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MLN 121.3 (2006) 783-787



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Christopher J. Wild, Theater der Keuschheit—Keuschheit des Theaters. Zu einer Geschichte der (Anti-)Theatralität von Gryphius bis Kleist. Freiburg im Breisgau: Rombach, 2003. 525 pages.

Nach einer überaus rasanten Karriere etablierte sich 'Theatralität' spätestens in den neunziger Jahren als eine zentrale analytische Kategorie in Literatur- und Theaterwissenschaften. Gemäß dem Protokoll institutioneller Akkreditierungen von Forschungsfeldern folgten einer Vielzahl systematisch orientierter Begriffsklärungen sowie manifesthaft-verheißungsvoller Absichtsbekundungen schließlich Falluntersuchungen, die an einzelnen Autoren oder überschaubaren Zeiträumen das heuristische Potential des Konzepts 'Theatralität' zu erproben und entfalten suchten. Mit Christopher Wilds Studie liegt nun eine [End Page 783] Arbeit vor, die auf doppelte Weise den Komplexitätsgrad in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der 'Theatralität' erhöht: systematisch, indem sie unter medientheoretischen Vorzeichen dem intrikaten Zusammenhang von Theatralität und Antitheatralität nachspürt, und historisch, indem sie Brüche und Kontinuitäten (anti)theatraler Praktiken und Argumentationstopoi in der longue duree in den Blick nimmt. Während die Lektüren, die Wild zu einzelnen Autoren und Textkonstellationen vorlegt, durchaus als in sich geschlossene Interpretationen mit Gewinn gelesen werden können, liegt der vielleicht größte Vorzug des Buches denn auch gerade darin, daß es erlaubt, die Rekonfiguration und Reevaluation theatraler Darstellungspraktiken vom 17. bis ins 19. Jahrhundert hinein zu verfolgen und so teils durchaus nicht selbstevidente Zusammenhänge oder Verwandtschaften zu gewahren. Hervorgehoben werden muß, daß es Wild versteht, das für historisch angelegte Studien charakteristische darstellerische Problem zu meistern und sein ebenso breites wie dichtes Material so zu organisieren, daß über die Kapitel hinweg kaum argumentativer Reibungsverlust entsteht. Verantwortlich für die so gewonnene gute Lesbarkeit der Arbeit ist sicherlich auch die—besonders auf dem Gebiet der Theatralitätsforschung—erfrischende Bereitschaft Wilds, dieses Projekt mit vergleichsweise geringem Ballast von ausgedehnten Präliminarien zu bestreiten und sich darauf zu beschränken, die üblichen (Selbst)Verortungen von Methode und Begriffsauffassungen konzis im Anmerkungsapparat vorzunehmen. Die Anregungen, die hinter der Arbeit stehen, sowie das Analysevokabular, das diese vorantreibt, werden somit deutlich markiert; gleichzeitig bleibt der Eindruck, es hier vor allem mit genauen und undogmatisch vorgetragenen Lektüren zu tun zu haben.

Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte, die von einem Prolog und Epilog gerahmt werden. Die in den einzelnen Abschnitten vorgestellten Analysen schlagen den Bogen von der Frühen Neuzeit über die Aufklärung hin zur Weimarer Klassik, während die rahmenden Kapitel mit zwei Kleistlektüren gewissermaßen die Voraussetzungen und den Grenzwert der Argumentation definieren. So entwickelt der Prolog aus einer Lektüre von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater die für die Arbeit insgesamt tragenden analytischen Kategorien. Ins Spiel gebracht wird zum einen die Denkfigur der Verinnerlichung: Wild wertet die negative Haltung etwa Carl Ludwig Hoffmanns gegenüber dem Marionettentheater als eine "Verinnerlichung und Ableitung der allgemeinen Theaterfeindlichkeit" (16). Marionettenfeindlichkeit und die von Gottsched propagierte Vertreibung des Hanswurst von der Bühne stellen in dieser Perspektive zwei Beispiele dar, in denen sich das Theater in 'Komplizenschaft'mit seinen Kritikern begibt und "sich gegen >niedere< theatralische Praktiken [wendet]," "[u]m sich als >hohe< Kunstform gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen" (16). Als zweiten großen Komplex exponiert der Prolog die Verschränkung von Theatralität und Jungfräulichkeit sowohl als Problem der Darstellung als auch des Sujets. Als zentral für die Gesamtargumentation darf dabei die Einsicht gelten, daß "[i]nsofern Anmut in ihrer Erscheinung vergeht und Unschuld durch ihre »bloße Bemerkung« zerstört wird, . . . [End Page 784] sich die antitheatralische Ästhetik der bürgerlichen Theaters die paradoxe Phänomenologie und Epistemologie der Jungfräulichkeit zu eigen gemacht [hat]" (44). Mit dem Thema der 'verlorenen Unschuld' ist denn auch schon der letzte große Bereich benannt, der das Design der Arbeit bestimmt: die Einbindung des Phänomens der Theatralität in einen religionsgeschichtlichen Zusammenhang, der es erlaubt, das Problem des Bewußtseins von Darstellung, Beobachtung und Beobachtetwerden als eine Funktion der 'Gefallenheit', der Erbsündenhaftigkeit des...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 783-787
Launched on MUSE
2006-04-27
Open Access
No
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