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Stefanie Kaplan, Anne Götsch, und Susanne Teutsch, Hrsg., “Die Frau hat keinen Ort”. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag, 2012. 209 S.

In ihrem Essay Der Krieg mit anderen Mitteln skizziert Elfriede Jelinek einen Riss in der Nachkriegsgesellschaft, deren externe Merkmale Harmonie im kollektiven Miteinander vortäuschen, während in Wirklichkeit der innere [End Page 152] Frieden als eine latente Form der Gewalt gegen Andersdenkende, Randständige und speziell Frauen erfahren wird. Wie Ingeborg Bachmann vor ihr erkennt Jelinek in den sozialen Unterdrückungsmechanismen die Fortsetzung einer Biopolitik, die Frauen in die unmittelbare Nähe von Objekten—gleich Natur, Blut und Boden—rückt. Nicht nur sehen sie sich den Gewaltmechanismen der altehrwürdigen Weltordnung ausgesetzt, in der ihnen kaum Raum zur Entfaltung individueller Vorhaben und unbefangener Seinsformen zugestanden wird, sondern sie erfahren auch Liebe, Partnerschaft sowie kollektive und kulturelle Erinnerung als einen Krieg, der mit anderen Mitteln ausgetragen wird.

In diesem Zusammenhang führt der unterschwellige Terror dazu, dass der Frauenkörper—hierbei sei an das Phänomen des Textkörpers zu denken—sich zu einem Medium des Widerstands entwickelt, dessen Außenhaut und subkutanes Gewebe emphatische Auseinandersetzungen um feministische Positionen und “Gender-Politik” neu formulieren lassen. Meistens zu Topoi der Ideengeschichte hochstilisiert erleben solche Widerstände bei Jelinek eine ihr eigentümliche Zuspitzung, weswegen man in ihrem Werk eine Neigung zur Spätaufklärung diagnostiziert, die vor allem darauf abzielt, Beispiele gemeinschaftlicher Unterdrückung auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen und Fehlbildungen in der Menschheitsgeschichte aufzuspüren. Erscheint Jelinek die Dialektik von Ursprung und Wirkung, Anfang und Ausprägung allzu seicht, so denkt sie sich einen kritischen Raum in ihren Texten aus, in dem die Antagonismen zwischen Geschlechtern, Generationen und Überzeugungssystemen ebenso realistischen wie fiktiv-literarischen Zwängen unterliegen. In diesem “Schwellenraum des Widerstands” begegnet die Autorin der Destruktion des Anderen in den tradierten Denkmustern mit jenem Krieg der Zeichen, der Images als Munition und Sätze als Projektile instrumentalisiert.

Unter Hinzuziehung der Rubriken Macht, Identität, Sexualität und Kunst untersucht “Die Frau hat keinen Ort” die feministischen Bezüge im Werk einer Autorin, deren Ziel fast schon seit dem Beginn ihrer Schriftstellerkarriere darin bestanden hat, alle Machtverhältnisse zu kritisieren, die auf den Ausschluss der Frau aus der Mitverantwortung für die gemeinschaftliche Staatsführung, aus der von männlichen Protagonisten beherrschten Geschichtsschreibung und schließlich aus der Gleichberechtigung bei der Hervorbringung von Kunst und Kulturgütern hinausliefen. Ausgehend von einer die LeserInnen in die Thematik einführende Bestandsaufnahme reiht [End Page 153] sich eine lesenswerte und anregende Auswahl von Beiträgen zusammen, die nicht nur die beeindruckende Gattungsvielfalt der Autorin sondern auch die erstaunliche Bandbreite ihrer Werkaussagen reflektiert, die sich vom frühen Roman Die Liebhaberinnen bis zu den späten “Theaterteleskopagen” wie Babel und Ulrike Maria Stuart erstreckt. Hinzu kommen Gesprächsprotokolle und der Nachdruck eines im Jahre 1975 verfassten Kurzprosatexts, der im unmittelbaren Umfeld der Liebhaberinnen entstanden ist und sich mit dem Schicksal der frühen Romanfigur Paula auseinandersetzt.

Was sich hierbei herauskristallisiert, ist zum einen die Beharrlichkeit der thematischen Fokussierung Jelineks, die unverdrossen die geistes- und ideengeschichtliche Stellung der Frau in den Blick nimmt, zum anderen die unverkennbare Neigung der Autorin dazu, just jene heikle Frauenthematik durch Karikatur und Parodie zu dekonstruieren. Mit Mitteln der Persiflage weist sie immer wieder darauf, dass sie die jeweils geltenden feministischen Parolen als unzureichend, ja fast trivial, beurteilt (98–114). Indem sie an der Peripherie der Diskursformationen Grenzgänge der Wahrheitsfindung erschließt, bleibt ihre methodische Vorgehensweise letztlich zersetzend, vor allem wenn Bestandteile der Popkultur, der Pornographie (136–51), der Mythenzerstörung, der Anti-Mimesis (180–93), zuweilen sogar die des Musiktheaters (75–87) für ihre dialektisch angelegten Werkaussagen herangezogen werden.

Ungeachtet der Wahl ihres Mediums scheint eins der ausschlaggebendsten Ziele Jelineks zu sein, die Zirkularität gegenwärtiger sowie vergangener Zeichen in Szene zu setzen, die überdies als uneinheitliche, mitunter kontroverse Bilder auf der großen Leinwand des Erinnerungsbestands aufleuchten. In ihren Texten bildet die Totalität längst tradierter Images die verborgenen Schaltstellen eines postmodernen kulturellen Gedächtnisses, auch wenn die Facetten dieser Bilder pejorative Bedeutungsschichten reflektieren, die sich dem Abjekten widmen und latente...

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