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Reviewed by:
  • Die Erzählformen: Er, Ich, Du und andere Varianten
  • Thomas Lornsen
Jürgen H. Petersen . Die Erzählformen: Er, Ich, Du und andere Varianten. Berlin: Erich Schmidt, 2010. 230 S. € 39.80. ISBN 978-3503122097.

Der 230 Seiten umfassende Band von Jürgen H. Petersen, Professor Emeritus an der Universität Osnabrück, gliedert sich übersichtlich in sechs Kapitel zu Er-, Ich-, Duund Figurenerzählung, sowie "Kombinationen und Mixturen" und "Montagen und Collagen." In seiner Einleitung bespricht Petersen in rascher chronologischer Abfolge die Standardwerke der - vorwiegend deutschen - Erzählforschung: Opitz, Schiller, Spielhagen, Friedemann, Petsch, Staiger, Kayser, Lämmert, Stanzel, Hamburger, Genette und Lockemann. Mit scharfen Worten kritisiert er seine Vorgänger für ihren generellen "Mangel an systematischen und logisch zwingenden Analysen" (21) und verlangt "eine überzeugende, an den Formen orientierte Theorie der literarischen Gattungen" (9).

Den Anfang des Buchs macht die laut Petersen älteste und wichtigste Erzählform, die Er-Form, welche eingehend an Grimms Märchen, sowie Texten von Hebel, Jean Paul, Kafka, Döblin, Mann, Bobrowski und Bichsel besprochen wird. Petersens Klassifizierungskriterien sind anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig: Wenn "das erzählende Medium gelegentlich und vorübergehend 'ich' sagt" (27) und etwa in Beckers Jakob der Lügner ein angeblicher Er-Erzähler "ganz ungewöhnlich häufig auktoriale Passagen in Ich-Form und im Präsens einstreut" (52, vgl. 86), so ist zu fragen, ob hier nicht eher umgekehrt ein unzuverlässiger Ich-Erzähler durch vorgetäuschte Sachlichkeit um Glaubwürdigkeit ringt. Umfassend und überzeugend erforscht wird die Ich-Form darauf an Textbeispielen von Dante über Storm, bis hin zu Thomas Mann. Die berühmte Unterscheidung zwischen "Wer spricht?" und "Wer sieht?" des von Petersen etwas zu leichtfertig abgetanen Gerard Genette hätte wohl Sätze wie den folgenden verhindert: "Die personale Perspektive wird hier nicht durch den Gebrauch erlebter Rede oder durch die Beschreibung der Gefühlswelt wirksam, sondern durch die Wiedergabe der Visionen des Figuren-Ich, ebenfalls in Gestalt retrospektiver, neutral wirkender Deskription mit der Wahl der Innensicht" (76). Zurecht weist Petersen darauf hin, dass die anschließend besprochene Du-Form in der Forschung bislang zu kurz kam. Ob sie tatsächlich "sämtliche Erzählordnungen unterminiert und in Frage stellt" (97) und deshalb ein nachträgliches Umschreiben sämtlicher narratologischer Standardwerke erfordert, sei dahingestellt. "[E]inige Ergebnisse aufzuweisen" (96) habe in diesem Bereich die angloamerikanische Narratologie. Allerdings lässt das relativ schlanke Literaturverzeichnis unter anderem die wichtige, von Monika Fludernik herausgegebene Sonderausgabe zu "Second-Person Narrative" des Journals Style von 1994 vermissen. Petersen durchleuchtet die unterschiedlichen Ausprägungsformen der seltenen Du-Form eingehend, differenziert und nicht zuletzt unterhaltsam an Texten Zechs, Nossaks, Risses, Frischs, Mayröckers und Jonkes.

Beim anschließend besprochenen "Figuren-Erzähler" schließlich handelt es sich um einen Ich-Erzähler, der vorwiegend nicht von sich selbst, sondern von Dritten spricht. Die Klassifizierung erfolgt demnach durch Beantwortung der Frage, "ob der Bericht des Narrators von sich selbst oder der von anderen Figuren bedeutsamer sei" (143) oder pointierter: "Es geht nicht um das Ich, sondern um das Er, aber es erzählt ein Ich vom Er, und dies kennzeichnet die Grundstruktur des Figuren-Erzählens" (119). Während Petersen Ich-Erzählern "eine geradezu uneingeschränkte Erzählkompetenz" [End Page 681] (137) zuschreibt, müssten Figuren-Erzähler wie Thomas Manns Serenius Zeitblom, häufig auf "erzählerische Taschenspielereien" (127) zurückgreifen, da sie das Objekt ihrer Erzählung nie so gut kennen können wie sich selbst. Ob man dieser Argumentation folgen will oder nicht: In diesem und dem folgenden von Mischformen und Grenzfällen handelnden Kapitel gelingt es Petersen, seinen Lesern anhand vieler textimmanenter Analysen die komplexen Einsatz- und Wirkungsmöglichkeiten der verschiedenen Erzählhaltungen wortgewandt und leicht nachvollziehbar zu verdeutlichen.

Mit einer kleinen Ausnahme im letzten, sehr lesenswerten Kapitel zu "Montagen und Collagen" beschränkt sich Petersen in der Wahl sowohl der Primär- als auch der Sekundärliteratur auf Texte von Barock bis Moderne. Näher als bis zu Ecos zweimal kurz erwähntem Konzept des "offenen Kunstwerks" (129, 182) gerät man nicht an postmoderne Denkmodelle. Das ist durchaus erfrischend, zumal auch das längst überholte Dogma vom Tod des Autors...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 681-682
Launched on MUSE
2011-11-18
Open Access
No
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