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Reviewed by:
  • Der Teutsche Merkur. Ein Repertorium
  • Lieselotte E. Kurth-Voigt (bio)
Thomas C. Starnes, Der Teutsche Merkur. Ein Repertorium. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag 1994. 694 S. DM 128.-

Im Jahre 1772 traf Wieland zwei wichtige Entscheidungen: Er akzeptierte die Einladung der Herzogin Anna Amalia, als Erzieher des Prinzen Carl August nach Weimar zu kommen, und er verwirklichte den langgehegten Plan, “eine Art von Journal zu entrepreniren, welches quo ad formam einige Ähnlichkeit mit dem Mercure de france haben soll” (17. 9. 72 an Riedel). Da die staatliche Besoldung von 1000 Reichstalern nicht ausreichte, seine ständig anwachsende Familie standesgemäß zu versorgen, hoffte er, daß dieses Unternehmen seine Existenz als freier Schriftssteller zukünftig sichern würde, zumal der Merkur im Selbstverlag erscheinen und die Kosten eines Mittelsmannes ersparen sollte.

Das erste Stück der neuen Zeitschrift, die nicht nur “Gelehrte allein, sondern auch . . . Damen, Edelleute u. d. m.” anzusprechen hätte (10. 8. 1772 von Jacobi), erschien im Januar 1773. Eine ausführliche “Vorrede des Herausgebers” erläuterte die Aufgaben, die Wieland sich und seinen Mitarbeitern stellte. Er hoffte, berühmte Dichter und Wissenschaftler als Beiträger zu gewinnen, dem Publikum aber auch jüngere, weniger bekannte Schriftsteller vorzustellen. Das Vorbild des Mercure de France, mit zahlreichen Berichten über Ereignisse in Paris, konnte nur bedingt gelten, denn Deutschland hatte ja keine zentrale Hauptstadt, die als “Gesetzgeberin des Geschmacks” fungierte und in der die “Virtuosen” einer Akademie wirkten. Etliche Sparten eigneten sich jedoch sehr gut als Modell: poetische und prosaische Originalstücke; Briefe, Dialoge und kleine Abhandlungen; soziologische und wissenschaftliche Berichte; Artikel über Institute und Gesetze sowie Anzeigen neuer Erfindungen und Entdeckungen. Darüberhinaus kündigte Wieland Übersetzungen auserlesener Stücke fremdsprachiger Literatur an, und er hoffte, durch eine neue Art der Kritik, vornehmlich die “unparteiische Revision” andernorts veröffentlichter Besprechungen, das Urteilsvermögen seiner Leser zu fördern. Nicht angekündigt wurden spätere Erweiterungen: kritische Anmerkungen und korrigierende Fußnoten des Herausgebers zu den Beiträgen anderer; musikologische Stücke mit Notenbeilagen sowie kunsthistorische Artikel mit Illustrationen und Stichen [End Page 491] als auch die Erstveröffentlichung einiger Werke Wielands, darunter Die Abderiten, Teile des Goldnen Spiegels und Oberon, sowie die einflußreichen, am intensiven zeitgenössischen Diskurs teilnehmenden Dialoge, welche sich mit den überstürzt aufeinanderfolgenden Ereignissen der französischen Revolution auseinandersetzten.

Durch diese Vielfalt des Gebotenen unterschied sich Der teutsche Merkur von den typischen Rezensionszeitschriften dieser Jahre, insbesondere der Allgemeinen deutschen Bibliothek (1765–1806), deren Herausgeber, Friedrich Nicolai, sich in Anlehnung an The Monthly Review (London 1749–1844) engere Grenzen gesetzt hatte. Und anders als die AdB, die jeweils als individuelles Buch bandweise verkauft wurde, bot Wieland den Merkur zur Subskription an.

Während der Mercure de France in seinen besten Jahren (um 1790) eine Auflage von 13.000 Exemplaren erreichte, ließ Wieland (genau wie Nicolai) im ersten Jahr nur 2500 Exemplare drucken. Allerdings wurde dank der unerwartet großen Nachfrage sogleich eine zweite Auflage notwendig, und zu Wielands finanziellem Nachteil erschienen schon bald—wie von vielen anderen seiner Werke—unautorisierte Doppeldrucke in Frankfurt und Leipzig (Kurrelmeyer, MLN XLIII [1928]). Dazu wurde der Merkur von zahlreichen Lesegesellschaften abonniert und war jahrzehntelang (das belegt Marlies Prüsner, Lesegesellschaften im achtzehnten Jahrhundert, 1972) eine der beliebtesten Zeitschriften in diesen Bibliotheken, so daß der Kreis der Leser des Merkur weit größer war, als es die Auflagenzahlen vermuten lassen.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung und der nicht zu unterschätzende Einfluß des Merkur, nach Sengle ein äußerst wirksames Medium der Erziehung und Geschmacksbildung, das—obwohl kosmopolitisch ausgerichtet—seinen Lesern den Weg zu einer klassischen Nationalliteratur wies und “im Dienste der edlen Menschlichkeit” Beachtliches leistete (Wieland, 407–22), hätten schon längst ein zuverlässiges, detailliertes Repertorium verdient. Den ersten Versuch dazu unternahm C. A. H. Burkhardt im Jahre 1872. Seine handschriftliche Bibliographie umfaßt allerdings nur 110 Seiten, wurde lediglich als Manuskript vervielfältigt und erfuhr keine weite Verbreitung.

Professor Starnes, Herausgeber der dreibändigen Sammlung von “Positivismen” zur Lebensgeschichte Wielands (Sigmaringen 1987), bereichert mit diesem Repertorium nicht nur die Wielandforschung, sondern die Kulturgeschichte der erfaßten Jahre überhaupt. In einer kurzen Einleitung (7–9) skizziert er, in vielleicht allzu knappen Zügen, biographische und journalistische Aspekte. Eine Darstellung...

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 491-494
Launched on MUSE
1997-04-28
Open Access
No
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