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  • Dies- und Jenseits des Endes der Geschichte, Helena
  • Fritz Breithaupt

In den Diskussionen um die Bestimmung der Epochen einerseits und ihrer Schwellen andrerseits, der Paradigmen und ihrer Wechsel, ist sonderbarerweise eine Verbindung selten hergestellt worden: daß nämlich die Epoche ihren eigenen Bruch heraufbeschwört. Wer den Begriff der Epoche für legitimiert hält, wird sich dazu genötigt sehen anzunehmen, daß eine Epoche auf einem ihr eigenen Prinzip (oder mehreren) beruht—sei’s ein Wesen, Paradigma, Affekt, eine Codierung oder Leitdifferenz—durch welches sie sich als Epoche konsolidiert. Zwei prinzipielle Szenarien des Epochenbruchs sind denkbar: zum einen der Verlust dieses Leitprinzips, vielleicht durch von außen kommende Störung, zum anderen nicht die Abschwächung, sondern eben die Verstärkung des Leitprinzips, seine Überfunktion, dergestalt daß die Epoche an ihrer eigenen Tendenz zugrunde geht. Eben diese zweite Möglichkeit ist die These des alten Goethe, deren Zuspitzung heißt, daß das Wesen einer Epoche nur in der “Schönheit” bestehen kann. Geschichte, epochale Geschichte, kann, so Goethes These, nur diejenige der Schönheit sein. Das heißt nicht, daß nur den Werken der Künstler Geschichtsmächtigkeit zukommt, sondern vielmehr, daß alle gesellschaftlichen und kulturellen Formationen einer Epoche sich in einer Gestaltung der Schönheit verdichten und daß der eigentlich geschichtliche Akt das Wesen der Schönheit sowohl betrifft als auch aus ihm resultiert.

Jede Epoche hat die ihr eigene Schönheit. Schönheit ist das formale Erscheinungsgesetz, welches es den Phänomenen erlaubt, [End Page 528] sich zu manifestieren, ist ihre Phänomenalität. 1 Als solches ist sie dasjenige, was dem Prozeß des Erscheinens notwendig entgleitet, nämlich seine Bedingung oder Voraussetzung. Indem sich aber eine Epoche ihrer selbst vergewissert, zur Legitimierung ihrer Selbsterhaltung, das heißt, im Versuch der Abwehr dessen, was in ihr nicht zu erscheinen und marginal zu verbleiben hat, wird eben das Erscheinen der Schönheit gefordert. Doch da das Erscheinen selbst nicht erscheinen kann, ist das Wesen dieses Erscheinens des Erscheinens, die “Gestalt aller Gestalten,” ebenso instabil, wie die von ihr dependierenden Phänomene einer Epoche. 2 Anders gesagt, das Erscheinen kann seinerseits nur erscheinen, kann sich dabei nicht dauerhaft konsolidieren als eine Entität. Indem dieses innerste Wesen der Epoche zur Darstellung gezwungen wird, bricht es auseinander. Der Wille zur Epoche, auch der Wille ihrer Darstellung, fordert ihren Zerfall. Die Schönheit, gerade indem sie zur Geltung kommt, zerbricht am eigenen Exzeß. Suchte Faust zu Beginn nach dem, “was die Welt im Innersten zusammenhält” (382–83), so zeigt Faust II, daß eben dieses Innerste einer Welt als ihr Abgründigstes selbst keinen Halt hat und die Welt dem Zusammensturz aussetzt.

Goethe denkt die Phänomenalität, die Schönheit, nicht nur als eine eigenständige Macht, sondern zudem als eine sich von den Phänomenen ablösende Instanz. In jedem Zur-Erscheinung-Kommen spaltet sich von dem Phänomen seine eigene Phänomenalität ab. Diese Phänomenalität, das “Musterbild,” die “Gestalt aller Gestalten,” die eben nicht nur eine ausgezeichnete Gestalt unter anderen, sondern das Prinzip des Morphischen selbst ist, die “Schöngestalt” (8532), personifiziert Goethe in Helena, der Helena, die in Faust II durch die Zeit wandert. In ihr kristallisiert Goethe, was eine Epoche ausmacht, was ihr gesamtes Sinngefüge organisiert, selbst aber nicht rational gegründet ist. Helena ist die “Laterna magica,” in deren [End Page 529] Projektionen die Geister einer Epoche zum Leben kommen, solange man nicht unmittelbar in ihr Licht schaut (6377–565). Helena droht stets, an sich selbst zu zerbrechen.

“Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden,” lautet ein Satz der Maximen und Reflexionen (Nr. 726). 3 So wird Helena einmal zu der Einsicht genötigt, daß sie selbst nicht mehr als ein Idol ist, um daraufhin beinahe zu entschwinden. Sie sagt, auf den toten Achilles bezogen: “Ich als Idol, Ihm dem Idol verband ich mich. Es war ein Traum, so sagen ja die Worte selbst. Ich schwinde hin und werde selbst mir ein Idol.” Danach die Bühnenanweisung: “Sinkt dem Halbchor in die Arme” (8879–81). Wer sich selbst zum Idol, zum Bild oder Traum wird, hört auf, er selbst zu sein (ein Paralipomenon spricht von ihrem “NichtigkeitsGef...

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 528-550
Launched on MUSE
1999-04-01
Open Access
No
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