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MLN 119.3 (2004) 610-614



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Ulrich Stadler, Der technisierte Blick. Optische Instrumente und der Status von Literatur. Ein kulturhistorisches Museum. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002. 402 pages.

Museum

Wer durch ein Museum streift, bewegt sich von Exponat zu Exponat, von Erklärungstext zu Schautafel—und durchmisst dabei Lücken, Leerräume. Unterbrechungen als Gedankenplätze oder als Aussichtspunkt, von dem aus das Interesse nach dem Nächsten sucht. Eine freundliche Unvollständigkeit umgibt den Besucher, in dem nicht der Imperativ der Linearität und der gleichbleibenden Aufmerksamkeit herrscht. Die Imagination erschafft sich schon in den Momenten der Wahrnehmung des Einzelnen eine eigene Landschaft, in der es herausragende Punkte gibt, Überblicke, Lichtungen und Abgeschattetes.

Wenn Ulrich Stadler sein Buch Der technisierte Blick im Untertitel ein "kulturhistorisches Museum" nennt, dann begegnet er dem Leser mit einer expliziten Aufforderung: Er möge die "Kombinationsgabe" (14) spielen und sich über die Linearität der Abhandlung hinaus von der flächenhaften Ausbreitung seiner Funde und Interpretationen inspirieren lassen. So hat er dem Buch einen grafischen Museumsplan beigegeben, in dem die Säle und Depots, Archiv und ein Bildkabinett aufgeführt sind. Hierauf ist zu sehen, dass es nicht nur einen Durchgang gibt. Jeder Saal hat mehrere Ausgänge, die zu unterschiedlichen Nachbarschaften Verbindung herstellen. Diese Studie will also nicht die große These entfalten oder einer Chronologie gehorchen. Diese Untersuchung zur Funktion von optischen Geräten in der [End Page 610] Literatur lädt ein zum Meandern. Was sich weder einem geschichtsphilo-sophischen Theorem unterwerfen will noch fürs bloße positivistische Notat hergibt, will anders erwandert werden.

Ordnung

Dass der Autor trotz konvivialer Offenheit kein beliebiges Sammelsurium, gleichsam einen Wald ohne Weg offeriert, zeigt schon die Bezeichnung der Säle an. Stadler hat aus einem reichen literarischen Material, das im Anhang ausführlich aufgelistet ist, Autoren ausgewählt und thematisch gruppiert. Er beginnt mit der Emblematik des 16. Jahrhunderts (de Borja, Arndt) in der "Kleinen Sehschule", fügt daran die Physikotheologen in "Wissenschaft und Poesie im Dienste der Theologie", schreitet weiter zur "Literatur als Gesellschaftssatire" (Grimmelshausen, Swift, Jean Paul). Die weiteren Säle/Ab-schnitte thematisieren die "Scheidung von Literatur und Wissenschaft" (Kästner, Lichtenberg, Hegewisch), "Literatur als Metatheorie der Wissenschaft" (Novalis, Scheerbart), "Literatur als Wissenschaftssatire" (Hoffmann, Meyrink), "Literatur und Film als bessere Wissenschaft" (Musil, Doderer, Kluge) und "Literatur als Therapeutikum" (Goethe, Hebel, Stifter, Kurz). Die Autorenkombinationen zeigen, dass sich Stadler problemorientierte Fokussierungen erlaubt, sowohl Texte von historisch benachbarten Autoren zu Werkgruppen fügt, als auch historisch entfernte Autoren zueinander stellt. Stadler nimmt dabei jedoch nie eine verwischende Haltung ein: Die Interpretationen zu einzelnen Werken können als historische Differenzierungs-module gelesen werden. Auch wenn gezeigt wird, dass Novalis und Scheerbart ihre Texte aus einem ähnlichen erkenntniskritischen Anliegen schreiben und das prekäre Verhältnis von Sehen und Einbildungskraft als inspirierenden Funken nehmen, so werden sie dennoch nicht einem identischen Ideenkosmos zugeschlagen. Das Fernrohr bei Novalis erscheint als poetisches Sinnbild, als ein Gerät des Machens von Eindrücken, wohingegen Scheerbart eine Verdrehungslogik in Gang setzt, nach der das Phantasierte als im Außen Erblicktes in Szene gesetzt wird. Argumentiert der Romantiker also noch philosophisch-anthropologisch und setzt auf ein Zueinanderkommen von sinnlicher Welt und Sinnverfügung, verfliegt diese Vermittlung zwischen Ich und Welt bei Scheerbart und öffnet sich für eine autonome, moderne Kunst.

Die inhärente Sortierung und Kombinationslogik unterstützt Stadler mit Kommentaren, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Stadler nennt diese Einleitungen Legenden. Unterrichtend sind diese Exponaterläuterungen in zweifacher Hinsicht: Zum einen werden Hinweise zu den behandelten Autoren gegeben. Mag der germanistisch Gebildete hier nicht in jedem Fall Neues finden, so leisten sie doch wertvolle Unterstützung bei nicht kanonisierten Autoren, die ebenso behandelt werden wie die großen Namen der deutschen Literaturgeschichte. Zum anderen—wichtiger—exponiert der Autor hier leitende Fragestellungen und Kontextualisierungen, die der Leser als Orientierung aufnehmen kann—auch im Sinne des Überspringens bei der Suche nach anderen Fortsetzungen seiner Lektüre. [End Page 611]

Poetik der Optik

Wie angedeutet, versteht sich die Studie nicht als motivgeschichtliche...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 610-614
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
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