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MLN 119.3 (2004) 580-607



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Men Schen

Schnitte durch ein Gedicht Paul Celans

Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt

Ende April 1961 erscheint die zweite Auflage einer von Hans Bender zum erstenmal 1955 herausgegebenen Anthologie, die Lyriker zu ihren Gedichten - so der Untertitel - befragt, und den Titel des Beitrags von Wolfgang Weyrauch dem ganzen Band voranstellt: Mein Gedicht ist mein Messer1 . Paul Celan, im Mai 1960 zum zweitenmal aufgefordert, nachdem er - in einem Brief an den Herausgeber - das erstemal abgesagt hatte, beizutragen, läßt in die zweite Auflage einen Brief, datiert vom 18. Mai 1960 einrücken, den er als kaum verhohlenen Kommentar zu den Plagiatvorwürfen, die im Zusammenhang der sogenannten Goll-Affaire gegen ihn erhoben worden waren, ansieht. In einem andern Brief, an Otto Pöggeler, vom selben Tag, dem eine Abschrift des Briefs an Hans Bender beiliegt, nennt Celan den Satz Mein Gedicht ist mein Messer, und unterstreicht, einen „entsetzlichen Titel"2 . Gründe für das Entsetzliche der Gleichung von Gedicht und Messer schneidet, im Augenblick des Erscheinens der zweiten Auflage der Anthologie, am 30.4.1961 ein Gedicht an, das Celan dem Konvolut des 1963 erscheinenden Gedichtbands Die Niemandsrose einträgt: [End Page 580]

...RAUSCHT DER BRUNNEN

Ihr gebet-, ihr lästerungs-, ihr
gebetscharfen Messer
meines Schweigens.

Ihr meine mit mir ver-
krüppelnden Worte, ihr
meine geraden.

Und du:
du, du, du
mein täglich wahr- und wahrer-
geschundenes Später
der Rosen -:

Wieviel, o wieviel
Welt. Wieviel
Wege.

Krücke du, Schwinge. Wir - -

Wir werden das Kinderlied singen, das,
hörst du, das
mit den Men, mit den Schen, mit den Menschen, ja das
mit dem Gestrüpp und mit
dem Augenpaar, das dort bereitlag als
Träne-und-
Träne.3

Der Titel des Gedichts zitiert. Er schneidet die zweite Hälfte der letzten Zeile des 1949 in Paris geschriebenen Gedichts kristall aus: „sieben Rosen später rauscht der Brunnen":

KRISTALL

Nicht an meinen Lippen suche deinen Mund,
nicht vorm Tor den Fremdling,
nicht im Aug die Träne.

Sieben Nächte höher wandert Rot zu Rot,
sieben Herzen tiefer pocht die Hand ans Tor,
sieben Rosen später rauscht der Brunnen.4 [End Page 581]

Die erste Hälfte dieser letzten Zeile des Gedichts kristall - „sieben Rosen später" - wird weiter unten, zur Mitte des Gedichts ...rauscht der brunnen, unter Ausschluß der sieben, zu fünf Zeilen aufgetrennt, die das apostrophierte Du - das substantivierte Später des früheren Gedichts -, durch Wiederholung, unausrichtbar und unverortbar, und - weil die Rosen zum Zeitmaß und -messer unverwurzelbar bleiben - undatierbar, öffnen: „Und du: / du, du, du / mein täglich wahr- und wahrer- / geschundenes Später / der Rosen -:". Abgesetzt gegen den entsetzlichen Titel, Mein Gedicht ist mein Messer, präzisiert das Gedicht ...rauscht der brunnen nicht nur mein - nämlich das Gedicht kristall -, sondern jedes Gedicht zu einem, das Messern ausgesetzt vorliegt: nicht das Gedicht - selber hieb- und stichfest: dicht - zur Hieb- und Stichwaffe, zur Klinge oder Schneide, sondern zu einem, das - Schnitten entsprungen - Schnitten exponiert bleibt: unberechenbare Teilbarkeit vor Augen legt. Hier, am Eingang des Gedichts ...rauscht der brunnen, in dem zum Satz - durch Exzision des Prädikats - wie zur Strophe - alle Strophen des Gedichts sind Apostrophen - unverwahrbaren Satz, der Risse durch das Wort Messer vergrößert: „Ihr gebet-, ihr lästerungs-, ihr / gebetscharfen Messer / meines / Schweigens". Der Grund für die Zweischneidigkeit der apostrophierten Messer, und also für die verzweigte Apostrophe, liegt in der semantischen Unausrichtbarkeit des Worts: die Messer können Mensoren bedeuten, die mein Schweigen zu ermessen, über mein Schweigen in Worten - gebet- und lästerungsscharf - zu richten suchen. Ihre Auszeichnung zu lästerungs-, zu gebetscharfen Messern skizziert eine zwischen priester- und richterlicher, und dichterischer Anmaßung oszillierende Silhouette: in den Messern passieren Missionare, Emissäre und Beckmesser, Messe, Massaker und Rufmord einander. Zu gleich aber - das krümmt, ja verkrüppelt die Apostrophe - nennen die Zeilen die „Messer / meines Schweigens": sie zeichnen mein Schweigen zum schneidenden aus. Die Messer meines Schweigens kommen den Messern meines Schweigens entgegen. Der leise Spott, der durch dies...

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Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 580-607
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
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