Fellner (review)
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Kafkas Zeichnungen.
Von Friederike Fellner. Paderborn: Fink, 2014. 320 Seiten + 87 s/w Abbildungen. €39,90.

Die 2014 im Wilhelm Fink Verlag erschienene Monographie von Friederike Fellner hat zum Thema eine vergleichsweise wenig beachtete künstlerische Äußerungsform eines der meistinterpretierten und -analysierten Autoren überhaupt: Kafkas Zeichnungen.

Die bisherige Vernachlässigung des Betrachtungsgegenstands mag unterschiedliche Ursachen haben: den unklaren Status, der den Zeichnungen (meist einfache, kleine Bleistiftskizzen) Kafkas gerade gegenüber und innerhalb seines weltberühmten Werkes zukommt oder die komplexe Überlieferungssituation, in welcher sie sich befinden. Aufgrund der Ausschnitthaftigkeit, Reproduktionsprobleme und Unvollständigkeit des Korpus ist das Nachvollziehen und Rekonstruieren von Kontexten, Datierungen, Techniken, Formaten und eventuellen intermedialen Bezügen extrem schwierig und oftmals spekulativ.

Fellner nimmt zum Ausgangspunkt ihrer Studie die 2002 erschienene Zusammenstellung von 40 zeichnerischen Arbeiten Kafkas (Einmal ein großer Zeichner. Franz Kafka als bildender Künstler, herausgegeben von Niels Bokhove und Marijke van Dorst) sowie drei erstmals abgedruckte weitere Zeichnungen. Dabei begreift die Autorin Kafkas zeichnerische Arbeiten nicht als eigenständige Werke der bildenden Kunst, sondern nimmt sich zum Ziel „ihre Bedeutung für seine Literatur zu erforschen. Das Besondere an ihnen ist gerade, dass sie in ihrer flüchtigen Skizzenhaftigkeit Teil des Schreibens sein können. Wird Kafkas Literatur in ihrer performativen Dimension betrachtet, gehören solche Zeichnungen zu seinen literarischen Prozessen. Sie können poetologisch gelesen werden. Trotz der verbindenden Elemente sind Kafkas Zeichnungen etwas anderes als Schrift. Der Wechsel zwischen diesen beiden Formen literarischen Ausdrucks hat eine Funktion. Dieser in den unterschiedlichen Kontexten nachzugehen, ist das Erkenntnisinteresse meiner Betrachtungen“ (15–16). Die Gefahr der unverhältnismäßigen Bewertung von Kafkas Zeichnungen, welche in Bezug auf den Rang seines schriftstellerischen Werkes zwischen Enttäuschung und Überhöhung pendelt, meidet Fellner überzeugend, indem sie diese als essentiellen Teil des schöpferischen, schriftstellerischen Werkes ansieht, jedoch ohne sie ihrer eigenen Qualität und ihrer besonderen Eigenschaften zu berauben, welche sie gegenüber der Sprache auszeichnen und welche ihnen im kreativen Prozess wichtige Aufgaben verleihen.

In der Konzentration auf die Beziehungen zwischen Materialität und Signifikation und den schöpferischen Prozess in Schrift und Bild als performativen Akt verzichtet die Arbeit auf eine ausführlichere theoretische Einführung und behandelt [End Page 140] direkt einzelne Bildbeispiele, welche kenntnisreich und vielschichtig mit Leben und Werk enggeführt werden. Dabei ist die Arbeit in drei große Teile gegliedert: Ästhetische Positionierungen (Kapitel 1), Thematisierungen und Formationen des Schreibens (Kapitel 2) und Figurationen von Existenzen (Kapitel 3). Das erste Kapitel stellt Kafkas ästhetische Sozialisation im Bereich der Bildenden Kunst vor und beginnt mit der Rekonstruktion seiner Lesebiographie (1.1.1). Gleichzeitig etabliert es die Karikatur als wichtiges stilistisches Ausdrucksmittel (1.1.2). Hier zeigt sich bereits eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Behandlung der Zeichnungen: ihre strukturelle Gliederung und systematische Einteilung. Manche Möglichkeiten stehen aus offensichtlichen Gründen nicht zur Debatte; so schließt die Autorin aufgrund der häufig fehlenden Datierungen eine chronologische Einteilung aus und entscheidet sich wegen der Uneinheitlichkeit des Werks selbst gegen stilistische Gruppierungen der Blätter (vgl. bespielsweise 30 und 93). Die Hauptkapitel organisiert Fellner „nach den verschiedenen Funktionsfeldern, die die Zeichnungen Kafkas im Hinblick auf sein Schreiben verrichten“ (30).

Eine weitere derartige Binnendifferenzierung nach diesem Leitfaden wäre auch für die Unterkapitel wünschenswert gewesen; stattdessen folgen sie meist einer thematischen Gliederung (einzelne Personen, Figuren, Orte oder Dinge). Diese gewählte Mischung unterschiedlicher Systematik führt dazu, dass stellenweise die interessanten und pointierten Beobachtungen in ihrer Prägnanz und Wichtigkeit gerade in Bezug auf den Zusammenhang von Text und Bild nicht gebührend zur Geltung kommen. So nennt Fellner bereits in der Einleitung drei wichtige Funktionen der Zeichnung in Bezug auf den Text: sie dient als reflexive Brücke an den Stellen, an welchen der Text ins Stocken gerät; sie ist in der Lage, einen Bildkomplex simultan zu bündeln; und darüber hinaus zeigen sich durch Analogien zwischen Zeichnen und Schreiben wichtige Anteile zeichnerischer Vorstellungen am (literarischen) Schöpfungsakt. Diese funktionalen Kategorien tauchen im Folgenden, verschiedenen thematischen Feldern zugeordnet, an unterschiedlichen Stellen im Text wieder auf. Auf diese Weise sind die inhaltlichen Differenzierungen durchwoben von den essentiellen Aufgaben, welche die Zeichnung übernimmt, so beispielsweise...


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