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DAVID LEE Zum Stand der Wasserzeichenforschung in der Goethe-Philologie—mit besonderer Berücksichtigung des "West-östlichen Divans"* WASSERZEICHEN, D.H. DIE DURCH Drahtfiguren hergestellten, dünnen und lichtdurchlässigen Stellen im alten handgeschöpften Papier, spielen eine wichtige und klare, wenn auch begrenzte Rolle in genetischen Untersuchungen von handschriftlichem Material aus der Goethe-Zeit. Die Wasserzeichen kennzeichneten hauptsächlich den Papiermacher und die Qualität seines Produkts. Die Drahtfiguren wurden an die Papierformen festgemacht und in den Papierbrei eingetaucht. Mit der Zeit traten Verschleißerscheinungen auf, die Drähte nutzten sich völlig ab und mußten durch neue ersetzt werden. Können die "Lebensdaten" des Zeichens durch Nachforschungungen ermittelt werden, gewinnen wir wichtige Termine zur Datierung von Handschriften oder Frühdrucken. Ein Autor wie Goethe verwendete viele verschiedene Papiersorten, doch der Zeitraum des persönlichen Gebrauchs läßt sich jedenfalls schätzungsweise abgrenzen. Auf diese Weise können dann undatierte Blätter chronologisch eingestuft werden.1 Freilich fundiert eine Datierung, die sich nur auf dem Wasserzeichen stützt, auf keiner so sicheren Basis, wie eine solche, die auf ein von Goethe eigenhändig geschriebenes Datum, einen unmißdeutigen Tagebucheintrag oder ähnliches zurückgeht. Man kann auch nie die Möglichkeit ausschließen, daß vereinzelte Blätter einer bestimmten Papiersorte erst zu einem Zeitpunkt gebraucht wurden, als die Hauptzahl der Blätter schon längst beschrieben waren. Aber wo man ohne jede andere Hilfe ratlos vor einem undatierten Textzeugen steht oder David Lee 139 wo das Wasserzeichen in Verbindung mit anderen Indizien ein Argument noch bekräftigen kann, wird man die Unterstützung nicht ganz von der Hand weisen wollen. In einer Einzelstudie über eine neuentdeckte, undatierte Handschrift des Divan-Gedichts "Laß den Weltenspiegel Alexandern..." (VIII, 40) z.B. hat Jörn Göres die Entstehungszeit der Verse zwischen dem Sommer 1818 und dem August 1819 gesetzt.2 Er führte verschiedene Gründe an, um den Sommer 1818 als die wahrscheinlichste Entstehungszeit zu etablieren, und einer der wichtigsten ist die Feststellung, daß Goethe diese Papiersorte "besonders im Zusammenhang mit seinen Jenaer Aufenthalten um die Jahreswende 1817/18 und im Frühjahr wie im Sommer benutzt hat..." (Göres, S. 268). Drei weitere Beispiele, die ich selber erarbeitet habe, sollen zeigen, wie diese lichten Stellen im Papier zur Entschlüsselung der Entstehungsgeschichte beitragen können. Zwei Gedichte, "Lieblich ist des Mädchens Blick der winket..." (IV,4) und "Und was im Pend-Nameh steht..." (IV,5), werden im Divan zusammen auf einer Seite abgedruckt. Ein 125mm hoher Zettel, der im Goethemuseum Frankfurt aufbewahrt wird, enthält Goethes eigenhändige Reinschrift von "Lieblich ist..." Weder der obere noch der untere Rand des Zettels ist gerade. Die "Pend-Nameh" Verse befinden sich auf einem 100 bis 102mm hohen Zettel, der im Kestner Museum Hannover archiviert ist. Auch die obere und untere Kante dieser Handschrift sind nicht gerade. Verzeichnet man die Umrisse der Blätter auf durchsichtigem Pauspapier und vergleicht man vermittels dieser Pausen die untere Kante der Frankfurter Handschrift mit der oberen der Hannoveranischen, so wird es klar, daß die beiden einmal zur selben Reinschrift gehörten. Zusammen ergeben sie eine Höhe von 227mm. Das Wasserzeichen auf dem unteren Zettel ist "FB" und vertritt die am häufigsten vorkommende Papiersorte des frühen Divans. Solche Blätter sind immer 331 bis 333mm hoch; die zwei Zettel ergeben zusammen dagegen nur Zweidrittel des normalen Folioblatts. Auf den weiteren Blättern dieses Typs ist die untere Kante des Wasserzeichens "FB" immer ca. 184 bis 186mm vom oberen Blattrand, auf den zusammengesetzten Zetteln dagegen nur 170mm. Folglich fehlen oben ein 14 bis 16 und unten ein 90mm hoher Streifen. Nun hat Goethe im ersten Jahre seiner erneuten Beschäftigung mit der östlichen Literatur zwei verschiedene abgeschlossene Numerierungen durchgeführt. Eine Nummer oben rechts erschien im Laufe des Jahres 1814 auf etwa 53 Handschriften. Ende Mai 1815 ordnete er die nun auf hundert Gedichte gewachsene Sammlung neu. Er stellte dabei eine Liste der Gedichte, das sogenannte Wiesbader Register, auf und numerierte die Reinschriften jetzt oben links. Bei beiden Numerierungen stehen die Ziffern normalerweise nur 15 bis 20mm unter der oberen Blattkante. Vermutlich trug die kombinierte Reinschrift von "Lieblich ist..." und "Pend-Nameh" in dem...

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Additional Information

ISSN
1940-9087
Print ISSN
0734-3329
Pages
pp. 138-152
Launched on MUSE
2010-10-13
Open Access
No
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