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  • “Im Freien”? Kleist-Versuche
  • Hubert Thüring
“Im Freien”? Kleist-Versuche. Von Roland Reuß. Frankfurt am Main und Basel: Stroemfeld 2010. 400 Seiten. €48,00.

Bei keinem Autor ist der Spielraum zwischen Wort und Tat dermaßen dynamisch, vielfältig und spannungsvoll gestaltet wie bei Heinrich von Kleist: Bald kommen sich Wort und Tat bis zur Verwechslung oder Verschmelzung nah, bald streben sie himmelweit auseinander, bald folgen Nähe und Ferne unmittelbar aufeinander. Was immer von Wort und Tat und zwischen ihnen be- oder verhandelt wird, stets lauern in den gedehnten Perioden jene starken Affekte, Mut, Wut, Hass, Glut usw., die in der deutschen Sprache, wie Wort und Tat, einsilbig, hart und scharf daherkommen. Unterschwellig erschüttern die Affekte das referenzorientierte Darstellen, Erzählen und Argumentieren schwächer oder stärker, der Text wird dadurch mehrdeutig und also interpretations-und reflexionsbedürftig, bis sie zuweilen unvermittelt hervorbrechen, eine Lücke der Wort- und Tatlosigkeit aufreißen und Figuren und Lesende in die Leere des Abgrunds oder des Himmels blicken lassen. Hier öffnet sich die Literatur selbst auf eine andere Welt, die manchmal flach und stupid, manchmal tief und erfüllt aufscheinende ‘Wirklichkeit.’ Sie exponiert sich im Draußen, indem sie interveniert, befragt explizit oder implizit die Möglichkeit der Kommunikation und Interaktion. Auch in dieser Hinsicht, in der Auseinandersetzung von Literatur und Wirklichkeit, hat es wohl kaum einer extremer getrieben als Kleist.

Von den vier Ebenen, auf denen poetische Texte Wort und Tat mit- und gegeneinander ins Spiel bringen—(poetisch-rhetorische) Sprachform, (fiktive) Handlung, (Auto-)Reflexion, Diskurs (Wirklichkeit)—bewegt sich Roland Reuß in seinen Kleist-Versuchen vor allem auf den ersten drei, wobei die Sprachform die primäre Referenzebene darstellt. Die achtzehn “Essays” sind zuerst in den Kleist-Blättern erschienen, welche die von Reuß und Peter Staengle herausgegebene, 1988 begonnene und 2010 in vierundzwanzig Bänden abgeschlossene Brandenburger Kleist-Ausgabe (BKA, Frankfurt a.M. / Basel 1988ff.) jeweils begleiteten. Hier finden sie sich nach der Ordnung der Ausgabe (Dramen, Prosa, Lyrik, Briefe und Dokumente) abgedruckt. Es ist eine unerwartete editorische Unterlassungssünde, dass nicht alle Texte explizit datiert sind, so dass man, will man vermutete Zeiterscheinungen überprüfen, in der BKA nachschauen muss. Auch wenn Reuß in der Einleitung zu verstehen gibt, dass Editionswissenschaft und -praxis aufgrund ihrer methodischen Bestimmtheit weniger schnell altern als die “jeweils durchs Dorf gejagten Alphadiskurse” (7f.; es folgt eine Aufzählung literaturwissenschaftlich relevanter Theorien der letzten drei Jahrzehnte), sind auch seine editionsbasierten Interpretationsansätze von der Zeit ihrer Entstehung geprägt. Polemische Abgrenzungen solcherart können den analytischen Blick zwar schärfen, aber auch unnötig einengen. In Reuß’ Essays ist beides zu beobachten, aber die Bilanz ist positiv, besonders was die Textanalyse und die darauf aufbauende dialektische Hermeneutik angeht.

Ein Kleist’scher locus classicus der Spannung zwischen Wort und Tat—ein Antagonismus, an den sich viele Ableitungen des “discidium [ . . . ] lingue atque cordis” (Cic. de or. 3,61) angliedern: Sein und Schein, Herz und Verstand, Buchstabe und Sinn, Bewusstsein und Unbewusstes etc.—ist zweifelsohne das Drama Penthesilea. Inhaltlich ist es die ursprüngliche Entzweiung der Geschlechter, aus der, wie aus einer unzugänglichen Tiefe, alle anderen Verheerungen der Gegenwart zu folgen scheinen. Doch im Drama, so führt Reuß in intensiver Lektüre und Argumentation vor (81–208), [End Page 285] werden diese Verheerungen in und mittels Rede initiiert und ausagiert. Die Reden versuchen Abgründe zu überbrücken, führen indes immer tiefer ins “Geklüft” (so ein Grieche, v. 280) bzw. ins “Geklüfft” (so eine Amazone, v. 2631) (vgl. BKA I / 5, 20, 162): Die Griechen, namentlich der Taktiker Odysseus und der Krieger Achilles, glauben mittels Beobachtung, List und Überredung der Situation Herr zu werden. Unter der axiomatischen Prämisse, dass es “in der Natur / Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes” gebe (v.126), erkennt Odysseus zwar, dass sich die Amazonen nicht danach verhalten, er anerkennt aber nicht ihre Andersheit, Zwitterhaftigkeit und Unbestimmtheit. Sein Versuch, Penthesilea “in dem Fluß der Rede” (v. 83) zu gewinnen, scheitert schon deshalb, weil sie gar nicht zuhört. Penthesilea ihrerseits erkennt die rhetorischen Taktiken der Griechen nicht bzw. will oder darf sie nicht erkennen. Das strategische Programm ihrer Herkunft lässt sie die...

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