In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

  • Brechtblock
  • Notiert von Hans-Thies Lehmann

Wie komme ich, ein Mann aus Augsburg mit vielfachen Gaben, die Welt zu sehn und darzustellen, auf diese Märkte, Cafés und Amüsierbuden, und unter solche Menschen? Vierzig Jahre und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends. Ich habe die Liebe zu den Untergehenden und die Lust an ihrem Untergang. Es gibt wenige, die untergehen können, die mit Haut und Haaren aus den Fugen gehen, mit zerschmetterten Händen hinauskriechen. Die Mehrzahl verreckt in Vereinen. Stirbt wie eine Ratte, hört einfach auf. Bleibt eine Ratte, funktioniert nur immer. Ich mache/ Keinen Krieg mehr, sondern ich gehe/ Jetzt heim gradewegs, ich scheiße/ Auf die Ordnung der Welt, ich bin/ Verloren. Unsere Klassiker haben ihre Werke nicht dazu geschrieben, daß der Betrieb des Augsburger Stadttheaters fortgeführt werden kann. Ich bin Stückeschreiber. Eigentlich wäre ich gern Tischler geworden, aber damit verdient man natürlich zu wenig. Aber dann in die Literatur eintretend, kam ich über eine ziemlich nihilistische Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht hinaus. Durch die Ungunst der Zeit/ Und durch das Festhalten an Idealen/ Bin ich mit meiner Kunst in die Klemme geraten. Ich habe mich schwer an die Städte gewöhnt. Ich hatte kein Geld und zog immerzu um. Als ich später etwas Geld hatte, wollte ich alles kaufen. Der erste Bedarfsgegenstand, den ich kaufte, war eine Axt. Um sie als Axt zu gebrauchen, hätte man sie schleifen lassen müssen. Ich benutzte sie also zum Einschlagen von Nägeln, und dazu war sie zu groß. Wie man merkt, kaufte ich auch Nägel. Langsam, jedoch unaufhaltsam, wurde das Problem der Städte lösbar. Schweig!/ Was, meinst du, ändert sich leichter/ Ein Stein oder deine Ansicht darüber? Ich bin immer gleich gewesen. Ebenso kalt wie der Wind ist die Lehre ihm zu entgehen. Er prüft jedes Wort wie ein schwarzes Gewässer/ Ob es seicht und warm genug ist für ihn. Die Sprache ist dazu da, um die Taten zu verurteilen. Dies ist ihre einzige Rolle. Aber sie füllt sie nicht einmal aus. Welcher von uns stirbt, was gibt der auf? Der gibt doch nicht nur seinen Tisch oder sein Bett auf! Wer von uns stirbt, der weiß auch, ich gebe auf, was da vorhanden ist, mehr als ich habe, schenke ich weg. Wer von uns stirbt, der gibt die Straße auf, die er kennt, und auch, die er nicht kennt. Die Reichtümer, die er hat, und auch, die er nicht hat. Die Armut selbst. Seine eigene Hand. Ich sah ein großes Herbstblatt, das der Wind/ Die Straße lang trieb, und ich dachte: Schwierig/ Den künftigen Weg des Blattes auszurechnen! Wer nur schwimmen will im Sommer, für den fließt das Wasser nicht. Sich im Gleichgewicht halten, sich anpassen ohne sich aufzugeben: das kann ein Zweck des Philosophierens sein. Wie ein Wasser sich stille hält, damit es vollkommen den Himmel spiegelt, Wolken und überhängende Zweige, auch bewegte Vogelschwärme; wie ein Kreisel sich im [End Page 50] Welt spiegelt, sich ihr zeigt und mit ihr auskommt. Wie klar spiegelt sich die Wolke im Wasser? Wann am klarsten? Woher kommt der Zweig, dessen Ursprung sich nicht spiegelt? Was macht der Wind aus über, was der Schlamm unter dem Wasser? Das sind Fragen, die da entstehen. Wo findet der Kreisel Raum, wann am meisten? Welche Schnelligkeit ist die beste? Wie laufen die andern Kreisel? Das sind da philosophische Fragen. Ich glaube nicht, daß ich jemals eine so ausgewachsene Philosophie haben kann wie Goethe oder Hebbel, die die Gedächtnisse von Trambahnschaffnern gehabt haben müssen, was ihre Ideen betrifft. Ich vergesse meine Anschauungen immer wieder, kann mich nicht entschließen sie auswendig zu lernen. Rechnet!/ Rechnet mit Fatzers Zehngroschen-Ausdauer/ Und Fatzers täglichem Einfall!/ Schätzt ab meinen Abgrund/ Setzt für Unvorhergesehenes fünf/ Behaltet von allem, was an mir ist/ Nur das Nützliche./ Der Rest ist Fatzer. Meine Liebe zur Klarheit kommt von meiner so unklaren Denkart. Ich wurde ein wenig doktrinär, weil ich dringend Belehrung brauchte. Beauftragt von den Morgigen, war ich/ Einverstanden mit morgen./ Aber...

Additional Information

ISSN
1531-4715
Print ISSN
1054-2043
Pages
pp. 50-52
Launched on MUSE
1999-12-01
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.