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  • Das Drama des Prekären. Über die Wiederkehr der Ethik in Theater und Performance by Katharina Pewny
  • Gero Tögl
• Katharina Pewny. Das Drama des Prekären. Über die Wiederkehr der Ethik in Theater und Performance. Theater, Band 26. Bielefeld: Transcript Verlag, 2011, 331 Seiten.

Seit der Jahrtausendwende – und verschärft seit Ausbruch der gegenwärtigen Finanz-, Staatsschulden-, und schließlich auch Beschäftigungskrise im Jahr 2007 -, ist der Begriff “prekär” in aller Munde. Ob es sich nun um die Beschreibung unzureichend die Zukunft sichernder Beschäftigungsverhältnisse, das Lebensgefühl der “Generation Praktikum” oder eine Grundkonstante menschlichen Lebens im Zeichen von 9/11 und Guantanamo (Judith Butler) handelt, charakterisiert er stets einen Mangel an Sicherheit und souveräner Verfügungsgewalt über einen Gegenstand, einen Zustand, oder das eigene Leben. Kaum ein Begriff mit all seinen Facetten von “ungesichert”, “widerruflich”, “bittweise erlangt”, “flehentlich erbeten”, oder “verletzlich” konnte so schnell in den unterschiedlichen Disziplinen Karriere machen wie das “Prekäre”, was sehr wahrscheinlich auch an seiner Attraktivität für eine Selbstbeschreibung des Wissenschaftsund Kreativprekariats (zu denen sich auch der Autor dieser Besprechung zählt) liegt. Die Theaterwissenschaftlerin Katharina Pewny unternimmt in ihrer bereits 2011 erschienenen Habilitationsschrift den Versuch, die Allgegenwärtigkeit dieses Schlagworts auf den deutschsprachigen Bühnen nicht nur inhaltlich auszudeuten, sondern auch für theoretische Überlegungen zur Ästhetik und Ethik des Performativen fruchtbar zu machen.

Ausgehend von einer semantischen Bestimmung des Wortes “prekär”, die im Wesentlichen die genannten Bedeutungsfelder identifiziert, bemüht sich die Autorin um eine umfassende Einbettung ihres Forschungsdesiderats in die aktuellen Diskurse um das Postdramatische Theater (Hans-Thies Lehmann), die Theorie und Ästhetik der Performance Studies aus Sicht einer theaterwissenschaftlichen Forschung (Peggy Phelan, Erika Fischer-Lichte) sowie um deren Anschluss an sozialwissenschaftliche und ethisch-philosophische Diskurse (Emmanuel Lévinas, Louis Althusser, Nicolas Bourriaud). Dabei entwickelt sie die ihrer Arbeit zugrunde liegende These, dass das postdramatische Gegenwartstheater in seiner gesamten Bandbreite von Theatertexten, über Tanzund Performance-orientierten Zugängen, bis hin zu Adaptionen nichtliterarischer Vorlagen das “Prekäre” nicht nur explizit dramatisiert, sondern in zahlreichen Variationen auch als “Leerstelle” der eingesetzten theatralen Codes “performt”. (S. 13–21) Daraus ergebe sich ein “ästhetisches Modell” (S. 21) für die Theatersituation als “Begegnung des Publikums mit den Performenden, beziehungsweise mit der Bühnensituation. Diese theatralen Begegnungen finden […] unter der Voraussetzungen des Prekären, mithin des Ungesicherten, statt”. (S. 24) Denn durch die – implizite oder explizite – Anrufung des Zuschauers “eröffnet sich ein komplexer performativer Vorgang, der die spezifische Theatralität der leiblichen Co-Präsenz von Performenden [End Page 233] und Publikum sowohl nutzt als auch […] hervorbringt” (S. 32). Dabei werde ein “kommunikatives Dreieck” (ebd.) aus Akteur, Betrachter und Bühnengeschehen evoziert, das letztlich nur als performativer und relationaler Prozess beschrieben, niemals jedoch festgeschrieben werden könne. Gleichfalls werde das Dargestellte als “instabiler Zustand assoziiert”, aber nicht unbedingt “narrativ entfaltet” (S. 34):

Prekär […] verweist auf eine Schwierigkeit, ohne diese narrativ zu füllen und ohne das, worauf es sich bezieht, in eine letztgültige Definition zu pressen. […]

Wenn widerruflich ist, was prekär ist, dann bringt prekär eine Relation zwischen Rufenden und Gerufenen und damit diese beiden (Subjekt-) Positionen erst hervor. Wenn diese Relation theatral ist, dann erlaubt sie die abwechselnde Besetzung dieser beiden Positionen durch ein Theaterpublikum. Eine dergestalte Publikumsaktivität ist ebenfalls nicht von Dauer, sondern per se ungesichert, denn sie bewohnt ihr Imaginäres. Diese Ungesichertheit, aber auch die Produktivität des Imaginären wird hier besonders betont, wenn die Geschichte endet, indem die Aufführung beendet wird.

(S. 34 f)

Und damit konstituiere sich, Pewny zufolge, die theatrale Situation als Realität, zwischen der und anderen Realitäten das Prekäre wie auf einem “Möbius-Band” (S. 95) zirkuliere. Durch seine, wie auch immer geartete, Beteiligung an diesem Geschehen, sei der Zuschauer dabei stets auch im Sinne LeHnas’ in eine “Verantwortung zur Antwort auf das Bühnengeschehen” (S. 109) eingebunden, da er am Zustandekommen der “Performanz des Prekären” (S. 110) mitbeteiligt sei. So werde mit dem Zustandekommen eines performativen Aktes stets auch “Ethik […] in künstlerischen Aufführungen des Prekären auf performative Weise hervorgebracht” (S. 112).

An diese Überlegungen schließt Pewny drei Kapitel mit...

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Additional Information

ISSN
2196-3517
Print ISSN
0930-5874
Pages
pp. 233-235
Launched on MUSE
2014-09-25
Open Access
No
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