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André Schwarz, Lustvolles Verschweigen und Enthüllen. Eine Poetik der Darstellung sexuellen Handels in der Literatur der Wiener Moderne. Marburg: Literaturwissenschaft.de, 2012. 270 S.

Bekanntlich förderte der Wiener Literat Franz Blei in den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts junge, noch unbekannte, Schrift steller wie Robert Walser, Franz Kafk a und Robert Musil in seinen Publikationen. Trotz eines beträchtlichen literarischen Oeuvres wurde Blei vielmehr als Herausgeber von erotischen Texten bekannt. Er war Teil einer literarisch-ästhetischen Bewegung, die um die Jahrhundertwende publizistisch an die Öff entlichkeit bringen wollte, was einflussreiche Kreise im Kaiserreich in der Privatsphäre der Familie belassen wollten: Erotik und Sexualität. Nicht zuletzt deshalb fanden die Jung-Wiener Schrift steller Arthur Schnitzler, Peter Altenberg oder Felix Salten verstärktes Interesse an der individuellen Intimsphäre. Für diese Gruppe von Schrift stellern war die künstlerisch formale Behandlung des Erotischen von größter Bedeutung, und deshalb opponierten sie in ihren Veröffentlichungen gegen eine Doppelmoral, die nach allem Schlüpfrigen verlangt, solange es in Andeutungen verhüllt bleibt.

In seiner Studie Lustvolles Verschweigen und Enthüllen (2012) unternimmt André Schwarz den Versuch eine Poetik der Darstellung sexuellen Handels in der Literatur zu erstellen. Anhand von ausgewählten Texten der Autoren des Jungen Wiens möchte der Marburger Literaturwissenschaft ler die vielfältigen Techniken der Verhüllung und des Verschweigens der lustvollen Begierde seinen Lesern vermitteln. Schwarz zufolge, wollen die dort beschriebenen Lüste das sexuelle Begehren der Leser anregen, indem sie ein lustvolles Spiel an der Grenze von Scham und Peinlichkeit inszenieren. Bei diesen Inszenierungen suchen die Protagonisten bestimmte Orte auf (chambre séparée, Praterwiesen usw), in denen erotische Phantasien ausgelebt werden können und zugleich eine Projektionsfläche bieten, um frühkindliche Traumata zu überwinden. Was würde näher liegen, als sich in diesen literarischen Texten kritisch mit der zeitgenössischen Sexualwissenschaft auseinanderzusetzen, um die manichäischen Frauenbilder Richard von Krafft-Ebings, Paul Julius Möbius und Otto Weinigers ästhetisch zu differenzieren. Während es sich bei Altenberg oftmals um junge Mädchen kurz vor der Pubertät handelt, die im Begriff sind ihre “Aura der Unschuld” zu verlieren, stehen bei Schnitzler und Salten sexualisierte “Süße Mädels,” femme fatales und proletarische Prostituierte im Zentrum der Handlung. Nicht zuletzt weil Schwarz die Forschung [End Page 139] zu dem “beinahe vergessenen” (11) Salten anregen möchte, und den Lesern des Journal of Austrian Studies die Themen und Texte Schnitzlers, Altenbergs und von Hofmannsthals bekannt sein dürften, werde ich mich im folgenden auf Schwarzens Beschreibung der Poetik des Verfassers so unterschiedlicher Werke wie Josefine Mutzenbacher (1906) und Bambi (1923) beschränken.

Bereits in der Einleitung spricht Schwarz Saltens Mutzenbacher von der moralisch wertenden Kategorie Pornographie frei. Zwar zielten die ausführlichen Beschreibungen des Sexualverkehrs auf eine sinnliche Erregung des Lesers ab, doch büßt die Mutzenbacher als Verkörperung einer “sexuellen Utopie des Verfassers” (201) keineswegs an subversiver Kraft ein. Einerseits zieht sich die beißende Kritik am Katholizismus durch den ganzen Roman, andererseits werden die sozialen Realitäten der proletarischen Prostitution hinterfragt. Mit dem Motiv der Beichte poetisiert Salten das sexuelle Handeln im Roman. Durch das wiederholte Beichten vergegenwärtigt sich die Protagonistin ihre erotischen Sünden, und kann sie—mit dem Leser—lustvoll nachempfinden. Der sich seiner scheinheiligen Absolution bewusste Priester nützt schamlos die intime Situation zu seinen Gunsten aus. Um der Sünderin Läuterung zu verschaffen, verwandeln sich seine Geschlechtsteile zu religiösen Gegenständen (“geweihte Kerze” und “Gnadenhammer”). In Anbetracht des kindlichen Alters der Protagonistin, wird die klerikale Doppelmoral offenkundig.

Neben ihrer kindlichen Unschuld übt die Mutzenbacher noch einen weiteren Reiz auf ihre bürgerliche Leserschaft aus: den ihrer proletarischen Herkunft, die sie zu einer “begehrenswerten Exotin” (209) werden lässt. Schwarz beschreibt wie die kindliche Josefine rasch zum Sexualobjekt wird und der anonyme Autor zeitgenössische Vorurteile über das Proletariat und die Prostitution literarisch verarbeitet. Dem Autor zufolge ist Saltens Beschreibung der sexuellen Handlungen ein “Enthüllen des Offensichtlichen—das mit dem Übertreten von Tabus einhergeht” (249). Dass das “lustvolle Erzählen gelebter Sexualität” lediglich die Fantasie des bürgerlichen Autors darstellt, der die “vorgeblich ‘befreite’ Sexualit...

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