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MLN 121.3 (2006) 780-783



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Michael Niehaus, Das Verhör. Geschichte—Theorie—Fiktion. München: Wilhelm Fink Verlag, 2003. 592 pages.

"Ein Verhör ist ein Verhör ist ein Verhör" (11)—und das gerade nicht. Die tautologische Eingangsformel und mehr noch der apodiktische Gestus, mit dem Michael Niehaus zu Beginn seiner Einleitung dekretiert: "Wir wissen hier und jetzt, was ein Verhör ist," eröffnet die Begegnung zwischen dem Leser und dem Buch ganz im Sinne von dessen Gegenstand: jener "unauflösliche[n] Beziehung zwischen Kommunikation und Gewalt" (11) nämlich, die Niehaus zufolge das zentrale Charakteristikum des Verhörs ist. Die selbst einigermaßen gewaltsame Initialsetzung, ein Kollektiv, dem der Leser umstandslos einverleibt wird, wisse hier und jetzt, was ein Verhör ist, impliziert die Notwendigkeit sofortigen Widerspruchs und leitet damit einen rezeptionsästhetisch selbst geradezu verhörförmig angelegten Prozeß ein, mit dem die Lektüre des Buchs faktisch der Aufdeckung all dessen zudrängt, was 'wir' über das Verhör nicht wissen.

Dabei reklamiert der Verfasser keineswegs a priori das "Recht auf Wahrsprechen" (12), dessen Sachwalter der Verhörende kraft seiner Institutionsbindung ist—zumindest nicht in der Eindeutigkeitsbeziehung, in der die Aussage des Verhörten idealiter zur 'Wahrheit' zu stehen hat. Es geht Niehaus vielmehr um die historische wie systematische Vielfalt von Wahrheiten über das Verhör, die er nach seiner erkenntnisleitenden "theoretischen Frage nach den im Verhör involvierten Subjektpositionen" (13) zu einer breitflächig komparatistisch [End Page 780] vorgehenden und schon deshalb überaus komplexen Geschichtsdarstellung zusammenführt. Methodisch konkretisiert sich diese Frage im konzeptionellen Begriff der 'Situation' zur Beschreibung der historischen Erscheinungsformen des Verhörs, ein Begriff, der dem Verfasser erlaubt, der Kategorie des Verhörs ein breites Spektrum gewaltdurchsetzter institutionsgebundener Kommunikationsakte zu subsumieren, angefangen von der Ermittlungsfolter über Vernehmung, Geständnis und Zeugenbefragung bis zum Protokoll, der Audienz und selbst dem psychoanalytischen Gespräch zwischen Arzt und Patient.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, deren Anordnung einer nicht ganz spannungslosen Affinitätsannahme von chronologischen und typologischen Kriterien folgt. Der erste Teil befaßt sich der Einleitung nach "mit dem Vorfeld des Verhörs in der Antike" (12), läßt diese Vorgeschichte aber bereits als durchaus eigentlichen Teil der Geschichte des Verhörs erscheinen, nicht zuletzt, weil er mit einem gelegentlich ein wenig zu modern anmutenden Subjektbegriff operiert. Gleichwohl verleiht dieser Teil den folgenden Ausführungen eine überaus faszinierende Tiefenschärfe, indem er die antike Praxis der gerichtlichen Sklavenfolter und das rhetorische Paradigma der Streitkunst, die Redefigur des Geständnisses und die Redeordnung der Zeugenbefragung in ihrem historisch-genetischen Zusammenspiel als einen Horizont sichtbar macht, vor dem die Bekenntniskultur der frühchristlichen Märtyrer ebenso in ihrer historischen Verwurzelung zutage tritt wie die bis in die Moderne hineinreichende Rechtspraxis der Folter.

Folgerichtig steht der zweite Teil im Zeichen der in ihren Anfängen auf das Mittelalter zurückgehenden Inquisition. Die Informationsdichte und analytische Präzision der Darstellung macht diesen Teil zu einem Höhepunkt des Buchs: Zu Recht grenzt Niehaus sich eingangs von Foucaults Annahme ab, die abendländische Diskursgeschichte sei aus der Redefigur der Beichte entstanden, und insistiert stattdessen darauf, das Verhör in dieser Ursprungsposition zu sehen. Es sind vor allem zwei Aspekte, unter denen diese These ihre Plausibilität entfaltet: Da ist zum einen die rigide und als solche enorm produktive Normativität des Inquisitionsverfahrens, das neben der strengen Regulierung der Folterpraxis auch neue Sprechformen juristisch codiert, darunter die des Eides; da ist zum anderen die durchweg explizite politische Dimension der inquisitorischen Verhörsituation, konstituiert durch den Straftatbestand des crimen laesae maiestatis, in dem klerikale und weltliche Jurisdiktion einen gemeinsamen Flucht- und Angelpunkt besitzen.

In den beiden letzten Teilen treten chronologische und typologische Ordnung miteinander in eine schöpferische Konkurrenz, die dem Verfasser erlaubt, zunächst die Geschichte des Verhörs seit Beginn der bürgerlichen Moderne zu rekonstruieren und dann deren Niederschlag in Literatur und Film nachzuzeichnen. Teil III setzt an der Bruchstelle ein, die die Abschaffung der Folter in die Geschichte des Verhörs eingetragen hat, um von hier aus dessen Entwicklung zu einem...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 780-783
Launched on MUSE
2006-04-27
Open Access
No
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