In lieu of an abstract, here is a brief excerpt of the content:

MLN 119.3 (2004) 608-610



[Access article in PDF]
Gunnar Schmidt, Das Gesicht. Eine Mediengeschichte. München: Fink, 2003. 140 pages.

Gunnar Schmidt nimmt zum Ausgangspunkt seiner historisch angelegten Untersuchung die Frage nach der Semantisierbarkeit des Körpers. Entlang historischer Schnitte untersucht er den Wandel in der Auffassung des Gesichts und seiner Visualisierungsweisen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei unterscheidet er zwischen den Zeichen am und den Zeichen im Leib, nicht ohne zugleich die Grenzen der Bedeutbarkeit beider abzustecken: Deren Bezeichnungsfunktion kompliziere sich dadurch, dass sich beide Zeichenformen überlagern und "konkurrierende Semiologien" (S. 9) ausbilden. Diese Konkurrenz führe wiederum zu Allianzen unterschiedlicher Disziplinen. Schmidt unternimmt deshalb den Versuch, einige Knotenpunkte dieses Netzwerkes aus Diskursen und kulturellen Praktiken zu analysieren.

Exklusiv ist das Gesicht, weil es in verschiedenen Diskursen als "pathetisches Organ" (S. 10) adressiert wird und als ein solchermaßen privilegiertes Objekt von Bedeutung geradezu nach einer Visualisierung verlangt. Die Erfindung der Fotografie sieht Schmidt dabei als einen besonderen Einschnitt an. Diese habe einen "Bewusstseinsschub" hervorgebracht, durch den sich nicht nur die "Prinzipien der Bildgebung" (S. 13), sondern das ganze Set von ästhetischen und wissenschaftlichen Haltungen gegenüber dem Gesicht sowie die Einstellung zum Körper generell gewandelt hätten. Dabei lässt Schmidt nicht außer Acht, dass jede Gesichtsdarstellung von Vorannahmen, Wahrnehmungskonventionen und Deutungsmustern geprägt ist—wovon auch die Bildinterpretationen des Autors selbst nicht ausgenommen werden. Seine Argumentation konzentriert sich auf die (unterschwelligen) epistemischen und ästhetischen Neusortierungen, auf die Verschiebungen innerhalb des anthroplogischen Wissens über die Zeichen im und am Leib. Die Herausforderung der Arbeit besteht darin, diese Verschiebungen an den Visualisierungsweisen aufzuweisen, ohne die Bilder auf die Demonstration ihrer Thesen zu reduzieren.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts, so Schmidts These, verliert das Bild des Gesichts den Status eines ästhetischen Vorbildes, den es in den physiognomisch-pathognomischen Systembildungen des 18. Jahrhunderts eingenommen hatte, und wird zum "Entlarvungsinstrument" (S. 17). Das 18. Jahrhundert band den Wahrheitsgehalt von Bildern an die Genauigkeit von [End Page 608] idealisierten Zeichnungen, Kupferstichen oder Silhouetten. Die Aufzeichnung der transitorischen Zeichen des Gesichts wie etwa die affektive Mimik und die Bestimmung der gemischten Empfindungen markierten zugleich eine Grenze des Wissens über die Ausdrucksmodalitäten des Gesichts. Deshalb suchten Künstler wie Wissenschaftler die Idealität des Gesichts und arbeiteten zusammen. Und deshalb beginnt, so argumentiert Schmidt überzeugend, die Wissenschaft vom Ausdruck auch erst mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts. Denn gerade am idealtypischen Gesicht der Leidenschaften, für das im 18. Jahrhundert der Laokoonkopf paradigmatisch stand, wird im 19. Jahrhundert der neue Wahrheitsanspruch geprüft. So führten experimentelle Untersuchungen zum Nachweis, dass die gemeißelten Züge der Skulptur physiologisch falsch seien.

Durch solche Beispiele sowie Belege aus der Literatur der Zeit plausibilisiert Gunnar Schmidt seine These auf schlagende Weise. Auch die Grimasse, im 18. Jahrundert pauschal als unzivilisiert verurteilt, werde neu bewertet. Im vorkulturellen Affektgebaren finde die Wissenschaft nun die Wahrheit der Leidenschaften. Exklusivität erlange die unkontrollierte, animalische Leiblichkeit durch einen radikalen Naturalismus, der im Abbildrealismus des fotografischen Bildes sein visuelles Pendant finde. Für den Wahrheitsanspruch des 19. Jahrhunderts gelte deshalb: Erst das fotografische Bild macht den Ausdruck der Leidenschaften überhaupt erforschbar. Dabei zählen für Schmidt vor allem die Wechselwirkungen von Medien und kulturellen Praktiken, wenn er etwa zahlreiche "Übergänge zwischen Theater und Labor" (S. 60) feststellt. Die besondere Repräsentationsleistung der Fotografie sieht er jedoch völlig zu Recht in der Verzeitlichung des Affektausdrucks und seiner Vergleichbarkeit.

Ein Vorzug der Darstellung Schmidts ist, dass sie immer wieder zwischen archäologischer Rekonstruktion von Diskursen und der Erkundung von mediengeschichtlichen Ereignissen wechselt—ohne dabei in methodologische Fallstricke zu geraten. Die Konzentration auf die Diskursivierung der Fotografie im 19. Jahrhundert bietet diesbezüglich ein ausgezeichnetes Untersuchungsgebiet, in das Gunnar Schmidt bereits vielfach wissenschaftlich eingedrungen ist. Dieses Kapital spielt er in seiner Darstellung der Pathologie, Therapie und Visualisierung von Geisteskrankheiten vollends aus. Auf überzeugende Weise legt Schmidt das Scheitern der Körper-Semiologien vor dem pathologisierten "sprachleeren Gesicht" (S. 79) offen. Als entscheidende epistemologische Verschiebung kann er deshalb die Ablösung der "Pathos-Sprache" durch das...

pdf

Additional Information

ISSN
1080-6598
Print ISSN
0026-7910
Pages
pp. 608-610
Launched on MUSE
2004-06-11
Open Access
No
Back To Top

This website uses cookies to ensure you get the best experience on our website. Without cookies your experience may not be seamless.