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  • Arthur Schnitzler Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931 ed. by Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing
Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing, Hrsg., Arthur Schnitzler Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931. Göttingen: Wallstein, 2012. 493 S.

Diese kritische Ausgabe von Arthur Schnitzlers Traumschriften bietet ein faszinierendes Psychogramm des legendären Autors der Wiener Moderne, der im Mai 2012 seinen 150. Geburtstag feiert. Der mit Schnitzlers Nachlass bestens vertraute Peter Michael Braunwarth wirkte bereits an der Herausgabe des zehnbändigen Tagebuchs mit, das wie Leo A. Lensing im Nachwort [End Page 95] betont, wesentlich zum Verständnis der von Schnitzler selbst getroffenen, repräsentativen Auswahl seiner Träume beiträgt. Offensichtlich boten Träume Gesprächsstoff, denn Schnitzler notierte neben seinen eigenen auch jene ihm nahestehender Personen. 1925 beteuerte er: "Es ist so schrecklich in seinen Träumen mit sich allein zu sein" (218). Dennoch gab er sie im Zeitalter der Psychoanalyse und im Wien der Psychoanalytiker nie öffentlich preis.

Der sorgfältig recherchierte, dreiteilige Band besteht aus Schnitzlers Traumtagebuch, Anmerkungen und einem Nachwort. Der längste Abschnitt beruht primär, aber nicht ausschließlich auf dem im Literaturarchiv Marbach befindlichen von Schnitzler selbst redigierten Typoskript mit dem Titel "Träume," das bis ins Jahr 1875 zurückgeht und das er seiner Sekretärin Frieda Pollack von 1921 bis 1927 diktierte. Die Herausgeber ergänzten Schnitzlers Manuskript mit unterschiedlich motivierten Auslassungen, wie einem frühen Traum vom eigenen Begräbnis 1891. Außerdem vervollständigen sie es mit Tagebucheintragungen bis zum Todesjahr 1931, als Schnitzler bereits aus dem Traummanuskript vorliest. Daraus ergibt sich ein beeindruckendes Panorama, das die Genese des Autors, seine analytischen Fähigkeiten, ein intimes Bild einer Epoche und den kulturellen Wandel der Stadt Wien veranschaulicht. Letzteres wird vor allem durch die Hintergrundinformation in den 130 Seiten langen Anmerkungen erzielt. Neben Straßennamen werden Institutionen wie der Goldene Saal des Wiener Musikvereins oder die Liliputbahn im Prater, sich hinter Initialen verbergende Persönlichkeiten sowie pointierte Verweise auf Werke erklärt. Zusätzlich werden typisch österreichische Wortschöpfungen wie Fisolen oder Fensterpolster ins Hochdeutsche übersetzt.

Lensings aufschlussreiches Nachwort konzentriert sich auf drei entscheidende Entwicklungen in Schnitzlers Traumtagebuch. An erster Stelle steht der Einfluss von Sigmund Freuds Schriften, die Schnitzlers Traumleben sehr anregten. Obwohl Schnitzler Die Traumdeutung sofort rezipierte, distanzierte er sich zunehmend von Freuds Theorien und holte seinen professionellen Rat nach dem Selbstmord seiner Tochter 1928 nur im Traum ein. Für Überraschung sorgt Lensings Theorie, dass die Tagebücher von Friedrich Hebbel Schnitzler als "anregendes Schreibmodell" dienten (445). Hebbels Werk wird im Traumtagebuch nur ein einziges Mal erwähnt. Das Nachwort endet mit anregenden Gedanken zur Bedeutung der Traumschriften als "unbewusster Autobiographie" (448). Ein Personen-und Werkregister rundet den höchst lesenswerten, benutzerfreundlichen Band ab.

