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MLN 119.3 (2004) 627-629



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Malte Kleinwort, Kafkas Verfahren. Literatur, Individuum und Gesellschaft im Umkreis von Kafkas Briefen an Milena. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2004. 244 pages.

Im Frühjahr 1920 wird der relativ unbekannte Prager Schriftsteller Franz Kafka von einem Schreibblock geplagt. Jahre ohne nennenswerte literarische Produktion liegen hinter ihm, die Lage scheint verfahren. Oder, wie Kleinwort es ausdrückt, das Verfahren ist aussichtslos. In der Tat kann dieses Verfahren jedoch wieder aufgenommen werden, so dass es, obgleich weiter vom Stocken heimgesucht, doch noch zur Literatur kommen wird. Dabei ist Kafka gezwungen, Umwege zu gehen. Seine Schreibversuche brechen immer wieder ab, werden vom strengen Richterspruch des Autors gestrichen oder drohen, im Fall seiner exzessiven Produktion von Briefen an Milena Jesenská, sich zu verfahren im Spiel der konstruierten Beziehung zu einem "Du".

Tatsächlich wurde die Lesbarkeit von Kafkas Schreibversuchen durch die Eingriffe seiner Editoren je schon erschwert, wie Kleinworts Arbeit verdeutlicht. Aus den Ausgaben der "Briefe an Milena" strichen Haas und selbst Born viele jener Passagen über die unheimliche Doppelgängerin Jesenskás, aus denen diese Studie neue Einsichten in Kafkas Verhältnis zur Gesellschaft zieht. Die Fischer-Ausgabe der so genannten Tagebücher Kafkas, in denen der Schreibblock minutiös verhandelt wird, verbannt wiederum eben diese Verhandlung aus Streichungen, Einfügungen, Rücknahmen von Änderungen, an der sich das Stocken erst zu lesen gibt, in den unübersichtlichen Kommentarteil. "Kafkas Verfahren" versteht sich also auch als praktisches Plädoyer für die Notwendigkeit der historisch-kritischen Ausgabe von Kafkas Schriften, welche derzeit von Roland Reuß und Peter Staengle besorgt wird.

Von der fragmentarischen, als gescheitert zu bezeichnenden Literatur Kafkas geht eine Faszination aus, die unter "erfolgreicher" Literatur, gerade unserer Zeit, ihresgleichen sucht: "Er lebt in der Zerstreuung. Seine Elemente, eine frei lebende Horde, umschweifen die Welt. Und nur weil auch sein Zimmer zur Welt gehört sieht er sie manchmal in der Ferne." Was die Lesenden solcher Eintragungen Kafkas sofort in den Bann schlägt, ist ihr darin ausgesprochenes Verdikt als falsche Individuen, die im Traum der Freiheit nomadischer Horden selbst sich verlieren. Sichtbar wird diese ausgesetzte De-konstitution des zerstreuten "Er" jedoch erst in der von Kleinwort mit Adorno eingeforderten "buchstäblichen" Lektüre Kafkas, zu der die gestrichenen Zeichen hinzuzuziehen sind. Aus der originalen Fassung [End Page 627] spricht von selbst die Dispersion, die Verschwendung (gr. diaspeirein) des Individuums: "Er lebt ist von in der Zerstreuung Diaspora."

In mikrologischer Analyse der Beinahe-Texte erschließen sich so Ansätze von Literatur. Die allmähliche Entstehung vager Figuren (wie etwa des "Junggesellen" oder des "Hans", welche in frühen Textstücken häufiger auftauchen) lässt sich ausmachen. Doch wie sollen aus bloßen Umrissen von Personen, aus "Gespenstern" Romanfiguren entstehen? Kleinwort will das Handwerkzeug zur Erklärung ganz aus den Texten selbst herauslösen und, entsprechend dem dreifachen Wortsinn des "Verfahrens" Kafkas, eine Gruppierung von Problemkomplexen vornehmen. Eine erste Gruppe stellen die Fragmente der "Reihe Er" dar, also Texte in der dritten Person, denen das Verfahren im Sinne von Methode (zur Literaturproduktion) entspricht. Eine weitere Gruppe kreist um das Problem des "ich", der Selbstvergewisserung, dem das Verfahren als Prozess zugeordnet ist. Schon 1910/11 litt Kafkas Schreiben unter einer Krise, für die seine immer wieder ansetzenden Versuche eines "ich" stehen, welches sich über sich selbst klar werden will. ("Wenn ich es bedenke, so muss ich sagen, dass mir meine Erziehung in mancher Richtung sehr geschadet hat.") Indem sich etwa diese Formulierung, welche selbst einen bloßen Allgemeinplatz wiedergibt, immer wieder in Varianten wiederholt, vergewissert sich damit kein "ich", sondern es entsteht nur eine Reihe dessen, was Kleinwort "die Gleichheit des Identitätslosen" (S. 63) nennt. Von dieser sind alle weiteren "ich"-Fragmente affiziert, die allzu oft eigentlich "ich"-Fragmente bleiben.

Auch solche vorliterarischen Texte, die sich an ein "du" wenden, haben ihre Äquivalente in früheren Schreibkrisen. An ihnen wird die dritte Äquivokation des Verfahrens deutlich gemacht, diejenige des Verfahrens als Verirren. Im "du" sucht das "ich" den Kontakt zur Gesellschaft, von der jedoch...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 627-629
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
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