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MLN 119.3 (2004) 506-524



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"Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis" Brecht zwischen Kafka und Carl Schmitt

Ruhr-Universität Bochum

"Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis".1 Mit dieser Zeile am Anfang des kurzen Lehrstücks "Der Jasager" beginnt im Jahr 1930 eine lange Geschichte der Verdächtigungen und Mißverständnisse. Daß vor allem anderen "Einverständnis" zu lernen sei, diese erstaunliche Forderung, erregt Anstoß: Zeitgenossen wittern Propaganda für Kadavergehorsam und Unterordnung unter sinnlose Autorität, Literaturwissenschaftler sprechen von der Aufforderung zur "Selbstaufgabe" und zum "Versinken in Disziplin und Anonymität des Kollektivs".2 Alte und neue Freunde loben Brecht dagegen als Prediger christlicher Demut, des sinnvollen Selbstopfers für die akzeptierte Idee und der bewußten Einordnung in die Gemeinschaft. Wenn nicht von den Vorwürfen, so haben sich Brechts Lehrstücke doch zumindest von solchem Lob nie mehr richtig erholt.3 [End Page 506]

Was es im "Einverständnis" vor allem—besonders, aber auch: ganz am Anfang—zu lernen gilt, erscheint weniger klar, sobald man versucht, das Wort zu umschreiben oder zu übersetzen. Als "Billigung" oder "Zustimmung" zu etwas oder mit jemandem, als "Übereinstimmung", "Einigkeit" oder "Einwilligung" paraphrasieren "Duden" oder "Wahrig" das Wort.4 Grimms Wörterbuch verweist aufs lateinische "consensus", Langenscheidts deutsch-französisches Wörterbuch verzeichnet die Möglichkeiten "accord, approbation, intelligence, connivence".5 Besonders häufig taucht das Wort in Übersetzungen aus dem Griechischen auf—etwa der von Platons "Politeia"; dabei steht es für das griechische "homologein"—ein Wort, das je nach Kontext "übereinstimmen, zugestehen, einräumen, bekennen, beistimmen, anerkennen, zusagen, versprechen, einen Vertrag schließen, sich einigen, vereinbaren" bedeuten kann.6 Die Bedeutungsbreite verweist auf das prinzipielle Problem des "Einverständnisses": Entgegen seiner Verwendung in der zitierten Zeile des "Jasagers" kann dieser Begriff in einem Deutsch nach den Regeln der Grammatik nicht abgelöst werden von dem, worauf er sich bezieht. Das "Einverständnis" bezeichnet, anders gesagt, ein Verhältnis zu einem Anderen. Daraus ergeben sich seine Schwierigkeiten, aber darin liegt auch sein Potential.

In einem Stück Brechts taucht der Begriff "Einverständnis" erstmals im Jahr 1929 auf. 1934, als Brecht die Arbeit am Lehrstück aufgibt, verschwindet der Begriff wieder aus seinem Vokabular. Zwischen 1929 und 1934 wird er zum Schauplatz einander widerstreitender Tendenzen, zur mise en abîme der Probleme, die Brecht in dieser, seiner produktivsten Arbeitsphase, beschäftigen.

Wenn vor allem anderen "Einverständnis" zu lernen ist, dann liegt die Vermutung nahe, daß mit diesem Begriff ein Axiom bezeichnet wird. Wo Brecht das Wort "Einverständnis" verwendet, untersucht er, wie ich zeigen will, die Axiomatik des Politischen, die Frage, wie ein gerechtes Gemeinwesen begründet und durch welches Band es zusammengehalten werden kann. Ich werde diese These in drei [End Page 507] Punkten ausführen: 1. Mit dem Wort "Einverständnis" greift Brecht einen Begriff auf, der in Carl Schmitts polemischer Rousseau-Lektüre für die fundamentale Aporie im Zentrum des Gesellschaftsvertrages steht, für den Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und dem Gemeinwohl. Schmitts Theorie ist der großangelegte Versuch, diesen Konflikt auf Kosten des intervenierenden Anderen vergessen zu machen. 2. Die Erfindung der Theaterform des Lehrstückes antwortet auf die Krise des Politischen, die selbst am treffendsten als Krise des Subjekts beschrieben werden kann. In der Haltung des "Einverständnisses" vermitteln Brechts Lehrstücke die Erfahrung der theatralischen oder literarischen Verfaßtheit des Politischen, bzw. der selbst rationalen Grenzen politischer Rationalität. 3. Brechts Lehrstück trifft sich in dieser Grenzerfahrung mit der erzählenden Literatur Kafkas. Wie dort dem Leser soll hier dem sich einfühlenden Spieler das Gefühl für den Rest vermittelt werden, der in keiner politischen Ordnung aufgeht.

1. "Schmitt / Einverständnis Haß Verdächtigung"

Es ist bisher kaum bemerkt worden, daß sich Brecht im Verlauf seiner Arbeit am Lehrstück intensiv mit den Schriften des konservativen Staatsrechtlers und späteren Kronjuristen der Nazis Carl Schmitt auseinandergesetzt hat. In den Stücken zeigt sich dies in teils unauffä...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 506-524
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
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