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  • Neue Formen der "Ostalgie" – Abschied von der "Ostalgie"?Erinnerungen an Kindheit und Jugend in der DDR und an die Geschichtsjahre 1989/90
  • Susanne Ledanff (bio)

Es liegt nicht an der DDR, sondern an der Natur des Erinnerns, dass die DDR plötzlich so viele gute Seiten hat.

(Thomas Brussig, in Lambeck)

Zu den neueren Trends in der deutschen Gegenwartsliteratur gehören die Erinnerungsbücher von zwischen 1965 bis 1979 in der ehemaligen DDR geborenen Autoren, die sich mit der Alltagsgeschichte der DDR der 80er Jahre beschäftigen und das "Andere" und "Exotische" von DDR-spezifischen Lebensläufen in einem entideologisierten Blickwinkel präsentieren. Das bekannteste Buch dieses Trends, der zum Bestseller avancierte dokumentarische Band Zonenkinder (2002) der 1976 geborenen Jana Hensel, präsentiert sich als Sprachrohr einer Generation des "Übergangs." Das Buch bewirkte einen regelrechten Hype der DDR-Erinnerungen. Hensels Buch enthielt Identifikationsangebote für die Leser und Leserinnen. Die Gnade der späten Geburt erspart der jungen Autorin den Vorwurf, dass ihre Alltagserzählungen Verdrängungen und Idealisierungen bergen.

Die zweite Beobachtung, die aus den Neuerscheinungen des deutschen Literaturmarkts gezogen werden kann, ist eine intensive Beschäftigung mit den Revolutions-und Wendejahren 1989/90 bei namhaften Vertretern der Autoren der ehemaligen DDR, zum Beispiel bei Thomas Brussig in seinem Roman Wie es leuchtet (2004) und in Ingo Schulzes Roman Neue Leben (2005). Die Kindheits- und Jugenderinnerungen der jungen Generation sind auf die Frage zu betrachten, ob sie einen Abschied von den medialen Manifestationen der Ost-Nostalgie bedeuten oder die Trends der Zelebrierung der DDR-Alltagskultur in den Medien nicht eher bestätigen oder ob sie vielleicht mit ihrem Authentizitätsanspruch eine neuartige Variation des Phänomens der "Ostalgie" darstellen. Das Thema der von der 89er "Revolution" erschütterten Gesellschaft hingegen erinnert an das des Feuilletonschlagworts vom "Wenderoman." Die Etablierung des Bilds des geschichtsbewegten Volks erscheint als neuer Fixpunkt in den Wandlungen der DDR-Erinnerungskultur. Mit den zwei neueren Zeit- und Epochenromanen scheint der literarische Trend zu einer autobiographisch beglaubigten Retrospektive auf die 80er Jahre in der DDR namentlich der jungen Generation überwunden zu sein. Das heißt aber nicht, dass gerade bei dem Wendethema nicht auch [End Page 176] Anknüpfungspunkte an eine hochgradig emotional besetzte Phase in den Biographien der ehemaligen Ostdeutschen gegeben wären und sich somit möglicherweise ein neues Thema der DDR-Geschichtsnostalgie auftut.

In diesem Beitrag geht es um die Wandlungen der DDR-Erinnerungskultur und deren Bedingungen, und zwar im Blick auf die neueren Trends and Tendenzen dieser Problematik. Das "Gedächtnis als Leitbegriff der Kulturwissenschaften" (Aleida Assmann) erlebt einen Aufschwung in der Forschung, zu einem Punkt, in dem der Umbruch 89/90 zu Neudeutungen von gesamtdeutschen Geschichtsnarrativen führte. Es liegt also nahe, die neueren Zeitbilder der untergegangenen DDR und der Ausnahmezeit der Wende in ihren autobiographisch-dokumentarischen wie literarischen Formen auf kultur- und mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen hin zu betrachten.

Vorweg ein beliebiges Beispiel der "Ostalgie": In der taz vom 6./7. November 2004 erschien, begleitet von einem Foto barbusiger DDR-Modelle, das die "Damenmode Ost, 1978" lustig in Szene setzte, der Lebensbericht einer Anja Maier, die auf ihre Vergangenheit "mit Staunen" zurückblickt. Die taz veröffentlichte in dieser Story Erinnerungen an den 9. November 1989 und das darauf folgende "wunderbare Jahr," um dann mit der deprimierenden Darstellung der Arbeitslosigkeit der Schreiberin und den Grübeleien zu ihrer Ostidentität abzuschließen. Abgesehen von dieser zufällig herausgegriffenen Berichterstattung ist der 3. Oktober ein zuverlässiges Datum für die Flut von ostdeutschen Mentalitätsstudien in den Medien. Ein weiteres in den Medien überaus bekanntes Phänomen sind die Ostalgie-Shows und die Fülle von Darbietungen eines kultigen Umgangs mit DDR-Artefakten, mit Fahnen, Uniformen, Schlagern, ostdeutschen Speisen und skurrilen Alltagsgegenständen. Im Blick auf die gegenwärtigen Debatten sei gesagt: Der populärwissenschaftliche Begriff der Ostalgie birgt zweifelsfrei negative Konnotationen – jedenfalls in den neueren westlichen Polemiken. Der Journalist Wolfgang Herles stellt im Jahr 2004 in seiner Polemik Wir sind kein Volk fest, dass es Unterschiede zwischen "DDR-nostalgischen Milieus" mit ihren politisch restaurativen Ideen und dem "gesamtdeutschen Phänomen der Ostalgie" gibt, dass aber das mentale Problem der Ostdeutschen vom Westen mit allzu großer Rücksicht auf die Verletzlichkeiten...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 176-193
Launched on MUSE
2007-06-28
Open Access
No
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