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  • Religiöse Thematiken in den deutschsprachigen Literaturen der Nachkriegszeit (1945–1955) Hrsg. by Natalia Bakshi, Dirk Kemper und Iris Bäcker
  • Gregor Thuswaldner
Natalia Bakshi, Dirk Kemper und Iris Bäcker, Hrsg., Religiöse Thematiken in den deutschsprachigen Literaturen der Nachkriegszeit (1945–1955). München: Fink, 2013. 202 S.

Wenn man an religiös geprägte deutschsprachige Literatur unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg denkt, fallen einem sofort Heinrich Böll und Friedrich Dürrenmatt ein, deren Werke auf unterschiedliche Weise den christlichen Glauben reflektieren. Der vorliegende Band, der erwartungsgemäß auch Aufsätze zu den eben genannten Autoren bereithält, macht aber darauf aufmerksam, dass es gerade in der Zeit nach 1945 mehrere Schriftsteller und Schriftstellerinnen gab, die sich in ihren Werken Religiösem näherten. Besonders überraschen dürfte darüber hinaus, dass es auch unter Germanisten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Ansätze gab, literaturwissenschaftliche und theologische Diskurse zusammenzuführen. Der Band, der das Ergebnis einer Konferenz deutschsprachiger und russischer Germanisten im Jahr 2009 in Moskau war, weist auf die “Mehrstimmigkeit” des literaturwissenschaftlichen Diskurses im ersten Nachkriegsjahrzent hin, in dem auch theologische Reflexionen Berücksichtigung innerhalb der Germanistik gefunden haben. In der Einleitung halten die Herausgeber fest, dass eine solche Mehrstimmigkeit in Russland Tradition habe. Bedauernswerter Weise bleibt es bei dieser Anmerkung. Man hätte sich einen komparatistischen Aufsatz gewünscht, der die “Monologisierung und Diskursverdrängung” im deutschsprachigen Kontext mit der anscheinend offeneren Situation in Russland verglichen hätte.

Für LiteraturwissenschaftlerInnen, die sich mit österreichischer Literatur und Literaturgeschichtsschreibung befassen, ist diese Essaysammlung besonders interessant, da hier wenig Bekanntes zu Tage gefördert wird. Ursula Schneiders Beitrag, der sich mit Ignaz Zangereles Einfluss auf den Brenner, [End Page 132] die bedeutende Literaturzeitschrift von Ludwig von Ficker, auseinandersetzt, sollte ganz speziell hervorgehoben werden. Zangerle war geprägt vom “Bund Neuland,” einer katholischen Reformbewegung, die so manche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Österreich beeinflusst hat, darunter auch den Landeshauptmann von Salzburg Hans Lechner oder Kardinal Franz König. Schneiders Aufsatz macht deutlich, wie sehr Zangerle, den sie zurecht als “Apostel” Fickers tituliert, den Neuanfang des Brenners mitgestaltete. Die “katholische Poetologie” Zangerles war offensichtlich dazu gedacht, die Literaturwissenschaft nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges in christliche Bahnen zu lenken. Auch in Deutschland gab es innerhalb der Germanistik Versuche, theologische Diskurse für die eigene Fachdisziplin fruchtbar zu machen. Im Unterschied zu Österreich waren es dort allerdings hauptsächlich evangelische Literaturwissenschaftler wie Walther Rehm und Werner Kohlschmidt an diesen Diskussionen beteiligt, wie Dirk Kemper in seinem Aufsatz ausführt. Die Ausnahme war Wilhelm Grenzmann, der katholisch war. Georg Langenhorst diskutiert in seinem Beitrag die Arbeiten von Hans Urs von Balthasar und Romano Guardini, die sich sehr unterschiedlich Literatur näherten. Während von Balthasar den Idealen der Vormoderne verhaftet war, sah Guardini moderne AutorInnen als potentielle “Seher.” Diese Vorstellung findet sich interessanter Weise bereits im Brenner im Jahr 1913, wie Ursula Schneider in ihrem zuvor genannten Aufsatz nachweist.

Dass nach 1945 die Psalmlyrik viele DichterInnen inspirierte, zeigt Reinhard Ehgartner, indem er einen guten Überblick über dieses produktive Genre bietet. Von Arnold Krieger, über Ingeborg Bachmann und Paul Celan spannt sich der Bogen von Ehrgartners Analyse. Der Grund, warum Psalmgedichte in dieser Zeit an Popularität gewinnen, hat damit zu tun, dass das literarische Vorbild, die biblischen Psalmen, eine große emotionale und inhaltliche Spannweite zulassen, in denen von grausamer Unterdrückung genauso die Rede sein kann wie vom Aufschrei zu einem schier verborgenen Gott. Doch der Sammelband behandelt nicht nur Texte kanonisierter AutorInnen. Zwei Essays erinnern an die heute weniger rezipierten Werke von Jesse Thoor und Rudolf Kassner. Weder Thoor noch Kassner waren Autoren, die sich an orthodoxer Theologie orientierten. Tatjana Andrejuschkina untersucht in ihrem Aufsatz Thoors barockhafte Sonette, in denen biblische Figuren mit unterschiedlichen Menschentypen vorgeführt werden. Im Gegensatz zu Thoor setzt sich Kassner in seinem Spätwerk mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts auseinander. Besonders belastet Kassner dabei, wie Daniel [End Page 133] Hoffmann in seinem Beitrag herausstellt, die Gefahr der atomaren Vernichtung. Diese Möglichkeit resultiere laut Kassner aus dem Menschenbild, das der von ihm verachtenden Psychoanalyse entspringe, in dem das Religiöse keinen Platz mehr habe. Die Folge der Säkularisierung sei der...

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Additional Information

ISSN
2327-1809
Print ISSN
2165-669X
Pages
pp. 132-134
Launched on MUSE
2014-11-27
Open Access
No
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