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  • “Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde”: Victor Klemperers Überlegungen zum Antisemitismus
  • Arvi Sepp (bio)

Die von Walter Nowojski erstmals 1995 herausgegebenen Tagebücher Victor Klemperers, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten: Tagebücher 1933–1945, haben nach ihrem Erscheinen sowohl in Deutschland als auch international ein ungewöhnlich starkes Echo gefunden und gehören inzwischen zum Kanon der Tagebuchliteratur. Das zweibändige, während der nationalsozialistischen Diktatur entstandene Tagebuchwerk beschreibt – in bemerkenswerter Genauigkeit – die Lebenswelt eines jüdischen Verfolgten im Dritten Reich. Bemerkenswert daran ist die Ausnahmesituation des Autors, der dank seiner Ehe mit einer nichtjüdischen “arischen” Frau, Eva Schlemmer, nicht der Shoah zum Opfer fiel. Aufgrund dieser Situation konnte der Tagebuchschreiber bis ins Jahr 1945 innerhalb der deutschen Reichsgrenzen die Haltung der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Antisemitismus in täglichen Aufzeichnungen festhalten.

Die Akzeptanz des nationalsozialistischen Rassendenkens werfe den Menschen, so Klemperer, auf eine animalische Existenz zurück und klammere die abendländische Zivilisation und ihre Geistesgeschichte völlig aus (vgl. Ich will I 143, 11. Sept. 1934). Angesichts der schlagartigen Bedeutungslosigkeit seines Bildungsstandes als Romanistik-Professor und seiner lebenslangen Assimilationsbemühungen, durch die er sich gesellschaftliche Anerkennung erhofft hatte, fühlt sich der Tagebuchschreiber im Dritten Reich gedemütigt. In der Rassenlehre sieht er grundlegende Merkmale der NS-Ideologie verkörpert, wie z. B. Antiindividualismus, Antihumanismus, Antiintellektualismus, Pauschalisierung und Gefühlsüberschwang. Dabei stellt ein aufgeklärtes Toleranzideal für Klemperer das Gegenstück zur menschenfeindlichen nationalsozialistischen Ideologie dar.

Klemperers Tagebücher zeugen von einer verzweifelten Suche nach Beweisen von Toleranz, die ihm als Überlebensstrategie dienten. Diese Anzeichen glaubt der Philologe in weiten Teilen der deutschen Zivilbevölkerung mit Blick auf ihre Haltung gegenüber den geächteten jüdischen Opfern im Dritten Reich wahrnehmen zu können. Dabei sind Toleranz und Rationalität [End Page 349] für den Tagebuchschreibenden nicht voneinander zu trennen. Irrationalität und Intoleranz stellen für ihn ein vorreflexives, unvernünftiges Denken und Handeln dar, das aus moralischer Perspektive dem Menschen unwürdig sei. Den Nationalsozialismus betrachtet Klemperer dementsprechend als ideologisches Paradebeispiel eines animalischen Verhaltens (vgl. Curriculum Vitae I 19).

Anhand ausgewählter Beispiele aus den Tagebüchern soll im Folgenden Klemperers nicht unproblematische Einschätzung der Haltung der deutschen Bevölkerung – die, wie er sie nennt, “Vox populi” – im Hinblick auf den in Deutschland vorherrschenden Antisemitismus erörtert werden. Anschließend wird der Frage nachgegangen, inwiefern Klemperers Begeisterung für die Philosophie und Literatur der Aufklärung es ihm sowohl in psychologischer als auch intellektueller Hinsicht ermöglichte, trotz der im Dritten Reich gemachten Erfahrungen den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren. Untersucht werden soll zudem, welchen Stellenwert Klemperers – teilweise paradoxes – Toleranz-Verständnis in seinen Holocaust-Aufzeichnungen einnimmt. Zum Schluss wird die aktuelle Klemperer-Rezeption dahingehend in Augenschein genommen, inwiefern in einem beachtlichen Teil der Rezeption der zweiten Hälfte der 1990er Jahre “Toleranz” als ideologische Kategorie in der Neudeutung der deutschen Schuldfrage funktionalisiert wird und damit ein neues nationales Selbstverständnis der Berliner Republik zum Ausdruck kommt.

Die unter dem Schlagwort “Vox populi” aufgezeichneten Einträge, in denen der Tagebuchschreiber vielfältige Informationen zur Stimmungslage des Dritten Reiches festhält, bilden einen roten Faden im Tagebuch. Dass die “Judenfrage [...] A und O” des Nationalsozialismus sei (Ich will II 385, 29. Mai 1943), steht für Klemperer außer Zweifel. Die Frage nach der Gesinnung der deutschen Bevölkerung jedoch wird von ihm je nach den jeweiligen eigenen positiven oder negativen Erfahrungen unterschiedlich und widersprüchlich beantwortet. Pauschalurteile über den angeblich “inhärent” deutschen Charakter des Nationalsozialismus (II 140–41, 23. Juni 1942) wechseln sich in den Tagbüchern spannungsvoll mit einer Schuldentlastung der deutschen Bevölkerung ab (vgl. II 501, 2. April 1944). Vor diesem Hintergrund präsentiert Klemperer aus seiner subjektiven Sicht die öffentliche Meinung in einem kaleidoskopartigen Bild: Er hält in seinen Tagebüchern nicht nur negative Alltagserfahrungen fest, sondern hebt zugleich jeden noch so kleinen Akt der Solidarität oder Sympathiebekundung hervor, wie der nachfolgende Eintrag aus dem Jahr 1943 beispielhaft belegt:

Voces populi: Auf dem Weg zu Katz, ein älterer Mann im Vorbeigehen: “Judas!” Auf dem Korridor der Krankenkasse. Ich pendle als einziger Sternträger vor...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 349-364
Launched on MUSE
2012-10-03
Open Access
No
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