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  • Geschichte, Fallgeschichte und Narratologie:Melitta Brezniks Das Umstellformat
  • Eva Kuttenberg

In der Erzählung Das Umstellformat (2002) folgt die Ärztin und Autorin Melitta Breznik (geb. 1961) den Spuren ihrer Großmutter, die im National-sozialismus wegen paranoider Schizophrenie in die geschlossene Anstalt kam. Die ausgebildete Psychiaterin Breznik adaptiert das Genre der Fallgeschichte, um das Leben ihrer Großmutter mütterlicherseits, den Fall B. S., an die Öffentlichkeit zu bringen. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den narratologischen Elementen von Brezniks überzeugender Alternative zum "Standardwerk der deutschen Geschichte" (Hofmann) und zeigt, warum sie eine literarische Lösung statt einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Psychiatrie im Dritten Reich bevorzugt, die beispielsweise der Chefarzt in der Klinik Merxhausen unaufgefordert Großmutters Krankenakte beilegt.

Aus einundzwanzig Rezensionen in deutschsprachigen Zeitungen und Feuilletons (Breitenstein; Demetz; Gmündner; Hofmann; Kraft; Mangold; Radisch; Roten; Schaber; Strigl; Schwens-Harrant), Literaturzeitschriften (Droschke; Hammerschmid), on-line Foren (Ecker; Droschke; Porto; Stuiber), Rundfunksendungen (Finck; Hillgruber; Kaindlstorfer; Köhne) und einem Interview (Niedermeier) ergeben sich folgende Charakteristika zu Das Umstellformat: Brezniks "sprachliches Können" (Kraft), die "verschachtelte Struktur" (Porto), der "gekonnte Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählsträngen" (Stuiber), die "Vielschichtigkeit" (Porto) und die "bildmächtige Sprache" (Gmündner). In dem 137 Seiten schlanken Erzählband steckt ein "raffiniert komponierter" Text, der für Peter Demetz, ein "vielstimmiger Roman [...] wider Willen" ist.

Breznik schöpft kräftig aus dem Fundus der Biographie, Autobiographie und der Welt der Medizin. Sie praktizierte nach dem Medizinstudium in der Schweiz, in Zürich und Chur als Fachärztin für Psychiatrie und leitet neuerdings im Schwarzwald eine Akut- und Rehabilitationsklinik (Gmündner). Da sich die Humanmedizin wie ein roter Faden durch das Werk der Ärztin zieht, seien der Erzählanalyse ein Abriss der österreichischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts vorangestellt, der veranschaulicht, wie die Psychiatrie und das Schreiben allmählich zur produktiven Frauensache werden.

Die wissenschaftliche Etablierung der Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verstärkte das Interesse an literarischen Fallgeschichten über Geisteskrankheiten von Hysterie zu Wahnvorstellungen. [End Page 604] Der promovierte Mediziner Arthur Schnitzler (1862-1931) machte die Medizin zum literarischen Sujet. Den Fokus richtet Schnitzler auf die Psyche der Patienten, beispielsweise ihren Umgang mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit oder Verfolgungswahn in Flucht in die Finsternis, einer seiner gelungensten psychiatrischen Fallgeschichten. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verfasst Thomas Bernhard (1931-1989), bedingt durch seine lebensbedrohende Lungenkrankheit, Prosatexte als Kampfschriften ums Überleben. Ihn beschäftigen die Überwindung der Krankheit durch Schreiben und die eng mit männlicher Genialität verbundene Geisteskrankheit. Beschränkt man sich auf Schnitzler und Bernhard, scheint die Verknüpfung Literatur und Medizin reine Männersache zu sein, eine Entwicklung zu der beide Disziplinen beitragen.

Misogynie stand im frühen zwanzigsten Jahrhundert beim Medizinstudium an der Tagesordnung, wie Fritz Wittels Essay "Weibliche Ärzte," der unter dem Pseudonym Avicenna 1907 in Die Fackel erschien, unmißverständlich zeigt. Die Schimpftiraden gehen vom angehenden Ärztekollegium aus: "Man kann von den Studenten, die starke Ausdrücke lieben, oftmals hören, die weiblichen Kollegen kämen ihnen vor wie Prostituierte" (Avicenna 13-14). In das Bild der Medizin passt die Frau nur als Patientin, und sollte sie aus dieser Rolle fallen, so habe dies unabsehbare Konsequenzen: "Die Studentin schädigt sich selbst; die Ärztin möglicherweise auch andere" (Avicenna 14). Eine Facharztausbildung in Psychiatrie kam für Frauen damals nicht in Frage, denn

wie soll ein Weib mit den Grenzfällen des Seelenlebens fertig werden, die Spiegelung in der eigenen Persönlichkeit verlangen, die mit Namen nicht benannt werden können und mit allem zusammenhängen, was der Mensch Tiefstes und Höchstes hat? Die dem Manne nachgeäffte geistige Scheintätigkeit kann hierzu nicht ausreichen.

(Avicenna 17)

In der Psychoanalyse hingegen konnten sich Frauen eher etablieren. Aus prominenten Patientinnen wurden talentierte Analytikerinnen, wie aus Sabina Spielrein (1884-1942), die Elisabeth Márton in dem preisgekrönten Dokumentarfilm Ich hieß Sabina Spielrein (2002) vorstellt. In Sigmund Freuds Mittwoch-Gesellschaft waren Frauen trotz massiver Widerstände zugelassen. Mitglied war seit 1913 die erste praktizierende Wiener Kinderpsychoanalytikerin Hermine Hug-Hellmuth (1871-1924), die gleich mit zwei Skandalen in die Geschichte einging. Der erste betrifft das von ihr geschriebene fiktive Tagebuch eines halbwüchsigen...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 604-623
Launched on MUSE
2011-11-18
Open Access
No
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