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Heinrich Heines "Weberlied" als ostdeutsches Werbelied Ronald Heinz Nabrotzky Iowa State University Der ostdeutschen Aufnahme von Heines Gedicht "Die armen Weber" bzw. "Die schlesischen Weber" liegt eine ideologische Motivierung zugrunde. Beispielhaft für das propagandistisch Versponnene ist Ulrich Geislers 1965 aufgestellte Schablone in der Wissenschaftlichen Zeitschrift derKarl-Marx-Universität Leipzig: Der "Optimismus" der letzten Strophe des "Weberlieds" künde "von Heines Ahnung, daß im Proletariat allein eine Klasse heranreifte, die das Schicksal Deutschlands zum Guten wenden konnte ('Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch'). Wenn wir heute eine nationale Bilanz ziehen und feststellen, daß die deutsche Bourgeoisie den Anspruch auf die Führung der Nation verspielt hat, daß allein die Arbeiterklasse im Bunde mit allen demokratischen Kräften diesen Führungsanspruch erheben kann, so hat Heine offenbar diese Entwicklung vorausgeahnt " (Geisler 14). Außerdem postuliert Geisler, daß dieses Gedicht "zweiffellos unter dem Marxschen Einfluß . . . entstanden" sei (14). Bezüglich dieser letzten Strophe des "Weberlieds", wo es heißt "Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,/Wir weben emsig Tag und Nacht. . .,"fragte Ernst Stein im Jubiläumsjahr 1956: "Wer denkt hier nicht an jenen Satz im 'Manifest der Kommunistischen Partei': 'Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden — die modernen Arbeiter, die Proletarier'" (Stein 443). Neben Freiligraths Gedicht "Die Toten an die Lebenden" wurde Heines "Weberlied" schon 1953 als "das großartigste Gedicht dieser Epoche" gefeiert. "Es macht," setzte Hans-Dietrich Dahnke hinzu, "die unter Marx' Einfluß gereifte Einsicht des Dichters in die tatsächliche Situation des Klassenkampfes deutlich. Alles, was Engels einige Jahre später . . . von einer echten revolutionären Dichtung fordern sollte, war hier schon in die dichterische Praxis umgesetzt .... Die revolutionäre Kraft, die in dem immer mehr erstarkenden Proletariat heranwächst, wird gestaltet. An der Gewalt des Zorns dieser unterdrückten Menschen werden die Quäler und Blutsauger einmal zerbrechen müssen" (Dahnke 137). Mehrmals betont er, daß das "Weberlied" von "der Wirkung des großen Freundes" zeuge: "Die Zeit des Pariser Zusammenwirkens mit Marx 47 48Rocky Mountain Review brachte dem Dichter größere Klarheit über die Probleme der Gesellschaft und hob seine Dichtung auf beispielhafte Höhe" (136-37).1 Fast alle ostdeutschen Interpretationen betonen, daß dieses Gedicht, den "Höhepunkt in Heines revolutionärem lyrischem Schaffen " bilde (Geerdts 357; vgl. Reuter 373 und Mende 55) und "direkt unter Marx' Einfluß entstanden" sei (Dahnke 137; vgl. Reuter 371). Man versuchte Heines Heranreifen anhand ihrer literarischen Interessengemeinschaft zu begründen: Heine erkannte vollauf die Bedeutung der Persönlichkeit und des Schaffens von Marx. Das wird deutlich, wenn wir erfahren, daß er fast tagaus, tagein bei Marx zu Besuch weilte, und daß man dort immer wieder an den neuesten Werken des Dichters feilte, bis jedes Wort, jede Wendung inhaltlich und stilistisch richtig war. Wir dürfen ohne weiteres annehmen, daß die ideologische Prägnanz wie auch die dichterische, poetische Klarheit und Schönheit Heines von dieser gemeinsamen Arbeit profitiert haben. (Dahnke 136; vgl. Müller 17) Diese Erörterungen beziehen sich auf eine Aussage der jüngsten Tochter von Karl Marx, Eleanor Marx-Aveling, in der Zeitschrift Neue Zeit aus dem Jahre 1896. Der Bericht enthält aber nichts, was auf eine Reflexion des "Schaffens von Marx" in der "ideologischen Prägnanz" Heinescher Gedichte deutet. Hier ihre Worte: Es gab eine Zeit, wo Heine tagaus tagein bei Marxens vorsprach, um ihnen seine Verse vorzulesen und das Urteil der beiden jungen Leute einzuholen. Ein Gedichtchen von acht Zeilen konnten Heine und Marx zusammen unzählige Male durchgehen, beständig das eine oder andere Wort diskutierend und so lange arbeitend und feilend, bis alles glatt und jede Spur von Arbeit und Feile aus dem Gedicht beseitigt war. (16f; zitiert von Rudolph, s.576) Bei diesen Erinnerungen Eleanors darf man aber nicht übersehen, daß sie erst 1855 geboren wurde, ein Jahr vor Heines Tod; es handelt sich also um Begebenheiten, die sie nur vom Hörensagen kennen konnte, die ihr erst zwanzig bis dreißig Jahre später mitgeteilt wurden, und die sie erst zweiundfünfzig Jahre nach den Ereignissen der Welt bekannt machte (Vgl. Nabrotzky 134). Ein konkreter Nachweis, daß Marx einen...

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Additional Information

ISSN
1948-2833
Print ISSN
1948-2825
Pages
pp. 47-57
Launched on MUSE
2016-01-06
Open Access
No
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