Im Traumtagebuch zeichnen sich einige noch unerschlossene Themenschwerpunkte [End Page 96] ab, wie beispielsweise die Vater-Tochter Beziehung. In Träumen von einem Autounfall, Duell oder einem möglichen Brand im Theater antizipiert Schnitzler den schmerzlichen Verlust seiner Tochter Lili, die sich mit 18 Jahren das Leben nahm. Träumerisch bewältigt er auch ihren ersten Selbstmordversuch, den er als "Kinderei" abtat (247). Das Trauma ihres frühen, gewaltsamen Todes verarbeitet er wiederum in Träumen, die ihn über die brutale Realität ihres Selbstmords hinwegtäuschen: "Wieder der Traum, dass ich weiß Lili will sich in einiger Zeit umbringen . . . ich flehe sie an, es nicht zu thun . . . ich erwache— froh, dass es ein Traum und erst in der Sekunde drauf weiß ich, dass . . . was schon geschehen ist" (251). Während die Todessymbolik und Selbstmordproblematik bereits aus Schnitzlers Werken hinlänglich bekannt ist, erfordern die psychisch-emotionalen Angstträume von makabren Vorahnungen Familienangehörige zu verlieren, eingehende Analyse. Existenzielle Ängste zeigen sich auch in den wiederkehrenden Träumen vom Verlust der Manuskriptmappe oder des Tagebuchs.

In starkem Kontrast dazu stehen amüsante Anerkennungsträume, in denen die Präsenz des Hauses Habsburg auffällt. Schnitzler träumt von Audienzen beim Kaiser Franz Joseph, einem Spaziergang mit Kaiserin Elisabeth und mehreren Begegnungen mit Maria Theresia. Das Traumtagebuch vermittelt auch einen lebhaften Eindruck davon, wie sehr ihn das Schreiben sowie die rege Anteilnahme an Inszenierungen seiner Dramen an Wiener Bühnen im wahrsten Sinne des Wortes bis in den Schlaf verfolgen. Dank der peniblen Buchführung über die oftim knappen Telegrammstil festgehaltenen und vielfach selbst gedeuteten Träume wird das Traumtagebuch zu einem wertvollen Dokument von Schnitzlers Selbstanalyse. Für die Serienhaftigkeit gewisser Träume etabliert er folgende Kategorien: Krawatten-, Reise-und Eisenbahnträume beziehungsweise Wasser-, Hunde-, erotische Fliege-sowie halluzinatorische Tastträume. Hingewiesen sei noch auf die unterschiedliche Länge der Einträge von zweizeiligen Notizen zu seitenfüllenden, manchmal sogar mehrteiligen Traumepisoden.

Zu den bevorzugten Schauplätzen von Schnitzlers Träumen gehören die elterliche Burgringwohnung, das Ordinationszimmer seines Vaters, Parks und Straßen der Wiener Innenstadt, sein Haus in der Sternwartestraße und sämtliche Theater. An Persönlichkeiten der Wiener Literatur-und Kunstszene treten so ziemlich alle von Rang und Namen auf, wie Gustav und Alma Mahler, Stefan Zweig, Felix Salten und der allseits gefürchtete Karl Kraus. Sehr sparsam ist Schnitzler mit Stellungnahmen zur Politik. Außer dem erträumten [End Page 97] Tod des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger wird nur der Kanzler Ignaz Seipel erwähnt. Es gibt einen einzigen Verweis auf ein Gespräch über Antisemitismus mit Lili und einen Traum über eine Begegnung mit Hakenkreuzlern im Prater. Entschieden mehr Aufschluss gibt das Traumtagebuch über Schnitzlers Lektüre von Goethe, Nietzsche und Herzls Biographie, seine Vorlieben für den Radsport oder Autopartien sowie seine Leidenschaft für das Kino.

Die Materialfülle dieses instruktiven Standardwerks der Schnitzler Forschung verspricht wichtige neue Ansätze zur Relevanz Schnitzlers im 21. Jahrhundert.

Eva Kuttenberg
Penn State Erie, The Behrend College

Additional Information

ISSN
2327-1809
Print ISSN
2165-669X
Pages
95-98
Launched on MUSE
2013-03-29
Open Access
No
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