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  • Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod:Ein höllisches Kinderspiel mit Eros oder eine mütterliche Regression?
  • Sylvain Guarda

Der Aristocratismus ist die schändlichste Verachtung des heiligen Geistes im Menschen; gegen ihn kehre ich seine eigenen Waffen; Hochmut gegen Hochmut, Spott gegen Spott.

(Brief an die Familie; Gießen, im Feburar 1834; Büchner, Sämtliche Werke [= SW] II 379)

Merciers Worte an die eifrig ihrem Opferdienst nachgehenden "Römer," "Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt wo sie verkörpert werden. Blickt um euch, das Alles habt ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte" (SW I, 62), hätte Georg Büchner seinem Revolutionsdrama Dantons Tod (1835) als Motto voranstellen können (vgl. Lehmann, "'Geht einmal ihren Phrasen nach'" 32). Sie lesen sich in der Tat wie eine Kampfansage gegen die Allmacht des Geistes und zugleich wie ein Kommentar zum angewandten Schreibverfahren selbst, das durch eine Verleiblichung der Sprache die heroische Rhetorik der Revolution in ihrem falschen Pathos bloßlegen möchte. Büchners leibliche Sprache jedoch geht weit über eine Denunzierung der "Theatralizität von Wendungen und Handlungen" hinaus (Kurz 572). Harro Müllers Einschätzung des Dramas als Versuch einer Aushöhlung herkömmlicher Tragödienkonzepte im Rahmen "einer paradoxen, nicht ins Positive überführbaren Ästhetik" wird Dantons Tod kaum gerecht (180). Offenkundig lastet auf solchem und ähnlichen Werturteilen der vielzitierte Fatalismus-Brief vom Januar 1834 an die Braut Wilhelmine Jaeglé, in dem Büchner die freie Möglichkeit des Einzelnen zur Selbstbestimmung vor der ehernen Notwendigkeit der Geschichte desillusionierend als "Puppenspiel" oder "lächerliches Ringen" hinstellt (SW II, 377). Büchners ernüchterndes Verdikt über die Geschichte hat gewiss entscheidend zur Konzeption des Dramas beigetragen, kann aber nicht als alleiniges Kriterium für dessen Wertigkeit gelten. Dieser Reduktionismus erfolgt auf Kosten anderer ebenso bedeutsamer Aspekte wie z. B. der Kind- und Vaterthematik und der inneren Spiegelungen der Dichtung, deren Würdigung den Blick für die Eigenart von Büchners leiblich provokativer Schrift schärft. Die vorliegende Studie wird den Nachweis dafür erbringen, dass das Revolutionsdrama Dantons Tod neben einer Polemik gegen den Heiligen Geist auch eine mütterliche Regression in sich birgt, die von einer Todesvision als lebendiger Ruhe durchpulst ist. [End Page 339]

In Dantons Tod hält der junge Dramatiker nicht nur über die patriarchalische Ideologie der vernunftbegründeten Aufklärungswelt, sondern auch über die idealistische Ästhetik verklärter Körperlichkeit Gericht. Er erhebt den Leib in seiner physiologischen Zeugungskraft und verwesenden Materialität zur Monstranz menschlicher Leiderfahrung (Horten 290). Jener Darstellungsabsicht kommt die erotisch geladene Phraseologie der Französischen Revolution zugute. Gerhard Knapps bisher unbefragter Behauptung, Büchner lasse das Scheitern der Revolution "aus der erotischen Pathologie der Gestalten" hervorgehen, kann man sich nur schwer anschließen, da sie die Symbolkraft der Vatergestalten im Drama kaum berücksichtigt, ganz zu schweigen von Büchners Verleiblichung der Sprache und subversiver Verkindlichungsstrategie (100 in der 1987 zweiten Auflage). Büchner prangert das christliche Kulturerbe als Ideologie der Aristokratie an, wägt zugleich aber die dem revolutionären Handeln zugrundeliegenden Prinzipien ab, wie vor ihm etwa Friedrich Hölderlin in dem Briefroman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland (1798; vgl. Guarda "Hölderlins Kinderspiel"). Auch Büchner hat sich, wie Rodney Taylor es an der St-Just-Gestalt überzeugend nachweist, mit Fichtes Geschichtstheodizee befasst ("Saint-Just's Theodicy" 36).

Die Parallele zu Hyperion ist schon deshalb berechtigt, weil Hölderlin in seinem Werk griechische und römische Mythologeme als Folie zu einer Verkindlichung der dargestellten Welt einsetzt und mithin zu einer Entscheidung über die Frage nach der Legitimität revolutionären Handelns gelangt. Die Auseinandersetzung zwischen der Fichteschen Römerfigur Alabanda und der ein neues Hellas verkündenden Dichtergestalt Hyperion fällt zugunsten des griechischen Elements aus. Auf die Darlegung eines solchen Zweikampfs zielt auch Büchner durch die Gegenüberstellung von Danton und Robespierre, die der berühmten Begegnungsszene der Königinnen in Schillers klassischem Werk Maria Stuart (1800) in nichts nachsteht. Das im raschen Szenenwechsel ablaufende, von Ruhepunkten durchsetzte Drama kreist um den historischen Zeitpunkt der Spaltung zwischen den Vertretern einer Reorganisation der Republik und den Verfechtern einer klassenlosen Gesellschaft. Warum Büchner gerade den Zeitraum zwischen...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 339-352
Launched on MUSE
2009-11-15
Open Access
No
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