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  • Ingo Schulzes Erzählband Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier: “Simple” Geschichten in neuer Manier?
  • Christine Cosentino

Das Ende der DDR, an der sich die bedeutendsten Ost-Autoren gerieben, wundgerieben oder auch aufgerieben hatten, bedeutete für den Einzelnen – je nach Generation oder Mentalität – Verwirrung, Ärger, Fremdheit, Verlust, Angst, aber auch Befreiung, das Abwerfen einer Last. Mit großer Souveränität gestaltet der DDR-geprägte Autor Ingo Schulze die Wendewirren und den gesellschaftlichen Systemwechsel um das Jahr 1989, wobei dem 1962 in Dresden Geborenen, zur Zeit der Wende 27-jährigen, die politischen Gewissensqualen und Selbstzerfleischungen kritisch-loyaler Autoren wie etwa Christa Wolf oder Volker Braun fremd waren; ebenso fremd war ihm die nonchalant satirische Abwehrhaltung eines Thomas Brussig, der schwelende Hass eines Reinhard Jirgl oder der böse Ärger eines Erich Loest. Nicht fremd jedoch ist diesem vorrangig aus Ostperspektive schreibenden Autor die Erlebnissphäre des “Neulings” im vereinigten Deutschland, des “Dazugekommenen, der das [im Westen] Vorhandene nie so im kleinen Finger hatte wie jemand, der schon immer da war.” So äußert er sich in einem Interview mit Ulrich Rüdenauer. Aus dieser Situation verunsicherten “Draußenstehens” ließe sich erklären, warum das Thema von Brüchen irgendwelcher Art – Umbrüchen, Ausbrüchen, Aufbrüchen, Einbrüchen – im Laufe der Jahre der Nukleus seines künstlerischen Schaffens geblieben ist.

Schulze gestaltet die Erfahrungen des Systemwechsels und der Brüche kunstvoll doppelbödig, mit verhüllender komplexer Dichte, ohne Sarkasmus, mit freundlicher Ironie. Diese Erzählhaltung weist auf Versöhnlichkeit, ein Überwinden ostalgischer Trotzidentität zugunsten eines pragmatischen Akzeptierens des westlich Neuen. In seiner überzeugenden Untersuchung der Simple Storys analysiert Paul Cooke diese Spannung in der Identitätsbildung als etwas fortwährend Prozesshaftes, “a more dynamic, fluid notion of Eastern identity within the context of contemporary German society” (“Beyond a Trotzidentität?” 299). Verstörende Wendepunkte und Versuche, sich im gesellschaftlichen oder privaten Spektrum dem Neuen zu stellen, lassen sich in allen Schulzeschen Werken erkennen: in seinem Debütroman 33 Augenblicke des Glücks (1995) über das post-kommunistische Russland, in den Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998), im [End Page 159] Briefroman-Konvolut Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze (2005) und in seinem erst kürzlich erschienenen Erzählband Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007). Ist dieses von ihm bevorzugte, bisher konstante Thema des Wechsels und der Brüche eingebettet in einen für Schulze typischen, authentischen Stil, seinen Stil, eine Art unverkennbaren “Ingo-Sound”? Schulze hat letzteres kategorisch abgelehnt und sich wiederholt auf seine literarische Leitfigur, “seinen großen Patron” Alfred Döblin berufen, der in jedem seiner Werke stilistisch immer wieder neu ansetzte (“Mein großer Patron”). Mit Sicherheit kann man auf der Folie von Umbruch und Aufbruch bei Schulze jedoch die Erzählhaltung des “storytellings” als typisch erkennen. Gabriele Annan, die diesen Gestus zwanghaften Sprechens bereits in Schulzes Erstling 33 Augenblicke des Glücks ausgeprägt sah, sprach von einer “nesting doll”-Struktur (Annan), die im nichtabbrechenden Sprechakt immer wieder neue Misslichkeiten freilegte, die es zu überwinden galt. Cooke betont diesen offenen Endloscharakter als typisch für die Simple Storys: “the stories never end, but rather continually engender new ones” (“Beyond a Trotzidentität?” 301). Stuart Taberner, der ebenfalls die Spannung von Ostalgie und pragmatischer West-Identifikation untersucht, sieht “storytelling” sehr ähnlich, als Kunstgriff zur Darstellung einer Relativierung: “to suit the purpose of those on the margins who, endlessly, speak of their own normality” (German Literature of the 1990s 59; Hervorhebung im Original). Im Kontext einer neuen Normalität oder einer Neukonstituierung des Ostdeutschen, in der Vergangenes und Gegenwärtiges integriert ist, weist Taberner an anderer Stelle auf konstruktive Erinnerungsprozesse im Vorgang des Geschichten-Erzählens: “More important are the stories people tell and the structures of memory that they generate for themselves.” (“From ‘Normalization’ to Globalization” 215). Befragt, warum sie ständig ihre Lebensgeschichte er-zähle, antwortet eine der Personen aus Simple Storys: “Weil man so schnell vergißt” (23). Dieser Artikel unernimmt den Versuch, die neuen Geschichten des Bandes Handy auf Dissonanzen im Cyberspace-Zeitalter abzuklopfen, einem technischen Bereich...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 159-173
Launched on MUSE
2009-05-17
Open Access
No
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