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  • Über die Linie – die Strichfigurenzeichnungen in den Tanztraktaten von Carlo Blasis
  • Isa Wortelkamp (bio)

Der Text unternimmt einen Vergleich zwischen dem Traité Elémentaire, Théorique et Pratique de l’art de la Danse aus dem Jahre 1820 und dem 20 Jahre später erschienenen L’Uomo fisico, intellettuale e morale des italienischen Tanzmeisters Carlo Blasis (1795–1878) hinsichtlich der in ihnen enthaltenen Strichfigurenzeichnungen. Im Zentrum steht dabei die Beobachtung, dass mit dem veränderten Blick auf Bewegung eine doppelte Verschiebung der Linie einhergeht – der Linie des Körpers und der seiner Zeichnung.

Eine Vertikale. Eine Horizontale. Eine Schräge. Zwei weite und ein rechter Winkel – mit wenigen Linien vermittelt sich uns das Bild eines menschlichen Körpers. Eines aufrechten Körpers, der auf einem Bein stehend, das Spielbein 90 Grad zur Seite gehoben, die Balance hält. Die seitlich ausgestreckten Arme bilden eine nach rechts abgesenkte Diagonale, wobei der linke Unterarm um etwa 120 Grad abgewinkelt nach oben weist. (Abb. 1)


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Abb 1.

Strichfigurenzeichnung nach dem “abécédaire de lignes” (aus: Blasis, Traité, 1820, Pl. VI, Fig. 3. S. 16)

So unmittelbar sich die Strichfigur erschließt, so mittelbar erscheint die Beschreibung, dessen, was sie zeigt: Bewegung. Bewegung zu beschreiben, heißt Worte für etwas zu finden, was in einem Zuge vor dem Auge entsteht und vergeht; heißt, im Nacheinander der gesprochenen oder geschriebenen Sprache nachvollziehbar werden zu lassen, was in der Wahrnehmung auf einmal und uneinholbar geschieht. Indem sich die Zeichnung des menschlichen Körpers ‘auf einen Blick’ erschließt, erscheint sie gegenüber der Sprache als bevorzugte Darstellung zur Vermittlung von Bewegung. Der Tanztheoretiker Carlo Blasis sieht in ihr das geeignete Mittel, das die “langen und ermüdenden Beschreibungen der Bewegungen des Tanzes” ersetzen soll:

J’ai préféré ce nouveau moyen, certainement plus sur et plus efficace, à celui d’une longue et fatigante description des mouvemens de la danse, qui ne ferait souvent qu’embarasser et confondre l’esprit de l’élève.1

In seinem Traité Elémentaire, Théorique et Pratique de l’art de la Danse aus dem Jahre 1820 erhebt Blasis, der als Begründer der Technik des Klassischen Balletts und seiner Ästhetik gilt, die Strichfigur zum Darstellungsprinzip von Bewegung. Mit einer auf das Skelett reduzierten und geometrisierten [End Page 191] Körperform entwickelt Blasis ein “Alphabet der Linien”,2 das den Schülern zur Orientierung und Reflexion der Bewegungsgrundlagen dienen soll. In ihrer zweidimensionalen, auf wenige Linien reduzierten Form, stellt die von Blasis entworfene Strichfigurenzeichnung die Gesetzmäßigkeiten von Haltungen, die Ausrichtung der Gliedmaßen, den Umgang mit dem Gleichgewicht und die Gewichtsverteilung innerhalb des Tanzes dar.3 Eine Längsachse und zwei Querstreben symbolisieren die lotrecht fallenden und seitwärts fliehenden Kräfte, die bei Einnahme bestimmter Posituren im Körper aufund miteinander wirken. Das Studium der geometrisierten Linien soll die Schüler dazu befähigen, die Positionen und Posen in mathematischer Präzision auszuführen und sie mit Flexibilität und Grazie zu füllen. Die Statik der Linie wird dabei zur Voraussetzung für die Mobilisierung und Dynamisierung des Körpers. Das ABC der Linien setzt sich in Gang, der in der Zeichnung still gestellte Körper wird vor dem geistigen Auge des Tänzers bewegt.

Die Strichfigur dient auf diese Weise als didaktisches Mittel zur Disziplinierung und Kodifizierung der Körpertechnik des klassischen Balletts. Nicht die Dokumentation eines tänzerischen Werkes, sondern die Produktion des Tanzes – das Generieren von Bewegung – steht für Blasis damit im Vordergrund seiner Tanzschrift. Die einfache und klare Linienführung der Strichfigur ist neben den etablierten Notationssystemen (darunter die Labanotation, die Benesh-Movement-Notation und die Eshkol-Wachmann-Notation) probates Mittel zum Memorieren und Skizzieren von Bewegung. Sie ist es auch, die als Modell in verschiedenen Computerprogrammen zur Choreographie und zur Bewegungsanalyse und -notation Verwendung findet. Verfahren des Motion Capturing arbeiten mit einer auf das Skelett reduzierten Körperform und visualisieren die über Sensoren an Gliedmaßen und Gelenkstellen vermittelten Bewegungen. Jedoch geht es hier, ähnlich wie in den Computergrafikanimationen in dem Programm Life Forms, das Merce Cunningham für den choreographischen Entwurf einsetzt, um Technologien, welche die menschlichen Körper...

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Additional Information

ISSN
2196-3517
Print ISSN
0930-5874
Pages
pp. 191-206
Launched on MUSE
2014-09-25
Open Access
No
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