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  • Verkehrte Welt Über das Nichtformale an der ästhetischen Form
  • Konrad Paul Liessmann (bio)

In den Nachgelassenen Fragmenten von Friedrich Nietzsche findet sich eine Bemerkung, die geeignet ist, der Frage nach dem Formalismus in der Kunst in aller Schlichtheit eine entscheidende Wende zu geben:

„Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler >Form< nennen, als Inhalt, als >die Sache selbst< empfindet. Damit gehört man freilich in eine verkehrte Welt: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu etwas bloß Formalem,—unser Leben eingerechnet.” 1

Was Nietzsche hier andeutet, ist wesentlich mehr und anderes als ein einfacher Rekurs auf die in der Tradition geläufige Doppelung von Form und Inhalt. Eher handelt es sich um eine Vertauschung der traditionellen Bedeutungszuschreibungen an Form und Inhalt. Der Künstler ist gerade nicht derjenige, der an der Form interessiert ist, sondern er ist derjenige, für den die Form zum Inhalt geworden ist. Das bedeutet nicht nur eine Umkehrung der Wertschätzungsperspektiven, das bedeutet, bei näherer Betrachtung, auch, daß die ästhetischen Formen Qualitäten haben müssen, die es erlauben, sie selbst als Inhalte zu werten.

Form soll in diesem Zusammenhang vorab schlicht als das verstanden werden, was als sinnliche Qualität, unabhängig von einer anderen [End Page 588] Bedeutungszuschreibung, an den Dingen wahrnehmbar ist: Linien, Farben, Gestalten, Kontraste, Töne, Laute, Klänge, Rhythmen, spürbare sinnliche Intensitäten, dann komplexere formale Strukturen und erst im weiteren Sinn auch die kodifizierten und tradierten Formen und Formensprachen einzelner Gattungen. Solche Formen sind bei Nietzsche nicht mehr etwas, das an den Gegenständen als ihr Äußeres abgelesen und abgelöst werden kann, sondern erscheinen—zum Inhalt umgewertet—als eine welt- und bedeutungskonstituierende Leistung des ästhetischen Subjekts. Diese Leistung ist aber ein Preis, den jeder Künstler zu zahlen hat: das Leben in einer verkehrten Welt. Damit hat Nietzsche das kreative Potential, die Kraft zu formen, in negativer Weise an die lebensweltliche Existenz des schöpferischen Subjekts rückgekoppelt.

Natürlich ist dies auch die Fortschreibung eines romantischen Topos, der die ästhetische Erfahrung gegenüber der alltäglichen als verkehrt, aber gerade deshalb als um so wahrhaftiger beschrieben haben wollte. Aber es geht doch auch um die, eine avancierte Ästhetik konstituierende, Frage, wie Form selbst zu einem Inhalt werden kann. Daß an Kunstwerken Inhalt und Form sich nicht trennen lassen, sondern die Form selbst zum Inhalt geworden ist, könnte als grundlegende These dieser ästhetischen Konzeption betrachtet werden. Die Spur dieser Denkfigur läßt sich in der Geschichte der modernen Ästhetik exemplarisch von Hegel über Kierkegaard und Nietzsche bis zu Adorno verfolgen. Gemeinsam ist diesen Theorien, daß die ästhetische Form, in welcher Weise auch immer, nicht als sinnfällig gewordene Gestalt einer Bedeutung, sondern selbst als Bedeutung gedacht wird. Gerade dies aber erlaubte es in einem Umkehrverfahren erst, Kunst radikal als Form zu denken—weil diese selbst den Inhalt darstellt—und so etwas ins Spiel zu bringen, was man antiformalen Formalismus nennen könnte.

1. Hegel oder: Die Form als das, was übrigblieb

Überlegungen in diesem Zusammenhang mit Hegel zu beginnen, mag auf den ersten Blick erstaunen. Gilt doch Hegels Ästhetik als jenes Konzept, das wie kaum ein anderes Kunst aus einer inhaltlichen Perspektive zu begreifen suchte und gerade aus dem Unzeitgemäßen dieser Perspektive das Ende der Kunst ableitete. Bei genauerer Betrachtung jedoch enthält Hegels Kunstphilosophie, vor allem, wie er sie in seiner Einleitung zu den Vorlesungen über die Ästhetik entwickelte, [End Page 589] einige durchaus vertrackte Ansätze, deren Nichteinlösung folgenschwere Konsequenzen hatte. Kunst ist bekanntlich bei Hegel primär weder der Natur noch den Sinnen assoziiert, sondern dem Geist und damit dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Wahrheit. Kunst, Hegel weiß das wohl, ist aber nicht so leicht zu fassen. Auf der einen Seite ist zu deutlich, daß sie auch als „flüchtiges Spiel” gebraucht werden kann, das dem „Vergnügen und der Unterhaltung” dient und dem „Äußeren der Lebensverhältnisse” Gefälligkeit geben kann, sie verziert und schmückt. 2 Solche Formen von Ornamentik und formaler Gefälligkeit, von Behübschung, Design und Life-style sind zwar nicht zu verachten, sie machen das Leben auch angenehmer und abwechslungsreicher, aber die Kunst ist...

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 588-611
Launched on MUSE
1998-04-01
Open Access
No
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