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  • Eine romantische Synthese und ihr notwendiges Scheitern.Edgar Reitz' filmische Chronik Heimat 1–3
  • Heinz-Peter Preusser (bio)

Heimat, heißt es in jener berühmten Schlusssentenz aus Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung, Heimat sei etwas in der Welt, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war" (1628): ein Ort und Nirgendort gleichermaßen – so die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen ου τοπος –, ein Raum und eine erinnerte, verstrichene, uneinholbare Zeit. In Deutschland war der Begriff Heimat lange tabu, diskreditiert durch den Nationalsozialismus und das Dritte Reich (Reitz, Bilder in Bewegung 16). Die Heimatfilme der fünfziger Jahre, die im Schwarzwald, in den Alpen oder in der Lüneburger Heide spielten, konnten dem nicht tatsächlich etwas entgegensetzen, sondern verlängerten nur, was in der NS-Zeit ideologisch besetzt war, ins Unpolitische. Schauspieler wie Sonja Ziemann und Rudolf Prack, Claus Biederstaedt oder Walter Giller dominierten Werke wie Géza von Bolvárys Schwarzwaldmelodie (1956) oder Hans Deppes Grün ist die Heide, dem ersten deutschen Farbfilm der Nachkriegszeit (1951; vgl. Kaschuba 80–84). Die Stücke von Franz Xaver Kroetz oder Martin Sperr und der Neue deutsche Film der 60er und 70er Jahre lieferten die kritische Antithese dazu und denunzierten, was zuvor im Idyll verzärtelt und verkitscht wurde, etwa in Peter Fleischmanns Jagdszenen aus Niederbayern oder in Katzelmacher von Rainer Werner Fassbinder (Kaschuba 101–16; weiter zu dieser Entwicklung bei Fiedler 19–58; Hartlieb 33–48; Kaes 17; von Moltke 32). Mit seiner filmischen Chronik hat Edgar Reitz dem Wort Heimat eine andere, intellektuellere, aber auch wieder freundlichere Wendung gegeben. Und mit Heimat 3, ausgestrahlt im Fernsehen zum Jahresende 2004, hat der Zyklus nach zwanzig Jahren, dreißig Filmen und zweiundfünfzig Stunden Spieldauer seinen Abschluss gefunden (Reitz, Die Heimat-Trilogie 545–91). Nimmt man die Produktionszeit und die Stoffentwicklung auch vor der ersten Heimat hinzu, hat sich der Regisseur insgesamt fünfundzwanzig Jahre lang mit dem Zyklus befasst. Gegen Ende der Dreharbeiten zu Heimat 3 ist der 1932 geborene Reitz siebzig Jahre alt. Was war, was ist und was könnte also Heimat werden, nach Reitz?

Heimat 1, 1984 fertiggestellt, setzte nach dem verlorenen Krieg 1919 ein, mit der Heimkehr des Soldaten Paul Simon aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Schabbach, seinem Geburtsort im Hunsrück. Bezeichnenderweise heißt diese erste Folge Fernweh: denn das Vertraute ist zugleich die Welt der Tradition, die mehr [End Page 234] einengt als absichert. In dieser Enge erlebt die Familie Simon den heraufziehenden Nationalsozialismus. Nur Paul, der Heimkehrer, verschwindet wieder, lässt Frau, Vater, Mutter, Geschwister ohne ein Wort zurück. Von diesem unsteten Familiengründer spannt sich der Bogen über den spätgeborenen Hermann, der als Empfindsamer unverstanden bleibt im kleinen Dorf und als Musikstudent nach München zieht. Auflehnung wird eingetauscht gegen die große Welt. Die Zweite Heimat, 1992 uraufgeführt, in deren Zentrum nun Hermann agiert, erzählt die Chronik einer sich neu erfindenden Jugend. Die Kulturrevolution der 60er Jahre ist ein Lebensprogramm. Das Experiment am eigenen Selbst begründet den Heimatgedanken neu: als utopischen Entwurf (vgl. Schlink 32). Doch auch diese emphatische Zeitstrecke deutscher Geschichte bleibt romantisch unerfüllt.

Die Liebe kommt erst in der dritten Staffel an ihr Ziel: in den Jahren nach der Wende 1989 – eine symbolische, überdeterminierte Wiedervereinigung. Hermann und Clarissa, nach gescheiterten Ehen und je einzelnen Karrieren als Musiker, finden sich in Heimat 3 wieder, erwerben und restaurieren das Günderrode-Haus hoch über dem Rhein und am Fuße des Hunsrücks. Doch die scheinbare Heimkehr, die nach den zwei verlorenen Kriegen auch für Deutschland einen neuen Gründungsmythos bereithält, die romantische Synthese, will nicht gelingen (Galli 248–52).

Reitz erzählt Geschichte von unten, als eine fiktive Lebenswirklichkeit, wie sie sich hätte ereignen können (Scholz 40–55). Die Historie bildet den Rahmen. Mit Heimat 3 wird dieses Bezugsfeld verlassen. Die Akteure handeln in der Welt, sie gestalten selbst und haben sich doch so wenig wie am Anfang, als sie unter den Zwängen des Dorfmilieus litten. Nebenbei zeigt Heimat 3 alle Klischees auf, die sich die deutschen Akteure in West und Ost voneinander machen. Es sind Stereotypen des Nationaldiskurses, die in den Texten von Thomas Brussig...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 234-250
Launched on MUSE
2007-06-28
Open Access
No
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