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  • Janusz Głowackis Antigone in New York international:Selektion, Substitution und Exponierung von Sinnangebot
  • Brigitte Schultze and Beata Weinhagen

Am Beispiel von Janusz Głowackis ‘problemdichter’, international erfolgreicher zweiaktiger Tragikomödie Antygona w Nowym Jorku (Antigone in New York; 1992) werden hier – wahrscheinlich exemplarisch für weitere länderübergreifend angenommene neuere Dramen – Vorgänge der Selektion wie auch der Ersetzung und Hervorhebung von Sinnangeboten ermittelt. Es geht vor allem um geänderte Bedeutungsbildung in einer Reihe von Textvorlagen (Übersetzungen, Bearbeitungen), daneben auch um spezifische Akzentsetzungen in Inszenierungsvorhaben mehrerer Länder. Es zeigt sich, dass zur Attraktivität dieser Antigone mit ihren teilweise unterschätzten Bezügen zur Tragödie des Sophokles, ihren Kontaktstellen zu Becketts En attendant Godot und weiteren Dramen der Gegenwart, gleichermaßen Aussagen zur existentiellen Situation des Menschen und Erkundungen aktueller, ggf. brennender Probleme sowie Spannung und Wechsel zwischen Komik und tiefem Ernst bis zur Tragödie gehören. An polnischen, englischen, deutschen und französischen Übersetzungen und Spielvorlagen wird gezeigt, dass Głowackis Stück ein Fall von work in progress ist: Für eine immer neue Mischung aus einerseits gleichbleibendem, andererseits gewandelten Deutungsangebot sorgen neben Besonderheiten der einzelnen Länder und Theaterkulturen vor allem Veränderungen in der Lebenswelt sowie erfahrener, kompetenter Umgang mit dem Medium Theater.

1. Facetten einer Erfolgsgeschichte

Diese Untersuchung versteht sich als Beitrag zur vergleichenden Analyse von Drama und Theater.1 Auf zwei vorangehende Forschungen gestützt,2 bringt sie Licht in ein wenig bekanntes Kapitel länderübergreifender Theatergeschichte zwischen 1992 und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Hier sind zusätzliche Quellen in der Art von Übersetzungen und Bearbeitungen, Aufsatzliteratur und Rezensionen erschlossen. Die Erfolgsgeschichte beginnt mit der – allem Anschein nach – nirgends wirklich transparent dargestellten Genese dieser neuen Modellierung der Antigone im Jahre 1992: In einer Reihe von Quellen findet sich der Hinweis, die Antigone sei Głowackis erstes Stück in englischer Sprache gewesen. Der Autor habe “zugegeben”, zu diesem Zeitpunkt das Englische noch so wenig beherrscht zu haben, dass er das Manuskript gemeinsam mit Joan Torres “Satz für Satz verbessert” habe.3 Diese englische Urfassung von 1992 scheint nicht zugänglich zu sein. Sie ist zumindest als gedruckte Quelle nicht nachgewiesen. Die polnische Erstfassung lag im Oktober ’92 in der Zeitschrift Dialog vor.4 In manchen Übersetzungen, etwa der deutschen, lässt sich ein englischer Paralleltext zu dem polnischen ahnen, doch fehlen entsprechende Nachweise. Angesichts der Nichterreichbarkeit einer als kanonisch ausgewiesenen ersten englischen Stückfassung – Glowacki selbst hat sich, wie zu zeigen ist, an der Herstellung weiterer Versionen seiner Antigone beteiligt – wird der Anfang dieses Kapitels der neueren Theatergeschichte ganz unterschiedlich wahrgenommen. Diejenigen, [End Page 207] denen das Polnische zugänglich ist, beziehen sich vor allem auf die Druckfassung des Jahres 1992; diejenigen, die mit dem Englischen vertraut sind, nennen die amerikanische Uraufführung der Arena Stage in Washington (im Frühjahr 1993) als Initialmoment.5 Die gleichsam kanonisch gewordene englischsprachige Stückfassung stammt sogar erst aus dem Jahr 1997. Es geht um eine Bühnenbearbeitung, die von dem Autor Janusz Glowacki und der Übersetzerin Joan Torres gemeinsam erstellt wurde.6 Zum Profil der Textund Aufführungsgeschichte gehört denn auch, dass Angaben zum Ausgangstext, d. h. einer englischsprachigen oder aber einer polnischen Vorlage, entweder völlig fehlen oder höchst ungenau sind. Somit sind in vielen Fällen sorgfältige vergleichende Textanalysen der einzige Weg, die eklektische (aus mehreren Quellen gewonnene) Entstehung einer Spielvorlage zu ermitteln.7

Die Erfolgsgeschichte des Zweiakters Antigone in New York beginnt deutlich greifbar im Februar/März des Jahres 1993: mit der polnischen Uraufführung im Warschauer Teatr Ateneum (13.2.) und etwa 14 Tage später mit der englischen Premiere an der Washingtoner Arena Stage – der Bühne, die das Stück bei Glowacki bestellt hatte.8 Beide Aufführungen, auf die vorab mit Nachdruck hingewiesen worden war,9 fanden umgehend lebhaftes Echo in der Presse. Neben positiv lautenden Besprechungen der Inszenierungen selbst gab es klassifizierende Urteile für das neue Stück. Time Magazine sah hier “eines der besten zehn Stücke des Jahres 1993”.10 In einer Reihe von Ländern wurden Inszenierungen mit besonderem Lob bedacht, auch preisgekrönt. Eine französische Inszenierung des Jahres...

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Additional Information

ISSN
2196-3517
Print ISSN
0930-5874
Pages
pp. 207-222
Launched on MUSE
2014-09-25
Open Access
No
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