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  • Metamorphosen der Literatur:Christoph Ransmayrs Die letzte Welt
  • Bianca Theisen

Verwandlungsgeschichten gehören zweifellos zum Grundbestand volkstümlichen Erzählens im Mythus oder im Märchen. Sie folgen oft dem Typ der Degradation, der Verwandlung eines Menschen ins Nicht-Menschliche—in Tier, Pflanze oder Stein—oder entsprechen dem Typ der Aszension, einer Verwandlung, die das bloß menschliche Dasein ins Göttliche oder Astrale transzendiert. Beide Arten der Metamorphose verweisen auf Grenzzustände, in denen ein Mensch auf sein Anderes trifft, auf das Nicht-Menschliche oder Übermenschliche, und machen sichtbar, daß die Übergänge zwischen Natur und Kultur fließender sind als wir gemeinhin annehmen. In der Verwandlung Arachnes in eine Spinne (noch immer eine Meisterin des Webens, aber bestraft für ihre Hybris), in Lycaons Metamorphose in einen Wolf (Konsequenz seines inhumanen, wölfischen Verhaltens) oder in der Versteinerung der trauernden Niobe hat Hegel eine Verkörperung des Geistigen im Materiellen gesehen, die zwar eine Degradation des Geistigen ausdrücke, aber bereits als eine höhere Stufe der Anschauung zu werten sei. In solchen Metamorphose-Erzählungen werde das Bewußtsein mit der natürlichen Welt konstrastiert: sie heben deren Unterscheidung hervor, anstatt, wie die symbolische Anschauung, das Natürliche nur als bloß Äußerliches darzustellen. Für Hegel individualisieren Verwandlungsgeschichten Naturphänomene, indem sie ihnen ein—wenn auch verworfenes und heruntergekommenes—Bewußtsein zuschreiben, und heben damit Erzählformen wie die Fabel [End Page 582] oder Parabel als deren Drittes dialektisch auf.1 In Hegels Ästhetik ist die Verwandlungssage so bereits eingebunden in eine Geschichte literarischer Formen, auch wenn sie, als Übergang vom Symbolisch-Mythologischen ins 'eigentlich Mythologische' weitgehend am Anfang einer solchen Geschichte steht. Für Autoren wie Franz Kafka oder, in seiner Nachfolge, Christoph Ransmayr, wird die Verwandlungserzählung jedoch zum Index des Endes der Literatur. Als narrative Artikulation zeitlicher Übergänge, des Werdens und Vergehens, beschreibt sie nicht mehr nur die krisenhafte oder phantastische Überschreitung von Speziesdifferenzierung im Einzelfall, sondern das Werden und Vergehen von Literatur selbst. Kafka löst in der Verwandlung die literarischen Formen der Verwandlungssage und der Novelle auf den Diskurs der Evolutionstheorie hin auf, wenn er die literarische Dynamik gestörter und wiederhergestellter Ordnung mit Darwins Mechanismen der Selektion engführt, die ebenso als Störfaktor, also nicht mehr teleologisch, gedacht sind.2 Kafka mag in seinen Träumen zwar noch auf Nachrichten vom Pontus—aus Ovids Exil—warten, aber am Telefon bekommt er nichts zu hören "als einen traurigen, mächtigen, wortlosen Gesang und das Rauschen des Meeres."3 In seinem Roman Die letzte Welt (1988) setzt Christoph Ransmayr Kafkas Auflösung der Literatur ins weiße Rauschen medialer Stimmenvielfalt fort. Ransmayrs Nachrichten vom Pontus beginnen mit einem tosenden Orkan, der zu einem weißen, rauschenden Vogelschwarm wird und sich dann in eine bedrohliche Meereswelle verwandelt, und sie enden in der phonetischen Auflösung eines Namens in seine Silben und deren echohafter Wiederholung. Sein Thema ist, wie Ransmayr im vorab publizierten "Entwurf zu einem Roman" programmatisch formuliert, "das Verschwinden und die Rekonstruktion von Literatur."4

Es geht Ransmayr nicht vorrangig um die fantastischen Aspekte der Metamorphose, wie sie etwa für Todorov im Vordergrund stehen. Die Ununterscheidbarkeit zwischen Fiktions- und Realitätsebene, der Zusammenfall von Bewußtsein und Körper, Geist und Materie macht die [End Page 583] Verwandlungserzählung für Todorov zu einer Form des Fantastischen.5 Auch Ted Hughes sieht in seinen Tales from Ovid im gewaltsamen, plötzlichen, und unwahrscheinlichen Gestaltwechsel der Metamorphosen den Ausdruck einer Affektkrise, in der extreme Leidenschaft mythische Züge annehme oder zur fantastischen Erfahrung des Übernatürlichen werde.6 Die Überblendung von Fiktions- und Realitätsebenen in Ransmayrs Ovid-Roman dagegen zielt eher auf mediale Differenzierungen, denn seine Metamorphosen sind zunächst fiktional eingebettet in Cottas Träume und Halluzinationen, in Cyparis' Filmvorführungen, in der visuellen Darstellung auf Arachnes Teppichen, oder in Echos von Nacherzählungen der Ovidischen Geschichten. Ransmayr geht es nicht um die halluzinatorische Auflösung der Realität im Fantastischen, sondern gerade umgekehrt um das Verschwinden literarischer Fiktionalität in die Realität hinein.

Im anachronistischen Zusammenspiel verschiedener Medien und Technologien der Aufzeichnung, Speicherung und Projektion—mündliches Erzählen, Schreiben auf archaischen Materialen und moderner Literaturbetrieb...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 582-591
Launched on MUSE
2006-04-27
Open Access
No
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