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MLN 121.3 (2006) 777-780



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Thomas Rathmann (ed.), Ereignis. Konzeptionen eines Begriffs in Geschichte, Kunst und Literatur. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2003. xi + 271 pages.

UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte am 25. Oktober 2005 die Annahme der irakischen Verfassung zu einem "historischen Ereignis," das einen "Meilenstein" auf dem Weg zu einem demokratischen Irak darstelle. Annan äußert hier nicht nur eine politische Ermunterung und seine Freude über die Entwicklungen im Irak, sondern impliziert auch die semantische Struktur [End Page 777] des Ereignisbegriffs: Ein Ereignis ist eine Markierung, die den historischen Ablauf in ein Nachher (irakische Demokratie) und ein Vorher (irakische Diktatur) aufteilt. Diese differenzproduzierende Struktur gehört zu den Grundkategorien des historischen Denkens und läßt sich beispielsweise auch in dem Begriff der "Epoche" finden, der einen in sich abgeschlossenen Bereich denotiert, in dem eine spezifische historische Konfiguration hervorgetreten ist.

"Ereignis" ist ein heuristischer Begriff, der im Gegensatz zur Epoche eine Schwelle, eine Veränderung und einen Bruch anzeigt und längere Zeiträume gewissermaßen links und rechts liegen läßt. In dieser Funktion bleibt das Ereignis für das alltägliche Sprechen, im journalistischen Jargon und—wie das aktuelle Annan-Beispiel beweist—in der politischen Rede unproblematisch. Fraglich ist diese Kategorie seit langem jedoch für die historischen Wissenschaften; und besonders dann, wenn man auf die Objektivierbarkeit von historischen Vorkommnissen reflektiert, erscheint das "Ereignis" als problematische Kategorie. Nietzsche kritisierte die Position des objektiven Historikers bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, und die gegenwärtige Geschichtswissenschaft muß vermehrt Fragen nach der sprachlichen und ideologischen Verfaßtheit von historischen Ereignissen stellen. Unter einer solchen kritischen Perspektive sieht sich der Historiker aufgefordert, die performative und selbstreferentielle Konstruktion des Ereignisses zu beschreiben.

Der Sammelband Ereignis. Konzeptionen eines Begriffs in Geschichte, Kunst und Literatur, der aus einer interdisziplinären Tagung an der Technischen Unversität Berlin vom April 2001 hervorgegangen ist, versucht nun einen Ereignisbegriff zu konsolidieren, der seine eigene Performativität zum Zentrum hat. Während sich die Beiträge, von wenigen Ausnahmen abgesehen,1 disziplinär auf den Bereich der Geschichts- und Literaturwissenschaften konzentrieren, erstrecken sich die methodischen Zugänge über ein weites Feld von Systemtheorie bis hin zu sozialhistorischer Quellenkritik. Beispielsweise geht Elena Espositos erhellende systemtheoretische Studie "Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden" auf die paradoxe Struktur der Mode ein, die den permanenten Wechsel zu einer kontinuierlichen Konstante macht. Detlev Kraacks sozialhistorische Untersuchung "Nachdenken über eine Nacht im Urwald" fragt, wie "mikrohistorische" Dokumente, also vereinzelte individuelle Lebensberichte, sich zu einem Konzept des Ereignisses verhalten und welche Formen historiographischer Lektüre sich diesem Themenkomplex nähern können.

In seinem einleitenden Artikel "Ereignisse Konstrukte Geschichten" erinnert der Herausgeber Thomas Rathmann an die sowohl historische wie auch literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ereignisbegriff und stellt die Hauptlinien einer Ereignisgeschichtsschreibung, beziehungsweise [End Page 778] die Widerstände gegen sie dar. Er verweist dabei auf die französische Schule der Annales, die einer auf dem Ereignis basierenden Historiographie ein Interesse an langfristigen und kontinuierlichen Prozessen, an Struktur, entgegensetzte. Als weiteres zentrales Element in der Auseinandersetzung um das "Ereignis" erkennt Rathmann die Tagung der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik im Jahr 1970, die zu dem Band Geschichte – Ereignis und Erzählung führte. Rathmann konstatiert, daß diese Diskussion kaum einen kohärenten Ereignisbegriff erarbeiten konnte,2 das Treffen jedoch einen wichtigen interdisziplinären Schritt darstelle, um einen historischen in Verhältnis zu einem literarischen Ereignisbegriff zu setzen.

Rathmann erkennt in der Einführung des Diskursbegriffs durch Foucault und in weiteren kulturgeschichtlichen Fragestellungen eine Rehabilitation des Ereignisbegriffs: "Gefragt wird jetzt nach dem Ereignishaften und Perfomativen."3 Ein Ereignis sei nicht einfach ein Wendepunkt der Geschichte, sondern ein Moment, der sein eigenes Sprachspiel definiert. Ereignisse erscheinen für Rathmann als performative Diskurse, "wenn Performanz bedeutet, daß ein Diskurs herstellt, was er benennt, beschreibt und bezeichnet."4 Rathmann formuliert darum als Ziel des Sammelbandes, neue Konzeptionen des Ereignisbegriffs zu entwickeln, die auf Phänomene des Sprachlichen, Zeitlichen und des Ereignishaften eingehen und so den Ereignisbegriff zu einem Knotenpunkt von verschiedenen disziplinären Interventionen werden lassen. Einen Kernbereich dieses Bandes...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 777-780
Launched on MUSE
2006-04-27
Open Access
No
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