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  • Rückblicke auf Strategien des verdeckten Schreibens in Romanen von Katja Lange-Müller und Monika Maron
  • Katharina Grätz (bio)

Mit ihrem im Jahr 2000 erschienenen Roman Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei stimmt Katja Lange-Müller einen eigenwilligen Abgesang auf das Ende der DDR an. Die in den siebziger Jahren einsetzende Romanhandlung erzählt vom Niedergang einer privaten Druckerei in Ostberlin und thematisiert weniger die politischen Umbrüche als vielmehr die Veränderungen in den Kommunikations-und Distributionsstrukturen von Texten. In den Mittelpunkt ihres Romans rückt die Autorin, deren Werke in den achtziger Jahren in der DDR zensiert und verboten wurden, die "verdeckte Schreibweise," das literarische Verfahren der doppelten Codierung und doppelten Lesbarkeit von Texten. Doppelte Codierung meint, dass ein Text in seinem unmittelbaren Wortlaut zum Träger eines Subtexts, einer zweiten verborgenen Bedeutungsschicht wird. Diese Schreibstrategie, die häufig in totalitären Systemen praktiziert wurde (Ehrke-Rotermund/Rotermund 11), zielt darauf, die Zensur zu umgehen und unter Ausnutzung getarnter Kommunikationsspielräume einen oppositionellen Gehalt zu übermitteln. Eine neuere Studie hat die von Schriftstellern der DDR angewandten Formen der "Tarnung" am Beispiel von Stefan Heym und Christa Wolf detailliert herausgearbeitet (Borgwardt 501 u.ö.).

Das verdeckte Schreiben vollzieht sich als doppelte sprachliche Kommunikation. Es stellt den Autor vor die Anforderung, "bestimmten Lesergruppen kritische Aussagen zu übermitteln und zugleich anderen Lesergruppen, vor allem den Lektoren in den staatlichen Kontrollinstitutionen, die 'eigentliche' Bedeutung eben dieser Aussagen vorzuenthalten" (Rotermund 28). Zu diesem Zweck werden Tarnstrategien angewandt, die Leser und Autor in ein Verhältnis der Komplizenschaft treten lassen. Darin liegt ein wesentlicher Reiz des verdeckten Schreibens, wie etwa der Schriftsteller Wolfgang Eckert betont, dessen Roman Familienfoto erst nach zähem Ringen mit den Zensurbehörden in der DDR erscheinen konnte: "Das Verstecken von Sätzen und das Entdecken durch die Leser bereitete beiden Teilen großes Vergnügen. Es war eine Art geheimes Einverständnis, und darauf beruhte nicht unwesentlich der Erfolg der DDR-Literatur hier im Land" (Zipser 115f.). Charakteristisch für viele Werke der DDR-Literatur war eine Camouflage-Taktik: Seit den 70er Jahren griffen die Autoren vermehrt auf historische und antike Stoffe zurück, um in deren Gewand aktuelle Erfahrung und gesellschaftliche Probleme zur Sprache zu bringen (Mehnert). [End Page 194]

Indem Lange-Müllers Roman ein literarisches Verschlüsselungsverfahren zum zentralen Gegenstand macht, reflektiert er retrospektiv die Bedingungen und Möglichkeiten literarischer Kommunikation unter den repressiven Verhältnissen der DDR und unter dem Druck einer offiziell nicht eingestandenen, aber, wie man inzwischen weiß, überaus wirksamen staatlich institutionalisierten Zensur (Wichner/Wiesner; Zipser). Alle literarischen Texte, die in der DDR erschienen, hatten zunächst ein Druckgenehmigungsverfahren zu durchlaufen. Es wurden Gutachten und Gegengutachten bestellt; an den Autor ergingen Hinweise, wo er an seinen Texten zu feilen, wie er sie zurechtzustutzen hatte, damit sie den ideologischen Richtlinien entsprachen. Erfolgte nach diesem Procedere tatsächlich die Druckgenehmigung, so bedeutete das noch nicht, dass alle Hindernisse überwunden waren. Auf die Phase der Vorzensur folgte nicht selten eine Nachzensur, etwa durch die Verzögerung von Druck und Auslieferung oder indem die Auflage bewusst niedrig gehalten wurde.

Mit der Wende war diese Form staatlicher "Literaturlenkung" zur Geschichte geworden, wie sich überhaupt die Rahmenbedingungen literarischer Produktion und Veröffentlichung grundsätzlich gewandelt hatten. Der politische und gesellschaftliche Systemwechsel verlangte den Schriftstellern eine Umorientierung ab: Nicht nur hatten sie ihren gesellschaftlichen Ort und ihre Funktion neu zu definieren, auch ihre künstlerischen Konzepte und Schreibweisen mussten sie neu überdenken. Mit dem Wegfall der staatlichen, die Meinungsfreiheit beschneidenden Kontrolle erschienen über Jahrzehnte hinweg erprobte und eingeschliffene Schreibverfahren mit einem Mal unangemessen und funktionslos. Insbesondere die literarischen Verschlüsselungsstrategien des verdeckten Schreibens waren obsolet geworden. Dieser tiefgreifende Wandel der literarischen Kommunikationsbedingungen steht im Mittelpunkt dieser Überlegungen, die an ausgewählten Texten zeigen, wie ostdeutsche Autoren die krisenhafte Erfahrung des literarischen Systemwechsels literarisch reflektiert haben. Auf Katja Lange-Müllers Die Letzten wird zunächst eingegangen, um an ihrem Roman die Bedeutung und die Tragweite der Fragestellung aufzuweisen. Ein zweiter Schritt skizziert, wie sich die durch die Wende verursachten Verschiebungen im literarischen Kräfteverhältnis auf das Selbstverständnis der ostdeutschen Autoren ausgewirkt haben. Im Ausgang von Monika Marons Roman Endmoränen wird dann dargestellt, welche Probleme...

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Additional Information

ISSN
1911-026X
Print ISSN
0037-1939
Pages
pp. 194-205
Launched on MUSE
2007-06-28
Open Access
No
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