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Christine Lavant, Das Wechselbälgchen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. Göttingen: Wallstein, 2012. 103 S.

“Kunst wie meine, ist nur verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist,” schrieb Christine Lavant (1915–1973) selbstkritisch und selbstzerstörerisch einem Bewunderer und Förderer ihrer Gedichte. Aber diese Kunst aus dem Leiden am Ich geboren, aus der Unfähigkeit, ein erfülltes Leben zu führen, diese Kunst, die mit Gott und der gottlosen Welt rechtet, hat die Kraft, jeden empfänglichen Leser in ihren Bann zu ziehen, seine Weltsicht herauszufordern, so dass die Autorin im Bewusstsein der Gegenwart zu einem/r der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker(innen) avanciert ist. Die Prosa Christine Lavants wächst aus derselben sozialen Welt, aus denselben Erfahrungen, Vorstellungen und Beweggründen wie die Lyrik, aber die Auseinandersetzungen mit Gott und der Welt sind hier gezähmt durch einen Plot oder durch Beschreibungen. Während niemand von einem modernen Gedicht strenge Logik und Konsequenz verlangt, müssen sich die dichterischen Impulse in der Prosa gefallen lassen, auf Schlüssigkeit hin befragt zu werden—und diese Schlüssigkeit oder Prägnanz lässt doch manchmal ein wenig zu wünschen übrig. Der Reiz der Prosa und besonders des Wechselbälgchens liegt weniger in der Geschichte als in dem ganz eigenen, eigentümlichen Sprachton, dem Ton von Naivität mit verhaltener Skepsis und Ironie, der an ein gedichtetes Märchen erinnert. Schon der Titel, ebenso wie andere der Dichterin, etwa Das Krüglein oder Das Kind, weist ins Märchenhafte.

Die Welt von Christine Lavants Dichtung ist das ländliche Kärnten. Das Lavant-Tal, aus dem die Dichterin stammt und nach dem sie sich genannt hat, ist sozial und geistig überall gegenwärtig. Umso überraschender ist es, dass die Neu-Edition des Wechselbälgchens im Göttinger Wallstein-Verlag publiziert wurde und nicht wie der Erstdruck bei Otto Müller in Salzburg. Die Rechte an dem Lavantschen Werk sind dem Müller-Verlag offensichtlich abhanden gekommen. Wallstein scheint sogar eine neue Gesamtausgabe von Lavants Dichtungen zu planen. Ob die Wanderung der Autorin in das ihr unvertraute Deutschland, dem Werk gut tun und eine neue Leserschaft bescheren wird, bleibt abzuwarten. Die schöne äußere Gestaltung des neuen Wechselbälgchens kann sich mit derjenigen bei Müller messen und gibt Grund zur Hoffnung.

Aber wen will die Edition ansprechen? Will sie mehr sein als eine Leseausgabe, die das Werk der Dichterin fördert? Es scheint erstaunlich, mit [End Page 165] welchem editorischen Ernst der Herausgeber seine Textredaktion begründet. Die Herausgeberinnen des Erstdrucks hatten dem Text bereits ein Glossar und editorische Rechtfertigungen angehängt; das Glossar war eine willkommene Hilfe für das Verständnis von landschaftlich begrenzten Spracheigentümlichkeiten. Amann ersetzt es durch erklärende Fußnoten und sucht die editorischen Begründungen zu etwas wie einem textkritischen Apparat auszuweiten, der dann allerdings doch den Anforderungen strenger Textkritik nicht standhält: Mehrere der nachgewiesenen Änderungen, die als Korrekturen von Fehlern gemeint sind, erscheinen wie überflüssige Eingriffe in den Wortlaut des zugrunde liegenden Manuskripts. Die Anmerkungen im laufenden Text mögen zwar für ein breites Publikum hilfreich sein, aber sie stören den atmosphärischen Appeal der Erzählung. Die eingreifende Behandlung der Interpunktion attestiert dem Herausgeber nicht nur Problembewusstsein, sondern zugleich ein feines Sprachgefühl. Aber gerade dadurch grenzen die Eingriffe an poetisierende Willkür.

Warum soll man Lavants Wechselbälgchen lesen oder wieder lesen? Über den Reiz des Tons hinaus ist die Erzählung ein ergreifendes Zeugnis für das menschlich traurige Schicksal eines behinderten Kindes in einer beschränkten und bigotten Umwelt. Religion, Aberglaube, Zauberwesen und soziales Elend vereinigen sich, um aus einem sprachlosen Mädchen ein “Sündenkind” oder ein untergeschobenes—ausgewechseltes (daher Wechselbalg)—Geisterwesen zu machen, vor dem die “Rechtlichen” Scheu haben und das die Beschränkten und Gemeinen zu beseitigen trachten. Nur die kleinbäuerlichen oder kleinbürgerlichen Kinder wissen mit diesem Wesen umzugehen. In der Welt der Erwachsenen stehen unbeholfene Liebe, Schwäche, Ratlosigkeit gegen die Übermacht phantastischer, verbohrter Bosheit. Güte und Empfindlichkeit werden missbraucht und zerstört. Wir erleben in Lavants Erzählung also ein breites menschliches Panorama...

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Additional Information

ISSN
2327-1809
Print ISSN
2165-669X
Pages
pp. 165-167
Launched on MUSE
2013-09-27
Open Access
No
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