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  • Kosmopolitische ‘Germanophonie’. Postnationale Perspektiven in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur herausgegeben von Christine Meyer
  • Sonja E. Klocke
Kosmopolitische ‘Germanophonie’. Postnationale Perspektiven in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Herausgegeben von Christine Meyer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012. 410 Seiten. €48,00.

Der umfangreiche Band, der zum Diskurs um Konturen und Strukturen multikultureller deutschsprachiger Gegenwartsliteratur sowohl von bi- und plurikulturellen als auch von monokulturellen Autorinnen und Autoren beitragen möchte, fußt auf den Beiträgen zu einer internationalen Tagung, die im Mai 2011 von der Forschungsgruppe “Centre Circulation Savoirs et Textes Allemagne/Autriche—Europe” (CAE), Teil des interdisziplinären Forschungszentrums “Centre d’Études des Relations et Contacts Linguistiques et Littéraires” (CERCLL) an der Universität Amiens (Frankreich) durchgeführt wurde. Der deutsch-französische Hintergrund des Projekts spiegelt sich bereits in der titelgebenden Formel “kosmopolitische Germanophonie,” die—zunächst zweifelsohne verwirrend—auf den Begriff francophonie und damit auf das Erbe des französischen Kolonialreichs sowie auf eine vom deutschen Sprachraum divergierende Historie verweist. Ferner bezeichnet das Adjektiv “germanophon” üblicherweise europäische Länder mit vollständig oder partiell etablierter deutscher Sprachtradition. Im Vorwort distanziert Christine Meyer das Projekt jedoch vom—in ihren Worten—weiterhin “von (neo-)kolonialistischem Gedankengut” überfrachteten Frankophonie-Diskurs (12) und erläutert das dem Band zugrunde liegende Verständnis von Kolonialisierungen im deutschsprachigen Raum. Sie macht dabei auf die systematische Vernichtung von Juden, Sinti und Roma durch die Deutschen während [End Page 741] der NS-Herrschaft aufmerksam, die sie als “eine besonders radikale und perverse Abart der Kolonisation” versteht, bezeichnet die Arbeitsmigrationspolitik der Bundes-republik seit den 1950er Jahren mit dem Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha als “eine Form von ‘innerer Kolonisierung’ ” und verweist auf “postkolonialistische Strukturen” in der Migrationspolitik der DDR, die zur Entfaltung rassistischer Feindbilder beitrug (13). In Österreich, dessen Eroberungspolitik während der Habsburger Monarchie als “Form des Binnenkolonialismus” gelesen wird, dessen Institutionen im Nationalsozialismus involviert waren und dessen heutige Migrationspolitik von gesellschaftlicher Ausgrenzung dominiert ist, entdeckt sie ähnliche Strukturen (13–14).

Unter diesen Vorzeichen erscheint es wenig erstaunlich, dass in den Texten biund plurikultureller Schriftstellerinnen und Schriftsteller in den deutschsprachigen Ländern aus den postcolonial studies bekannte Strategien des writing back auffindbar sind, die den hegemonialen Diskurs um institutionalisierte Vorstellungen von Identität, Nation und Kultur aufbrechen. Damit begründet Meyer die Verwendung der durchaus provokativ gemeinten Lehnwortbildung “Germanophonie” durch die Eignung des Ausdrucks, besser als weiterhin homogene Kulturräume voraussetzende Begriffe wie ‘interkulturelle’ oder ‘transkulturelle’ Literatur “herkömmliche Vorstellungen sowohl des ‘Deutschen’ als auch des ‘Deutschsprachigen’ zu problematisieren” (15). “Germanophonie” soll dabei ausschließlich als dezidiert kosmopolitische, das Konzept von Nationalliteratur generell infrage stellende Kategorie gedacht werden, da dies “Weltoffenheit konnotiert, ohne irreführende Assoziationen an hegemoniale Ansprüche und Weltmachtfantasien zu wecken” (16). In diesem Zusammenhang fällt auf, dass im Vorwort, das prinzipiell sehr gut die Grundlagen der im Band zum Tragen kommenden theoretischen Ansätze und die gegenwärtigen Diskussionen und relevanten Publikationen (beispielsweise von Leslie Adelson, Kien Nghi Ha und Azade Seyhan) zum Thema vorstellt, B. Venkat Manis Cosmopolitical Claims: Turkish-German Literatures from Nadolny to Pamuk (2007) ungenannt bleibt. Gerade da Manis Beitrag zur Erforschung der deutsch-türkischen Literatur auf das Konzept des Kosmopolitischen zurückgreift, erscheint dies bedauerlich.

Der Band bietet achtzehn Beiträge, die in fünf Kapiteln kategorisiert sind. Der erste Teil, der unter der Überschrift “Zu Grenzüberschreitungen in Literatur und Gesellschaft” Prämissen für das Schreiben sowie das Betreiben von Literatur- und Kulturwissenschaft jenseits nationaler Grenzen erörtert, wird durch Manfred Schmelings Überlegungen zu Fremdwahrnehmung und Alteritätskonstruktion im Werk von Herbert Rosendorfer und Sten Nadolny eröffnet. Azade Seyhans Diskussion der interkulturellen Hermeneutik bietet einen Überblick der Geschichte der Übersetzungstheorie von Schleiermacher und Benjamin bis zu Bhabha, wobei die kulturelle Übersetzung als essenzieller Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Fremden hervortritt. Kien Nghi Has auf der soziologischen Diskursanalyse fußende Reflexionen zum “Hype” um Bhabhas Hybriditätsbegriff in Deutschland beleuchten das Verhältnis von Hybridität und aktuellem Rassendiskurs und entlarven den latenten und allgegenwärtigen Rassismus in Deutschland als blinden Fleck im populären Diskurs.

Teil zwei fokussiert auf die “Traditionslinien” im Schreiben jenseits nationaler Grenzen, sucht also nach bi- oder plurikulturellen “Dichter-Vorfahren.” Als einen dieser “Ahnen” analysiert Christine...

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Additional Information

ISSN
1934-2810
Print ISSN
0026-9271
Pages
pp. 741-744
Launched on MUSE
2014-02-05
Open Access
No
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