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LILIANE WEISSBERG Kästchenwahl Prosopopöie [grch."das zur Person machen"] die, lat. personificatio, in der Rhetorik die erdichtete Rede einer abwesenden Person oder einer als redend eingeführten Sache. Der grosse Brockhaus (1955) This trope ascribes a face, a name, or a voice to the absent, the inanimate, or the dead. J. Hillis Miller, Versions of Pygmalion (1990) I. Die GrUIe Am 30. Januar 1778 präsentierte der junge Frankfurter Rechtsanwalt und Dichter Johann Wolfgang Goethe der Frau seines Gastgebers, Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, ein theatralisches Geburtstagsgeschenk: Er schrieb für sie ein Stück. Herzogin Luises Geburtstag fiel in die Karnevalszeit, und so lag es nahe, eine Komödie für sie zu verfassen und zu inszenieren, bei der Masken und Verwechslungen thematisch waren. Bereits im Vorjahr hatte Goethe der Herzogin ein Singspiel zum Geburtstag gewidmet und aufgef ührt, Lila} Lila zeigte eine der Melancholie verfallene Baronin als Titelheldin, die an den Tod ihres abwesenden Gatten glauben wollte. Selbst dessen Rückkehr überzeugte sie nicht vom Leben des Barons, da sie ihn nun für einen Geist hielt. Erst ein Spiel im Spiel, mit dem ihre Freunde und ihr Hofstaat den vermeintlichen Geist als solchen bestätigten, konnte sie paradoxerweise heilen und in die Realität des Ehelebens zurückführen. Die auf der Bühne dargestellte Therapie mochte die unterschiedlichen Temperamente des wirklichen Herzogpaars, Karl August und Luise, kaum ausgleichen helfen, das Stück selbst schloß jedoch mit einem Happyend. Goethes neues, zweites Theaterstück für die Herzogin, von ihm selbst als "dramatische Grille" beschrieben und zunächst sogar als komische Oper geplant,2 erhielt wie Lila eine musikalische Begleitung, die Siegmund von Seckendorff, der in des Herzogs Diensten stand, komponierte. Auch in dem neuen Drama spielen Verwechslungen eine Rolle, und die Masken erinnern an die Komödien des Aristophanes. Die Nachtszenen, Improvisationen, Pantomimen und der eingefügte Tanz deuten, wie Walter Hinck betont, auch auf die Tradition der commedia dell'arte und auf die Burlesken Carlo Gozzis, dessen Fiabe teatrali Goethe in den folgenden Monaten aufzuführen Goethe Yearbook XIV (2007) 62 Liliane Weissberg Abraham Röntgen, Kästchen in Einlegearbeit, um 1755. Mittelrhein-Museum Koblenz. In: Dietrich Fabian, Abraham und David Roentgen: Von der Schreinerwerkstatt zur Kunstmöbel-Manufaktur. Bad Neustadt/Saale, 1992, S. 50. plante.3 Das neue Stück sollte zweifellos Spaß machen und den Geburtstag feiern helfen. Ähnlich wie Lila zeigt es dabei eine fürstliche Ehe in Krise. Diesmal ist nicht der Gatte abwesend, hier der König Andrason, sondern es ist seine Ehefrau, die Königin Mandandane, die sich spirituell—wenn nicht physisch—von ihrem Gemahl entfernt hat. Sie beschäftigt sich mit der neuesten Dichtung, rezitiert die gerade in Mode gekommenen Monodramen, und ist in einen Prinzen namens Oronaro verliebt, dessen Empfindsamkeit grenzenlos scheint und dem sie mit ihrer eigenen Sensibilität nacheifern will. Dem zurückgewiesenen König ist dies alles unverständlich. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als ein Orakel zu konsultieren, das ihm Rat geben und zukünftige Ereignisse voraussagen soll. Der Orakelspruch, in Versen vorgetragen und im Stück vom König wie von anderen Personen mehrfach wiederholt, erzählt von einer "geflickten Braut" und scheint zunächst recht unverst ändlich (WA 17:9). Und der König ist nicht der einzige, der Rat sucht. Der Prinz reist ebenfalls an, um das Orakel zu befragen, und die Komödie beschäftigt sich nicht nur mit den komplizierten Beziehungen der Personen Goethe Yearbook 63 zueinander, sondern gerade auch mit der Deutung der Orakelsprüche selbst. Die Lösung der im Drama präsentierten Probleme und die Antworten auf dort gestellte Fragen sind, so unverständlich sie zunächst auch erscheinen mögen, zu Beginn bereits gegeben, denn das Stück wird von den zu deutenden Orakelsprüchen geleitet. Ihre richtige Lektüre ist die zentrale Handlung des Dramas.Wer oder was ist die "geflickte Braut"? In Briefen nennt Goethe sein Stück "Die Empfindsamen," und in der späteren Druckfassung—wenn nicht bereits zuvor—gibt er ihm den Titel Der Triumpf [sie] der Empfindsamkeit.4 Der Triumph der Empfindsamkeit war eine Liebhaberaufführung, aber kein billiges Unternehmen. Weimars Schloßtheater hatte den Brand...

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Additional Information

ISSN
1940-9087
Print ISSN
0734-3329
Pages
pp. 61-82
Launched on MUSE
2010-10-13
Open Access
No
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